„Marokko nein! Marokko nein, bitte!“ Immer wieder rufen junge Männer diesen Satz den spanischen Grenzpolizisten entgegen, kaum dass sie erschöpft den Strand von El Tarajal erreichen. Viele haben sich stundenlang mit Schwimmringen von der marokkanischen Küste durch das Meer nach Ceuta gekämpft. Jetzt fürchten sie nur noch eines: sofort wieder zurückgeschickt zu werden.

An dem zu Spanien gehörenden Strand El Tarajal liegen am Freitag Hunderte zurückgelassene Schwimmreifen, Taucherflossen und Neoprenanzüge im Sand. Immer wieder tauchen neue Menschen aus dem Meer auf. Etliche brechen vor Erschöpfung zusammen. Einige sinken auf die Knie und küssen den Boden. Viele rennen los, weg vom Strand, Richtung Stadt.

Migranten in Spanien - Exklave Ceuta
Bootsflüchtlinge und Migranten gehen nach dem Überqueren der Grenze zwischen Ceuta und Marokko hinter Schwimmreifen. © Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa | MARCOS MORENO

Jugendarbeitslosigkeit in Marokko treibt immer mehr zur Flucht

Andere ziehen als Erstes ihre Mobiltelefone aus wasserdichten Plastikhüllen, um ihren Familien mitzuteilen, dass sie die gefährliche Wasserroute überlebt haben.

Wer mit den Ankömmlingen spricht, hört fast immer dieselben Antworten. Sie erzählen von Arbeitslosigkeit, fehlenden Perspektiven und dem Gefühl, im eigenen Land keine Zukunft mehr zu haben. Selbst gut ausgebildete junge Menschen finden oft keine feste Arbeit. Hinzu kommt ein politisches Klima, das viele als zunehmend repressiv empfinden. Für viele marokkanische Jugendliche erscheint Europa deshalb als einziger Ausweg. Asylgründe wie politische Verfolgung oder staatliche Gewalt etwa aufgrund religiöser oder sexueller Identitäten nennen die Menschen kaum.

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Ceuta: Hunderte Migranten versuchen weiterhin, Grenzzaun zu überwinden

Spaniens Regierung schickte am Freitag die Streitkräfte zur Unterstützung der Grenzpolizei in die von marokkanischem Territorium umgebene spanische Exklave Ceuta. Zudem erklären Madrid und Rabat, dass die in den letzten Tagen irregulär nach Ceuta gekommenen Migranten so schnell wie möglich nach Marokko zurückgeführt werden sollen. Offiziell hat Spanien auf Ceuta Aufnahmekapazitäten nur für einige Hundert Schutzsuchende.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez verurteilte den Ansturm als „Angriff“ auf das spanische Staatsgebiet. Wie viele genau die Wasser- oder Landgrenze überqueren konnten, ist unklar. Inoffiziellen Schätzungen zufolge könnten es mehrere Zehntausend sein. Neue Meldungen der Regionalverwaltung in Ceuta gehen von bis zu 60.000 Menschen aus. Nach Informationen unserer Redaktion gehen EU-Behörden am Freitagmittag von knapp 50.000 Personen aus, die in der vergangenen Woche aus Marokko nach Ceuta geschwommen sind. Die Zahl soll von spanischen Behörden stammen. Es gibt aber auch europäische Innenbehörden, die von deutlich weniger Menschen ausgehen, und eher von mehreren Tausend Migranten sprechen, die sich derzeit in Ceuta aufhalten.

Mindestens 57 Migranten sind bereits ums Leben gekommen. Die meisten Menschen seien bei dem Versuch ertrunken, schwimmend von Marokko aus in die spanische Exklave Ceuta zu gelangen, berichtete der staatliche Fernsehsender RTVE. Zugleich gibt es erste Medienberichte von Menschen, die aus Ceuta zurück nach Marokko gehen, weil Trinkwasser und Unterkünfte fehlen. Teilweise sollen am Freitagvormittag bis zu 150 Personen pro Minute zurückgegangen sein. Die spanische Zeitung El País zitierte dann am Abend Behörden, nach denen bereits 48.300 Menschen das Gebiet Richtung Marokko verlassen haben.

Migranten in Spanien - Exklave Ceuta
Hunderte Migranten in Ceuta, nachdem sie die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Exklave überwunden haben.© Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa | MARCOS MORENO

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verlangte am Freitag, dass der „Schutz der Außengrenzen der Europäischen Union“ entscheidend sei. Alle EU-Mitgliedstaaten müssten dieser Pflicht nachkommen. „Spanien will und muss die Situation in Ceuta schnellstmöglich wieder in den Griff bekommen.“ Von Marokko erwarte Merz, dass die Grenzbehörden „die illegalen Migranten unverzüglich wieder zurücknehmen“.

