Jon Ossoff sitzt live und in Farbe im Schönheitssalon. Haare, Make-up, das volle Programm. Eine Frauenstimme spottet im Hintergrund des Polit-Spots, der demokratische Senator aus Georgia gebe dafür mehr aus als alle anderen Politiker in Washington. „Jon Ossoff redet hübsch, aber seine Taten sind hässlich.“ Die Story hat nur einen Haken. Ossoff hat auf diesem Kosmetikstuhl nie gesessen. Der Mann im täuschend echt wirkenden Film ist das Werk von Künstlicher Intelligenz.
US-„Midterms“: Ossoff mit Gurkenscheiben auf den Augen
Die republikanische Großspenderorganisation Senate Leadership Fund verbreitet die Bilder im Kampf um Ossoffs Senatssitz, um ihren Mann, Mike Collins, zu pushen. Grundlage sind tatsächliche Berichte über Kampagnenausgaben für Haare und Make-up. Der gezeigte Salonbesuch ist erfunden; ein Hinweis auf den Einsatz von KI fehlt. Ossoff fordert den Rückzug der Werbung. Solche Fälschungen führten „auf eine schiefe Ebene, an deren Ende die Zerstörung der Wahrheit in der politischen Debatte steht“, sagt er.
Knapp eine Woche vor den Kongresswahlen zeigt sich, wie sich die Verächtlichmachung politischer Gegner verändert. Früher musste man hoffen, dass der Kandidat etwas Dummes sagte oder tat. Und man musste, Abteilung Feindbeobachtung, dabei sein und den Rekorder eingeschaltet haben. Heute lässt sich das Dummsein per Knopfdruck bestellen. Gesicht, Stimme, Kulisse – fertig ist der Augenzeugenbericht über etwas, das nie geschah.

Künstliche Intelligenz dominiert Republikaner-Wahlwerbung 2024
Das Wesleyan Media Project hat nachgezählt. Bis zum 11. Oktober identifizierten die Forscher 220 Wahlwerbespots, die ganz oder teilweise mit Künstlicher Intelligenz entstanden sind. Mehr als 137 Millionen Dollar wurden für ihre Verbreitung ausgegeben. Im gesamten Wahlzyklus 2024 waren es weniger als 50.000 Dollar. „KI hält in diesem Jahr im großen Stil Einzug in die ‚Midterms‘“, sagt Projektleiterin Erika Franklin Fowler. Nur 27 Prozent der erfassten Spots enthalten einen KI-Hinweis.
Die Technik wird ungleich eingesetzt. 81 Prozent der identifizierten Spots stammen von republikanischen Kandidaten und ihnen nahestehenden Gruppen, zwölf Prozent von Demokraten. Auf republikanische Auftraggeber entfallen sogar 88 Prozent der Ausgaben. Die Erfassung ist unvollständig, nicht jede KI-Animation eine Täuschung. Die Verteilung bleibt bemerkenswert.

Künstliche Intelligenz: Paxton manipuliert Aussagen von Talarico
In Texas lässt der Republikaner Ken Paxton einen künstlichen James Talarico mit Buntstiften in einer Bibel herumkritzeln und über einen „nicht binären“ Gott sowie „sechs Geschlechter“ dozieren. Der echte Demokrat hat provokativ über Religion und Geschlecht gesprochen. Aber Paxtons Spot fügt Aussagen aus verschiedenen Situationen zusammen, verändert Formulierungen und erfindet einen Auftritt. Der Hinweis auf KI steht winzig am Bildrand. Wer ihn übersieht, erlebt eine scheinbare Selbstentlarvung.
KI bei den „Midterms“: Abdul El-Sayed „feiert“ 9/11
In Michigan sitzt der demokratische Senatsbewerber Abdul El-Sayed an einem computergenerierten Brettspiel. Auf Spielkarten stehen Sätze wie „Tod Amerika“ und „Feiert den 11. September“. Die republikanernahe Gruppe Frontline Action verweist zur Rechtfertigung auf Äußerungen und Kontakte des Kandidaten zur „Muslim Brotherhood“. Die Szene ist erfunden, aber als KI gekennzeichnet.
In Pennsylvania legt die Republikanerin Stacy Garrity einem KI-Doppelgänger von Gouverneur Josh Shapiro ein Bekenntnis zu Rechenzentren und Millionenspenden in den Mund. In Kentucky erscheint ein künstlicher Zach Dembo in Spots einer von Trumps Maga Inc. unterstützten Gruppe.

