Während andere Länder mit Extremwetterphänomenen wie Tornados, Hurricanes und Dürre zu kämpfen haben, können sich die Menschen in Mitteleuropa noch über vergleichsweise stabile Wetterlagen freuen. Die Temperaturen befinden sich meist in einem angenehmen Bereich: Im Winter fallen sie selten unter minus 10 Grad und im Sommer übersteigen sie nur an wenigen Tagen die 40-Grad-Marke.

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Eine wichtige Rolle für das milde Klima in Mitteleuropa spielt der Golfstrom, die sogenannte Heizung Europas. Doch Forschende warnen: Schmelzende Polarkappen bedrohen die Meeresströmung aus dem Westen. Bereits jetzt nehmen Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Starkregen und Stürme aufgrund des Klimawandels zu. Die Wissenschaft befürchtet noch drastischere Szenarien. Könnte der Golfstrom versiegen?

So gelangt der Golfstrom von der US-Küste nach Europa

Der Golfstrom entsteht im Golf von Mexiko aus mehreren anderen Strömungen, sein Hauptwasserlieferant ist der Floridastrom. Das warme Wasser treibt entlang der Ostküste der USA, bis es in den offenen Atlantik abbiegt und nach Osten in Richtung Europa driftet. Dort kommt aber nur ein Teil der Strömung an, denn der Golfstrom ist Teil eines großen Stromsystems und vermischt sich mit anderen Strömen.

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Schmelzende Gletscher: Forscher warnen vor ihrem Einfluss auf die Ozeanzirkulation und die europäischen Wetterbedingungen.© imago images/NurPhoto | Ulrik Pedersen via www.imago-images.de

Durch die vielen Einflüsse wird der Golfstrom im Nordatlantik zum sogenannten Nordatlantikstrom. Auch der nordatlantische Strom bildet verschiedene Äste und treibt in unterschiedliche Richtungen aus: Ein Teil des Nordatlantikstroms verzweigt sich als Azorenstrom und mündet schließlich in den Kanarenstrom, der entlang der afrikanischen Westküste nach Süden fließt. Von dort gelangt das Wasser über den Nordäquatorialstrom in die Karibik, wo es über verschiedene Wege wieder im Golfstrom landet.

Der andere Teil des Nordatlantikstroms fließt nach Grönland, Skandinavien und Irland. Hier nimmt er Einfluss auf das europäische Klima. Je weiter nördlich der Strom fließt, desto mehr warmes Wasser verdunstet. Dadurch steigt der Salzgehalt und das Wasser wird schwerer. Schließlich kühlt es so weit ab, dass es in der Labradorsee und der Grönlandsee in die Tiefsee absinkt. Dieser Prozess spielt eine entscheidende Rolle in der globalen Meereszirkulation.

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Ohne Golfstrom wäre es auch in Deutschland kälter und trockener

Das Absinken des kalten Wassers im Nordatlantik zieht wärmere Wassermassen aus dem Süden nach und treibt so eine großflächige Strömungsbewegung an. Dahinter stecken Sogkräfte, aber auch Winde, Temperaturunterschiede und Salzgehaltsschwankungen. Dieser Mechanismus wird Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation (AMOC) genannt und ist auch als „globales Förderband“ oder „Wasserpumpe“ bekannt.

In bis zu 4000 Metern Tiefe strömt das kalte Tiefenwasser nun als Teil der globalen Ozeanzirkulation südwärts entlang des Meeresbodens. So landet es unter anderem im Südatlantik, kommt dort aber nur noch als sehr kaltes und extrem salziges Wasser an. Doch wie genau beeinflussen diese Bewegungen in den Meeren unser Klima?

