Ein weißer Van rast in eine Menschenmenge, prallt gegen einen Baum, der Fahrer steigt aus und schlägt mit einer Art Machete auf Umstehende ein: Am Samstagabend hat ein mutmaßlicher Anschlag den Berliner CSD erschüttert. 29 Menschen wurden verletzt, eine Frau starb noch am Tatort. Das teilte die Polizei Berlin mit. Später erschossen Beamte den flüchtigen Tatverdächtigen, einen Mann namens Abdul B.. Die Tat trifft die queere Community in ganz Deutschland – auch in NRW.
Mel Müller aus Düsseldorf hätte selbst dort sein können. Der 30-Jährige Sozialarbeiter und selbst queer war zum Konzert am Vorabend nach Berlin gereist und wollte ursprünglich auch am Samstag zur Demonstration und zur Abschlusskundgebung. „Wir haben uns dann aber am Samstag dagegen entschieden, weil wir zu kaputt waren“, erzählt er. Als er von dem Anschlag hörte, sei die Erschütterung groß gewesen. „Wir waren total geschockt, wütend und traurig für die ganzen Betroffenen. Aber auch ein bisschen erleichtert, dass wir uns dagegen entschieden haben.“
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Ein Gedanke habe sich sofort aufgedrängt. „Einer meiner ersten Gedanken war: Hoffentlich war das kein Migrant, weil ich wusste, dass rechte Menschen das ausnutzen würden“, sagt Müller. Nun rücke die eigentliche Trauer in den Hintergrund. Man müsse wieder erklären, dass ein mutmaßlich islamistisch motivierter Anschlag nicht das Handeln aller in Deutschland lebenden Migranten oder Muslime widerspiegele. „Wir wollen nicht als eine Minderheit auf eine andere Minderheit gehetzt werden“, so Müller.
Neue Ängste habe der Anschlag bei ihm nicht ausgelöst – eher bestehende bestätigt. Schon bei den CSDs in Düsseldorf und Köln in diesem Jahr habe er sich unsicher gefühlt, sagt er, und Angst gehabt, „alleine mit der Bahn zu solchen Veranstaltungen zu fahren“. Er habe versucht, „nicht sichtbar“ für potenziell angreifende Personen zu sein, und sich unterwegs an andere queere oder erkennbare Gruppen gehalten. Besonders bei großen Veranstaltungen sei seine Vorsicht groß, weil auch Menschen vor Ort sein könnten, die ein queeres Leben ablehnten.
Zurückziehen will sich Müller trotzdem nicht. Im Gegenteil: Seine Antwort auf den Anschlag heißt Sichtbarkeit. „Wir müssen jetzt noch lauter sein, wir müssen uns jetzt noch mehr zeigen, wir müssen uns solidarisch zeigen.“ Er beobachte, dass die queere Community enger zusammenrücke und sich gegenseitig stärke. „Ich lasse mich da auf jeden Fall nicht von solchen Angriffen unterdrücken.“
Lassen wir nicht zu, dass Hass und Hetze uns zum Schweigen bringen. Wir sind viele. Wir sind Teil von NRW. Wir halten zusammen.
Nathan Di Battista , Queeres Netzwerk NRW
Queeres Netzwerk NRW warnt vor Folgen
Was Müller persönlich erlebt, beobachtet auch das Queere Netzwerk NRW auf Landesebene. Der Angriff treffe „queere Communitys als Ganzes“ und richte sich gegen Lesben, Schwule, Trans*, Inter*, Bisexuelle und Non-Binaries gleichermaßen, so das Netzwerk auf Anfrage. „Er hätte uns alle treffen können. Er hätte an jedem Ort und auf jedem CSD passieren können“, sagt Nathan Di Battista vom Queeren Netzwerk NRW.
Die Organisation sieht die Tat als Eskalation einer Entwicklung, die queere Menschen seit Jahren spürten. Vorurteile, Anfeindungen und gewaltsame Übergriffe nähmen zu, befördert durch die wachsenden extremistischen Ränder. Mit dem Anschlag in Berlin sei „das schlimmstmögliche Horrorszenario eingetreten“. Die Reaktionen in der Community seien vielfältig: „Angst, Ohnmacht und Unverständnis einerseits, Wut, Entschlossenheit und Zusammenhalt andererseits“, sagt Di Battista.
Schon vor dem Anschlag habe es ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegeben. Das Netzwerk verweist auf den Jahresbericht der Melde- und Informationsstelle Queerfeindlichkeit sowie auf die Lebenslagenstudie der NRW-Landesregierung aus dem Jahr 2025. Danach erleben queere Menschen den größten Teil der Diskriminierung im öffentlichen Raum – in Parks, Einkaufsstraßen oder im ÖPNV. Der Berliner Anschlag werde diese Verunsicherung weiter verschärfen.
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Zugleich erkennt die Organisation nicht nur Rückzug, sondern auch Widerstand. Einige Menschen zögen sich aus Angst zurück. Gleichzeitig verzeichneten die CSDs in diesem Jahr Rekorde bei den Teilnehmerzahlen. Seit dem Anschlag nehme man zudem „eine große Entschlossenheit in den queeren Communitys wahr, gerade jetzt weiterzukämpfen und auf Diskriminierung aufmerksam zu machen“, so Di Battista.
Noch in diesem Jahr stehen laut dem Netzwerk 19 CSD-Veranstaltungen in NRW an, unter anderem in Essen, Bonn, Münster, Dortmund und Moers. Mit den Veranstaltern steht das Netzwerk im ständigen Austausch. Die Sicherheitsvorkehrungen dürften bei allen weiteren CSDs in diesem Jahr „erheblich erhöht werden“.
NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) bestätigte auf Anfrage, dass die Polizei in NRW für die laufenden und anstehenden Veranstaltungen „noch einmal sensibilisiert“ werde. Auch Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) erklärte, dass die Sicherheitskonzepte nach Berlin neu bewertet werden müssten. „Das ist Aufgabe der Polizei.“
Queeres Netzwerk NRW fordert Aktionsplan
Das Queere Netzwerk NRW verlangt von Polizei, Innenpolitik und Behörden eine deutlich entschiedenere Reaktion auf Queerfeindlichkeit. Diese müsse „klarer benannt und entschiedener bekämpft werden“. Konkret fordert die Organisation, extremistische Gruppen dauerhaft zu überwachen, die Extremismusprävention zu stärken und Polizei sowie Staatsanwaltschaften stärker zu sensibilisieren. Viele queerfeindliche Straftaten blieben im Dunkelfeld und würden gar nicht erst angezeigt.
Darüber hinaus verlangt das Netzwerk mehr queere Schutzräume und eine bessere Erfassung queerfeindlicher Vorfälle durch Meldestellen und Behörden. „Anteilnahme ist wichtig, aber die Zeit der Lippenbekenntnisse ist vorbei“, heißt es in der Stellungnahme. Nötig sei eine entschlossene Queerpolitik, die alle Lebensbereiche umfasse. „Von der Politik erwarten wir einen Aktionsplan zu queerer Sicherheit sowie Maßnahmen gegen Queerfeindlichkeit an Schulen.“
An die queere Community selbst richtet das Netzwerk einen Appell zum Zusammenhalt. „Lasst uns gerade jetzt sorgsam miteinander sein.“ Angst, Trauer und Wut seien berechtigt, dürften die Community aber nicht spalten. „Lassen wir nicht zu, dass Hass und Hetze uns zum Schweigen bringen. Wir sind viele. Wir sind Teil von NRW. Wir halten zusammen.“