Nach Informationen unserer Redaktion gehen Fachleute in Deutschland zunächst nicht davon aus, dass massenhaft Menschen weiterreisen können von Spanien nach Deutschland. Zum einen ist schon eine Reise auf das spanische Festland nicht möglich, zum anderen haben Menschen aus Marokko und Algerien oftmals eher Frankreich und Italien als Zielländer. Und weniger Deutschland. Angespannter dürfte die Lage für Deutschland dennoch werden, sollten Tausende Menschen auf das spanische Festland transportiert werden. Das aber hat Spaniens Regierung deutlich abgelehnt.

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Doch die angekündigten Maßnahmen der spanischen Regierung zeigten auch am Freitag zunächst kaum Wirkung. Auf der marokkanischen Seite Ceutas drängten weiterhin fast ausschließlich Männer, darunter viele junge, an die Grenze. An mehreren Abschnitten kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Polizisten und Geflüchteten und Migranten. In der marokkanischen Grenzstadt Castillejos versuchten Hunderte, den Grenzzaun zu überwinden, und bewarfen Sicherheitskräfte mit Steinen. Erst soll sich die Polizei zurückgezogen haben, später antwortete sie mit Tränengas.

Die Bilder aus Ceuta machen auch in Frankreich Eindruck. Das Land verstärkt nun seine Grenzkontrollen zu Spanien. Laut Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez seien die Kontrollen in den vergangenen Monaten ohnehin schon durch mobile Einheiten verstärkt worden.

Ceuta erlebt erneuten Ansturm: Aufnahmeeinrichtungen überfüllt

Nicht nur Ceuta geriet unter Druck. Rund 400 Kilometer weiter östlich erreichten in den letzten Tagen mehrere Hundert Migranten auch die Exklave Melilla. Dort kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen jungen Marokkanern und Sicherheitskräften. Melillas Regionalpräsident Juan José Imbroda lobte jedoch die „vorbildliche Zusammenarbeit“ der spanischen und marokkanischen Grenzpolizei. Mit der chaotischen Situation in Ceuta sei die Lage in Melilla nicht vergleichbar.

Ceuta dagegen erlebt Stunden, wie sie die Stadt seit der großen Grenzkrise von 2021 nicht mehr gesehen hat. Die Aufnahmeeinrichtungen sind hoffnungslos überfüllt. Viele Menschen irren durch die Straßen auf der Suche nach Wasser, Essen oder einem schattigen Platz zum Ausruhen. Die meisten Geschäfte und Restaurants in der 84.000-Einwohner-Stadt blieben aus Sicherheitsgründen geschlossen. 

Es gibt einzelne Videoaufnahmen in den sozialen Netzwerken, die mutmaßlich die Plünderung eines Lebensmittelgeschäfts an einer Straßenecke zeigen. Andere Videos sollen belegen, wie ankommende Migranten von spanischen Einwohnern beschimpft und teilweise verjagt werden.

Tausende Migranten sollen über Nacht von Marokko in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika eingereist sein.
Tausende Migranten sollen über Nacht von Marokko in die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika eingereist sein. © AFP | ABDEL MAJID BZIOUAT

Spanien und Marokko arbeiten an Eindämmung der Lage in Ceuta

Spaniens sozialdemokratischer Regierungschef Sánchez reiste am Freitag nach Ceuta, um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen. Madrid will verhindern, dass sich die Bilder vom Mai 2021 wiederholen, als innerhalb von nur 36 Stunden von marokkanischer Seite aus rund 10.000 Menschen in die spanische Exklave gelangten und die Beziehungen zwischen Spanien und Marokko auf einen Tiefpunkt stürzten. 

Die Zäune rund um die spanischen Festungsstädte Ceuta und Melilla gehören zu den am stärksten gesicherten Außengrenzen der Europäischen Union. Immer wieder kommt es zu Zurückweisungen von Menschen durch spanische und marokkanische Grenzbeamte. Flüchtlingshelfer sprechen von „Deportationen“, meinen offenbar organisierte Massenabschiebungen ohne Asylverfahren. Zugleich erheben sie schwere Vorwürfe der Gewalt gegen Migranten durch Sicherheitskräfte am Grenzwall in Marokko, berichteten in der Vergangenheit in einzelnen Fällen auch von Schussverletzungen bei Geflüchteten.