Der Golfstrom als gigantische Umwälzpumpe: Das Strömungssystem transportiert warmes Wasser (rosa) in den Norden. Kaltes Wasser (hellblau) strömt in den Süden.
Der Golfstrom als gigantische Umwälzpumpe: Das Strömungssystem transportiert warmes Wasser (rosa) in den Norden. Kaltes Wasser (hellblau) strömt in den Süden.© DKRZ | Deutsches Klimarechenzentrum

Durch den Transport des warmen Wassers aus der Karibik sorgt der Golfstrom in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien trotz ihrer geografischen Lage für milde Winter. So ist die Jahreszeit in Schottland vergleichsweise warm, obwohl das Land ähnlich weit vom Äquator entfernt ist wie der US-Bundesstaat Alaska. Dort kann es in Winternächten bis zu minus 55 Grad kalt werden.

Außerdem führen der Strom aus dem Golf von Mexiko und die damit verbundenen Wettermechanismen feuchte Luft nach Westeuropa und sorgt für regelmäßigen Regen. Gäbe es den Golfstrom nicht, wäre es in Europa also nicht nur deutlich kälter, sondern auch viel trockener. Genau deshalb warnen Forschende vor den Einflüssen des Klimawandels auf die Ozeanzirkulation.

Forscher warnen: Ozeanzirkulation in 1000 Jahren nie so schwach wie heute

Wissenschaftler befürchten, dass der Klimawandel den Golfstrom schwächt. Ein langsamerer Golfstrom könnte zu extremeren Wetterverhältnissen in Europa führen. Dazu gehören längere Dürreperioden, stärkere Stürme und Kältewellen, die sich unter anderem auf die Natur oder die Landwirtschaft auswirken.

Der wichtigste Auslöser dafür ist das Schmelzwasser aus den grönländischen Gletschern. Das Süßwasser beeinflusst die Dichte des Meerwassers und entschleunigt die Wasserzirkulation der AMOC, zu der auch der Golfstrom gehört. Dabei sind bereits Veränderungen im Gange: Studien deuten darauf hin, dass die AMOC heute so schwach ist wie seit mindestens 1000 Jahren nicht mehr.

Auch interessant: Neue Studie zum „Doomsday“-Gletscher alarmiert Forscher

Kann der Golfstrom kollabieren? Forscher zunehmend unsicher

Die Datenlage zur Veränderung der Meeresströmungen ist so komplex wie das Zirkulationssystem selbst. Auch deshalb sind oft keine definitiven Aussagen möglich. Doch das Umweltbundesamt betont, dass die AMOC als Kippelement des globalen Klimasystems gilt. Bräche es zusammen, könnte die Durchschnittstemperatur in Nordeuropa um 3,5 Grad pro Jahrzehnt abnehmen. Nach einem Jahrhundert, so das Umweltbundesamt, lägen die Temperaturen je nach Modellrechnung zwischen 5 und 15 Grad unter dem heutigen Niveau.

Allerdings sind auch diese Annahmen nur Spekulationen. Derzeit rechnen weitere Klimamodelle aus, was passiert, wenn immer mehr Gletscher in Grönland schmelzen und den natürlichen Zirkulationsprozess der AMOC und damit auch des Golfstroms schwächen. Einige Wissenschaftler befürchten, dass die atlantische Zirkulation durch den Zufluss von Süßwasser irgendwann vollständig zum Erliegen kommen könnte.

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Als realistisch werden solche extremen Szenarien bislang zwar nicht eingestuft. Das liegt vor allem an ihrer Unvorhersehbarkeit. Forschende sind sich aber einig, dass der Klimawandel die Ozeanzirkulation und den Golfstrom beeinträchtigt. Selbst der Weltklimarat IPCC geht in seinem sechsten Sachstandsbericht davon aus, dass sich die Zirkulation im Atlantik mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ verringert. Mehr dazu: Neue Studie: Golfstrom könnte früher als gedacht kollabieren

Nur wann das passiert, ist unklar. Die Wissenschaftler des Weltklimarats halten einen vollständigen Kollaps vor 2100 für unwahrscheinlich. Allerdings gibt es Modellrechnungen, die ein solches Szenario bereits innerhalb dieses Jahrhunderts sehen. Die Unsicherheit ist hoch: Selbst die Experten des IPCC geben an, nur „mittleres Vertrauen“ in ihre zeitliche Einschätzung zu haben.