KI-Videos: Falsche Aussagen im Wahlkampf sorgen für Aufsehen
In Wisconsin verbreitet der Republikaner Derrick Van Orden KI-Videos seiner demokratischen Rivalin Rebecca Cooke: Darin erklärt sie, möglichst viel Korruption betreiben und illegal Eingewanderten kostenlose Gesundheitsversorgung verschaffen zu wollen. Alles erfunden. Cooke ließ ihm eine Unterlassungsaufforderung zustellen.
In Louisiana zeigt ein KI-Video den republikanischen Senatsbewerber John Fleming: lächelnd am Steuer eines Busses voller Migranten unter mexikanischer Flagge. Die Szene suggeriert, er schleuse Einwanderer über die Grenze. Fleming spricht von einer bewussten Täuschung.
KI-Doppelgänger verspottet Demokratin Vikki Goodwin in Wahlkampfvideo
In Texas jubelt ein KI‑Doppelgänger der Demokratin Vikki Goodwin bei einem Football-Spiel über neue Steuern: „Limonadensteuer, Grillfleischsteuer, Glückssteuer!“ Urheber ist die Kampagne ihres republikanischen Gegners Dan Patrick. Goodwin erstattete Anzeige wegen möglicher Verstöße gegen das texanische Wahlgesetz. Patrick verteidigte den Film als Satire.

Der Mechanismus ist immer gleich: Aus einer Behauptung wird scheinbarer Augenschein. Der Stanford-Jurist Nate Persily warnt vor einem noch tieferen Schaden. Je mehr künstliche Medien Menschen konsumierten, desto schwerer könnten sie wahr und falsch unterscheiden – und desto weniger interessiere sie womöglich der Unterschied. Bald kann auch ein echtes, peinliches Video zur vermeintlichen Fälschung erklärt werden. Die Lüge erhält ein Alibi; die Wahrheit ein Beweisproblem.
Die Unwirklichkeit kennt allerdings keine Landesgrenzen. Nach einer geheimen Unterrichtung warnten die Demokraten Mark Warner und Jim Himes am Mittwoch vor russischer Desinformation gegen ihre Kandidaten. Moskau streue Chaos und Zweifel an Wahlmaschinen, sagte Himes. Nicht nur das.
Putins KI-Gangster mischen mit
In zwei mit Künstlicher Intelligenz erzeugten Videos behauptet ein angeblicher ehemaliger Schüler namens Zyon Lewis wahrheitswidrig, der texanische Senatskandidat James Talarico habe ihn als Kind sexuell missbraucht. Tatsächlich existiert Lewis – und war Schüler Talaricos. Die Fälscher haben offenbar seine Identität und möglicherweise Fotos aus sozialen Netzwerken missbraucht. Der echte Lewis dementierte die Anschuldigungen entschieden. Experten des Forschungsunternehmens Graphika ordnen die Videos mit hoher Sicherheit dem russlandnahen Desinformationsnetzwerk „Storm-1516“ zu. Nach Angaben des Analyseunternehmens Alethea erzielten die Fälschungen binnen 24 Stunden mehr als 850.000 Aufrufe.
Auch das Telefon ist im Visier. Die konservative Organisation Club for Growth möchte politische Massenanrufe mit künstlichen Stimmen ohne vorherige Einwilligung erlauben lassen. Demokraten-Führer Chuck Schumer fürchtet, dass Kandidaten damit ihren Gegnern frei erfundene Sätze in den Mund legen könnten. Die Aufsichtsbehörde FCC erklärte, eine Genehmigung sei vorläufig nicht geplant.

KI-Wahlwerbung verunsichert: Deepfakes verbreiten sich rasant
Einzelne Bundesstaaten verbieten bestimmte Deepfakes, andere verlangen Hinweise. Ein Bundesgesetz speziell für KI-Wahlwerbung fehlt. Wichtiger noch: Die Geschwindigkeit ist ungleich verteilt. Eine Fälschung entsteht in Minuten, verbreitet sich in Stunden. Ihre Widerlegung benötigt Recherche, Belege, Öffentlichkeit. Und Zeit.
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News aus den USA
Am 3. November wählen die Amerikaner einen neuen Kongress. Mit auf dem Prüfstand steht eine alte Übereinkunft – dass man wenigstens darüber streitet, was tatsächlich geschehen ist. Jon Ossoff war nie in jenem Schönheitssalon. Ob das den Zuschauern auffällt, ist inzwischen Teil des Wahlkampfs.