Migranten in Spanien - Exklave Ceuta
Migranten klettern über den Zaun, der die Grenze zwischen Ceuta und Marokko markiert. © Marcos Moreno/EUROPA PRESS/dpa | MARCOS MORENO

In den sozialen Netzwerken kursieren Videoaufnahmen, auf denen mehrere Lastwagen Menschen transportieren, mutmaßlich in Marokko und auf dem Weg Richtung Ceuta. Und genau diese Bilder werfen eine Frage auf: Nicht, warum junge Marokkaner nach Europa wollen – diesen Traum haben sie seit Jahrzehnten. Sondern warum plötzlich so viele die normalerweise von Marokko gut bewachte Grenze überwinden können.

Marokko, so scheint es Fachleuten in europäischen Innenbehörden, hat die Grenzsicherungen zuletzt vernachlässigt. „So was kann nicht passieren, wenn die Marokkaner das nicht wollen“, sagt einer unserer Redaktion. Die Gründe für die Lücken im Grenzschutz können simpel sein: Marokko schätzte die Lage ruhig ein, verlagerte Sicherheitskräfte an andere Stellen des Landes.

Oberster Gerichtshof: Urteil erschwert Abschiebungen von Migranten

Madrid verweist vor allem auf die Signalwirkung eines Urteils des Obersten Gerichtshofs. Spaniens höchste Richter entschieden vor Kurzem, dass Migranten, die schwimmend spanisches Hoheitsgebiet erreichen, nicht ohne individuelle Prüfung der Fluchtgründe abgeschoben werden können. Gerade in den sozialen Netzwerken in Nordafrika soll sich diese Nachricht über die Gerichtsentscheidung schnell herumgesprochen haben. Nach Informationen unserer Redaktion gehen EU-Behörden davon aus, dass auch Schleusergruppen diese Argumente nutzen, um Menschen gegen Geld auf die Reise zu schicken.

Laut spanischem Innenministerium ist dieses Urteil in Marokkos sozialen Netzwerken in einen Freifahrtschein für die Reise nach Europa uminterpretiert worden. Dabei, so wird versichert, seien Abschiebungen weiter möglich. Auch bedeutet das Urteil nicht, dass Menschen aus Ceuta weiterreisen können auf das spanische Festland auf der anderen Seite des Mittelmeers. Im Gegenteil: Spanien hat Migranten und Schutzsuchende in fast allen Fällen in sehr schnellen Verfahren und mit nur kurzen Anhörungen zurück nach Marokko abgeschoben. Das Land gilt der EU als sicher. Das erleichtert schnelle Abschiebeverfahren.

Spanien nähert sich Algerien an und erleichtert Saharauis Einbürgerung


Politische Beobachter halten diese Erklärung jedoch für unvollständig. Denn die neue Migrationskrise begann ausgerechnet wenige Tage nach außenpolitischen Entscheidungen Madrids, die in Rabat aufmerksam registriert worden sein dürften:

Zum einen leitete Pedro Sánchez mit seinem Besuch im Nachbarland Algerien vor wenigen Tagen eine Annäherung an den großen regionalen Rivalen Marokkos ein. Nach Jahren der Eiszeit wollen sowohl Spanien als auch Algerien ihre Beziehungen normalisieren. Sánchez sprach von einer „strategischen Partnerschaft“ und „guten Freunden“. Dahinter stecken auch handfeste wirtschaftliche Interessen: Spanien will Gas über eine Pipeline in Algerien Richtung Norden transportieren.

Zum anderen will der spanische Regierungschef künftig zahlreichen Saharauis, die in der damaligen Spanischen Sahara – der heutigen Westsahara – geboren wurden, den Erwerb der spanischen Staatsangehörigkeit erlauben. Das Gebiet stand bis 1975 unter spanischer Kolonialverwaltung und ist heute zwischen Marokko und der Unabhängigkeitsbewegung Polisario umstritten. Auch das könnte Marokkos König Mohammed VI. verärgert haben.  

Das marokkanische Militär ist in Ceuta im Einsatz.
Das marokkanische Militär ist in Ceuta im Einsatz. © AFP | ABDEL MAJID BZIOUAT

Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob hinter der aktuellen Entwicklung mehr steckt als eine spontane Fluchtbewegung. Marokko hat in der Vergangenheit Migrationskonflikte geschürt, um Druck auf Spanien wie auf Europa auszuüben. 

So war es auch während der Ceuta-Krise in 2021. Damals gelangten innerhalb weniger Stunden Tausende Menschen in die Exklave, nachdem Rabat seine Grenzschützer vorübergehend abgezogen hatte. Auslöser war die Aufnahme eines schwer erkrankten Führers der Westsahara-Befreiungsbewegung Polisario in einem spanischen Krankenhaus.