Tagelang war nach dem Rücktritt von Jens Spahn als Unionsfraktionschef spekuliert und gemutmaßt worden, wer auf ihn folgen könnte. Jetzt ist klar: CDU-Mann Thorsten Frei soll es werden. Am Mittwochnachmittag unterbreiteten Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz und der CSU-Vorsitzende Markus Söder diesen Vorschlag erst dem Fraktionsvorstand der Union in einer Videoschalte, dann den Abgeordneten.
Derzeit ist Frei noch Chef des Bundeskanzleramts, doch er hat auch Erfahrung mit Fraktionsarbeit. In der vergangenen Legislatur, als Merz die Unionsfraktion führte, arbeitete Frei als Erster Parlamentarischer Geschäftsführer eng mit ihm zusammen.
Mit dem Südbadener würde ein Mann an die Spitze der Fraktion rücken, der vielen schon direkt nach der Bundestagswahl 2025 als natürlicher Kandidat für dieses Amt gegolten hatte. Damals wurde es stattdessen Spahn, Frei folgte Merz ins Kanzleramt. Jetzt könnte er also zurückkehren ins Parlament – jenen Teil des politischen Betriebs, der seine Karriere mehr als alle anderen geprägt hat.
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Frei, verheiratet und Vater von drei Kindern, begann seine politische Karriere in seiner Geburtsstadt Bad Säckingen, an der Grenze zur Schweiz, wo er 1999 – noch während seines juristischen Referendariats – in den Stadtrat gewählt wurde. Einige Jahre später wurde Frei Oberbürgermeister im südbadischen Donaueschingen, ein Posten, den er bis zu seiner ersten Wahl in den Bundestag 2013 innehatte.
Im Parlament machte er sich einen Namen als Innen- und Rechtspolitiker. Und auch wenn Frei als ausgesprochen freundlich und verbindlich im Umgang gilt, hat er innenpolitische Positionen in der Vergangenheit durchaus mit einer gewissen Härte vertreten. Im Sommer 2023 sprach er sich dafür aus, das Individualrecht auf Asyl abzuschaffen, zugunsten einer Kontingentlösung, und wurde dafür unter anderem von Grünen und SPD scharf kritisiert.
Mit dem Wechsel ins Kanzleramt änderte Frei seinen Zungenschlag
Doch mit dem Wechsel in die Bundesregierung änderte Frei auch seinen Zungenschlag, mit kontroversen Positionierungen ist er seitdem nicht aufgefallen. Seine Aufgabe sei es, „das Gemeinsame zu suchen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ in diesem Frühjahr über seine Rolle im Kanzleramt.
Wie gut ihm das gelungen ist, darüber gingen die Meinungen auseinander. Wenn es im ersten Jahr der schwarz-roten Koalition zum Teil laut bis sehr laut knirschte, dann richtete sich der Blick bei der Suche nach den Verantwortlichen auch immer wieder auf Frei. Kritiker auch innerhalb des eigenen Ladens waren zum Teil der Meinung, das Verhältnis zwischen Fernsehauftritten des Kanzleramtschefs und den Ergebnissen seiner Arbeit stimme nicht. Zuletzt waren diese Stimmen allerdings leiser geworden.
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Vom Koalitionspartner gab es warme Worte für Frei, nachdem bekannt wurde, dass er auf Spahn nachfolgen soll. Dirk Wiese, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, sagte, er habe Frei „als sehr versierten Kollegen kennengelernt, mit dem man gut verhandeln kann, der sehr detailliert in den Themen drin ist“. Da außerdem Steffen Bilger (CDU) und Alexander Hoffmann (CSU) im Amt blieben, gehe er davon aus, dass sich die zuletzt „gut eingespielte“ Zusammenarbeit zwischen den Fraktionen mit Frei an der Spitze „sehr belastbar und vertrauensvoll“ weiterentwickeln werde. Hoffmann ist Erster Vize-Fraktionschef der Union, Bilger Erster Parlamentarischer Geschäftsführer.
Die Fraktion, in die Thorsten Frei voraussichtlich zurückkehrt, ist allerdings eine andere als die, die er noch als Parlamentarischer Geschäftsführer erlebt hat. Die Abgeordneten der Schwesterparteien vertreten ihre Positionen selbstbewusst und nehmen dafür auch Konflikte mit den Spitzen der Koalition in Kauf. Auch Jens Spahn hatte das zu spüren bekommen, etwa bei der gescheiterten Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin. Er hatte in der Folge viel Energie und Arbeit investiert in Gespräche mit den Abgeordneten, um mögliche Streitthemen möglichst früh zu erkennen. Auch Thorsten Frei müsste das in seiner neuen Funktion im Blick haben.
Wer neuer Kanzleramtschef oder -chefin wird, ist offen
Sollten die 208 Abgeordneten von CDU und CSU dem Vorschlag der Parteichefs folgen und Thorsten Frei zu ihrem neuen Vorsitzenden machen, würde damit die große Lücke geschlossen, die sich mit dem unerwarteten Abgang von Jens Spahn aufgetan hat. Doch dafür würde sich an anderer Stelle ein Loch auftun – denn dann braucht Merz jemand anderen, der oder die das Kanzleramt und damit eine der wichtigsten Schaltstellen der Regierung managen kann. Der Job des Kanzleramtschefs und „Minister für besondere Aufgaben“ gilt als anspruchsvoll und sehr arbeitsreich. Wer ihn hat, muss sich eigentlich in allen aktuell wichtigen Themen auskennen und über alles informiert sein – zumindest gut genug, um zu wissen, wann das Kanzleramt aktiv werden muss.
Als möglicher Kandidat für den jetzt freiwerdenden Job wird unter anderem Günter Krings genannt, derzeit Vize-Fraktionschef der Union, aber auch Nathanael Liminski, aktuell Chef der Staatskanzlei in Nordrhein-Westfalen und enger Vertrauter von Ministerpräsident Hendrik Wüst. Denkbar ist auch, dass jemand aus dem aktuellen Bundeskabinett ins Kanzleramt wechselt – Gesundheitsministerin Nina Warken gilt hier als mögliche Kandidatin. Das allerdings würde eine größere Personalrochade nötig machen.
Am kommenden Mittwoch will die Unionsfraktion zu einer Sondersitzung zusammenkommen und ihren neuen Vorsitzenden wählen. Wer Freis Stuhl im Kanzleramt bekommt, soll davon unabhängig, aber zügig geklärt werden.





![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)

