Wer hätte das gedacht: Die wohl ruhigste und konzentrierteste Klasse, die man sich denken kann, ist die 7b an der Anne-Frank-Gesamtschule. Was keine Zauberei ist: Seit Ostern nehmen die Schüler an einem Sozialkompetenztraining mit Fachfrau Gordana Petrinic teil. Gerade beginnt die Stunde: kein Krach oder Lärm, kein Streit und keine Rüpeleien, nicht mal ein Geräusch beim Möbelschieben – draußen auf dem Flur könnte man denken, die Klasse sei leer.

Ist sie aber nicht. Drinnen legen die Schüler all ihren Ehrgeiz darein, die Tische und Bänke so umzustellen, dass ein schöner Stuhlkreis für ihre Arbeit mit der Trainerin entsteht. Völlig lautlos, versteht sich. Denn später geben sie sich Noten für das stille Tun.

Noten fürs Möbelumstellen

Lautlos startet Gordana Petrinic auch den nächsten Teil ihrer Stunde: Ganz ohne Worte verständigen sich die Schüler, nur Blicke und Gesten, und werfen sich im Stuhlkreis immer wieder einen kleinen Ball zu: erst angucken (schau mir in die Augen...), dann werfen, fangen und wieder von vorn. Selbst wenn der Ball am Boden landet, wird höchstens ‘mal gelächelt.

Im Anschluss gibt es die Noten fürs Möbelumstellen und das Ballwerfen, auch das nur mit Fingerzeichen. Ruhe, Konzentration, Form und Ordnung des Stuhlkreises bekommen von allen Noten. Zwei bis drei oder eins bis zwei.

Trainingsstunde in Sozialkompetenz

Auch der Umgang ist beeindruckend: wie Mohammeds routiniert-höfliche Frage, ob er mal durch den Kreis zurück zum Platz gehen dürfe. Die Ruhe sei für Schüler und Lehrer gleichermaßen wohltuend, weiß die Fachfrau. Sie gibt Trainingsstunden in Sozialkompetenz und Verbindungsarbeit beispielsweise auch in Firmen. Sie bringt es auf den Punkt: „Augenkontakt ist alles im Leben.“

Der enorme Lärm, der an vielen Schulen im Alltag herrsche, sei heute das große Hauptproblem und obendrein gesundheitsschädlich, weiß Gordana Petrinic. Die Schüler seien dankbar für die große Stille im Training. „Diese Ruhe sollte in der ganzen Schule im Idealfall zur Basis werden“, wünscht sich die Expertin. „Das geht aber ohne Training nicht“, stellt sie fest. Was die Schüler wie beispielsweise Mohammed (13) nur bestätigen können. „Es war früher sehr laut hier.“ Und viele hätten einfach keine Lust auf Unterricht gehabt, lieber mit anderen geredet. „Es gab auch oft Streit.“

Auch die Lehrer werden trainiert

Und auf Frage der Trainerin bestätigen sechs bis acht Schüler, öfters unter Kopfschmerzen zu leiden. Beeindruckt ist auch der didaktische Leiter Michael Murmann von der Stunde: „Vor einiger Zeit waren die Schüler bei einem Projekt noch sehr unaufmerksam. Jetzt sind sie sehr fokussiert und ruhig“, lobt er. Und Klassenlehrerin Astrid Hüsch weiß: „Andere Klassen fragen schon, ob sie nicht auch ‘mal so eine Trainingsstunde haben dürfen.“ Murmann: „Geplant ist zudem ein Training für die Lehrer, damit die Nachhaltigkeit des Projekts gegeben ist.“

Nicht in jeder Schulstunde seien ihre Schüler so leise, räumt Astrid Hüsch ein. Aber es sei toll zu sehen, wie geräuschlos sie beispielsweise den Stuhlkreis aufbauten. „Ich hoffe auch, dass die Noten durch das Training besser werden.“

>>INFO:

Möglich machte das Schüler-Training an der Anne-Frank-Gesamtschule die Förderung der Stiftung „Niederrheinischer Bürger“ der Sparkasse am Niederrhein.

Vorstandsvorsitzender Giovanni Malaponti auf die Frage einer Fortsetzung: „Was aus den Geldern wird, ist hier sehr schön zu sehen. Mal schauen, wie es weitergehen kann...“