Die australische parteilose Abgeordnete Helen Haines stand am Montagnachmittag vor dem Kofferraum ihres Autos, als ein weißer Toyota Landcruiser sie vor ihrem Wahlkreisbüro in Wangaratta (Bundesstaat Victoria) zwischen zwei Fahrzeugen einklemmte und schwer verletzte. Nach Angaben von Augenzeugen hatte der Fahrer zuvor gewendet und sie zweimal gerammt. Am Dienstag war der Zustand der 65-Jährigen kritisch, aber stabil. Laut lokalen Medienberichten wird die Politikerin ein Bein verlieren, die Ärzte bemühen sich noch, ihr zweites Bein zu retten.

Ein Passant, der örtliche Friseur, zog den Fahrer aus dem Wagen und hielt ihn am Boden fest, bis die Polizei eintraf. Die Polizei stellte später auch ein Messer im Fahrzeug sicher. Australiens Premierminister Anthony Albanese sagte: „Das war kein Unfall. Es scheint eine vorsätzliche Tat gewesen zu sein.“ Den mutigen Friseur Ricky Jefferies nannte er „einen Helden“. Der Inlandsgeheimdienst Asio wurde eingeschaltet. Die australische Bundespolizei AFP erklärte, der Angriff scheine ein isolierter Vorfall zu sein.

Der mutmaßliche Täter ist der Polizei bekannt

Am Dienstag wurde der mutmaßliche Täter von der Polizei als der 43-jährige Brendan N. aus Tarrawingee identifiziert, einem Ort rund zwölf Kilometer östlich von Wangaratta. Nach Angaben des Senders ABC war N. der Polizei bereits bekannt, eine psychiatrische Begutachtung sei erfolgt, hieß es.

Viele Menschen legten nach dem Angriff Blumen vor dem Büro von Helen Haines nieder.
Viele Menschen legten nach dem Angriff Blumen vor dem Büro von Helen Haines nieder.© AFP | WILLIAM WEST

Der Angriff gilt als einer der schwersten bekannten Fälle von Gewalt gegen einen australischen Bundespolitiker. Er hat jedoch eine Debatte verschärft, die das Land schon vor dem Vorfall in Wangaratta beschäftigt hatte: Wie stark nehmen Drohungen gegen gewählte Vertreter zu, und wann wird aus aggressiver Rhetorik eine Gefahr für ihre Sicherheit?

Die Bundespolizei warnt seit Längerem vor einer wachsenden Bedrohung von Parlamentariern und anderen Amtsträgern. Im März wurden nach Angaben der Bundespolizei innerhalb weniger Monate sechs Männer wegen Belästigung von Amtsträgern festgenommen. In einigen Fällen hätten sich die Drohungen gezielt gegen Frauen gerichtet. Auch die aktuellen Zahlen geben Anlass zur Sorge. Nach Angaben der Kriminologin Kristina Murphy von der Griffith University registrierte die Bundespolizei im Finanzjahr 2025/26 insgesamt 1067 Fälle von Gewaltandrohungen gegen hochrangige Amtsträger. Im Vorjahr seien es 951 gewesen.

Wie weit die Verrohung des politischen Umgangs reicht, zeigte sich wenige Stunden vor dem Angriff. Auf der Facebook-Seite der Nationals-Abgeordneten Nichole Overall im Parlament von New South Wales erschien ein Meme mit den Worten: „Nicht genug Politiker fürchten derzeit um ihr Leben, und ich denke, das ist ein Problem.“ Darüber war das Bild eines Mannes zu sehen, der mit einer Waffe zielt. Overall bezeichnete den Beitrag als „schockierend“. Ein Zusammenhang mit dem Angriff auf Haines ist allerdings nicht belegt. Haines war über Parteigrenzen hinaus beliebt. Sie war erst 2025 für eine dritte Amtszeit in ihrem Wahlkreis Indi im australischen Parlament bestätigt worden.