In der Hauptstadt ist absehbar ein Job zu vergeben. 276.000 Euro Jahresbezüge, auf Wunsch Wohnsitz in einer Villa in Dahlem, dazu Reisen, bei denen man etwas sieht von der Welt: Wenn Frank-Walter Steinmeiers zweite Amtszeit als Bundespräsident Anfang des kommenden Jahres endet, wird all das an jemand anderen gehen.
Wer Steinmeier nachfolgt, ist offen, doch zumindest in einem Punkt schien es bisher unter den Parteien Einigkeit zu geben: Nach zwölf Amtsinhabern in der Geschichte der Bundesrepublik wäre es an der Zeit für eine Frau im höchsten Staatsamt – oder?
Was sich Anfang des Jahres noch ausnahm wie ein weitgehender Konsens zwischen den Parteien, scheint jetzt zu bröckeln. Unionsfraktionschef Thorsten Frei sagte dieser Redaktion, er persönlich fände es schön, wenn auf Steinmeier eine Frau folgen würde. Er sagt allerdings auch, er tue sich „schwer mit einer Debatte, die von vornherein die Hälfte der Bevölkerung ausklammert“.
Dabei hatte sich der Sucher längst verengt, von der Hälfte der Bevölkerung auf einige wenige Frauen in der Union. Bei der Frage, welche Politikerinnen in CDU und CSU die nötige Erfahrung und ein gewisses Maß an Strahlkraft mitbringen könnten, wurden etwa der Name von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner oder der von Familienministerin Karin Prien genannt.
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Merz‘ Urteil über Aigner? Freundlich, aber nicht überschwänglich
Und dann gibt es da noch Ilse Aigner. In ihrem aktuellen Job als Präsidentin des Bayerischen Landtags genießt die CSU-Politikerin großes Ansehen, sie gilt als beliebt und nahbar. Aus der SPD gibt es positive Signale zu einer möglichen Kandidatur, CSU-Chef Markus Söder hatte Aigner zuletzt offensiv unterstützt. Im „ARD-Sommerinterview“ betonte er vor wenigen Tagen, dass er sie sehr schätze. In der aktuellen politischen Konstellation sieht Söder für Aigner „eine sehr gute Chance“, denn: „Man hat sich ja festgelegt, dass dieses Mal eine Frau Bundespräsident werden soll.“
Tatsächlich hat auch der Bundeskanzler schon öffentlich gesagt, es „wäre gut“, wenn Deutschland 2027 seine erste Bundespräsidentin hätte. Über Aigner konkret sagte er vor einigen Tagen, sie wäre eine „respektable, denkbare Bundespräsidentin“. Das war freundlich, aber nicht überschwänglich.
Es gibt mehrere mögliche Erklärungen, warum der Eifer für den historischen Schritt zu einer Bundespräsidentin in der CDU plötzlich abzunehmen scheint, gerade in dem Moment, wo sich die Zeichen zu verdichten scheinen, die auf eine Kandidatin deuten.
Eine davon ist Aigners Parteibuch: Eine Christsoziale im höchsten Staatsamt, das wäre ein Novum – und ein großes Zugeständnis der CDU an die kleine Schwesterpartei in Bayern.
Gesucht: Ein Staatsoberhaupt für „turbulente Zeiten“
Die andere hängt mit der politischen Großwetterlage zusammen. Es sei „nicht auszuschließen, dass die Zeiten für unsere Gesellschaft noch anspruchsvoller werden“, sagte Frei dieser Redaktion. „Dann brauchen wir eine Bundespräsidentin oder einen Bundespräsidenten mit einer gefestigten Persönlichkeit, einer möglichst unerschütterlichen Autorität und einer großen Fachkunde der politischen Abläufe.“ Auch Friedrich Merz sprach kürzlich von einer herausfordernden Zeit, zu der ein Staatsoberhaupt etwas sagen können müsse.
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Dahinter steckt die Sorge, dass angesichts der Umfrageergebnisse der AfD das Land möglicherweise auf staatsrechtlich schwierige Zeiten zusteuern könnte. Da wäre es, so sehen es manche, von Vorteil, wenn der Bundespräsident (oder die Präsidentin) sattelfest ist, was das Verfassungsrecht angeht. Aigner, gelernte Elektrotechnikerin, hat zwar jahrzehntelange politische Erfahrung, Juristin ist sie aber nicht.
Seit dieser Woche jedenfalls ist noch ein weiterer Name im Umlauf: Boris Rhein, CDU, Ministerpräsident von Hessen, von Haus aus Jurist. Unionsfraktionschef Frei könnte sich ihn jedenfalls gut als Präsident vorstellen: „Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass er ein gutes Staatsoberhaupt sein könnte“, sagt er.

Die SPD zeigt sich irritiert von der Rolle rückwärts der Union
Die SPD zeigt sich irritiert von den neuen Tönen aus der CDU. Alexander Schweitzer, stellvertretender SPD-Chef, sagte dem „Spiegel“, in der politischen Mitte herrsche große Einigkeit darüber, dass das nächste Staatsoberhaupt eine Frau sein solle. „Es befremdet mich, dass nun einige aus der Union an diesem Konsens rütteln.“ Die CDU drohe, „in Verhaltensmuster zurückzufallen, die die Gesellschaft längst überwunden hat“. Auch Dirk Wiese, Parlamentarischer Geschäftsführer der Sozialdemokraten im Bundestag, sagte, es sei „Zeit für eine Präsidentin“.
Bei den Grünen schüttelt man unterdessen den Kopf, dass bei der Union erneut eine Personalfrage so öffentlich debattiert wird. Fraktionschefin Katharina Dröge sieht die Verantwortung dafür beim Bundeskanzler – und verlangt mehr Professionalität. „Friedrich Merz hat in Personalfragen bisher kein besonderes Geschick an den Tag gelegt, weder bei der Besetzung seines Kabinetts noch bei anderen wichtigen Institutionen wie dem Bundesverfassungsgericht“, sagte Dröge dieser Redaktion. „Ich erwarte von Friedrich Merz, dass er die Wahl zur Bundespräsidentin seriöser managt.“ Und er solle dabei „die Zeichen der Zeit erkennen“ und sich für eine Frau einsetzen, findet Dröge.
„Nach zwölf Männern im Amt des Bundespräsidenten fände ich es ein starkes und wichtiges Zeichen, wenn Deutschland erstmals eine Bundespräsidentin bekäme“, sagt auch Cem Özdemir, grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Denn es gebe in Deutschland „so viele herausragende Frauen“, die die Erfahrung, Autorität und verbindende Kraft für dieses Amt mitbrächten.
An der Spitze des Staates wünscht er sich eine Persönlichkeit, „die für unsere freiheitliche Demokratie einsteht, Menschen zusammenführt und über Parteigrenzen hinweg Vertrauen und Anerkennung genießt“, sagte Özdemir dieser Redaktion. „Wenn wir dafür eine überzeugende Frau gewinnen können, wäre das aus meiner Sicht ein sehr gutes Signal.“
Offiziell festlegen wollen sich die Parteien auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten erst nach den Landtagswahlen im Herbst. Auch weil dann absehbar ist, wie die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung aussehen werden. Denn deren Besetzung wird zur Hälfte von den Ländern bestimmt. Bis zur Wahl des neuen Staatsoberhaupts ist auch dann noch genug Zeit. Die ist angesetzt für den 30. Januar.




![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)



