• Über Deutschland verteilt haben Kunden tausende Apotheken zur Auswahl
  • Die Apotheken bieten eine größere Auswahl an Medizin-Leistungen als den meisten bekannt
  • Im Interview verrät Dr. Ina Lucas, wie was ihrer Kunden überrascht

Die Apotheke – nicht nur in Deutschland ist sie eine echte Instanz. Statt zum Arzt zu gehen, holen sich viele Deutsche erstmal Rat in der Apotheke. Und das zu Recht: Die rund 160.000 Apothekerinnen und Apotheker hierzulande verfügen nicht nur über das entsprechende Wissen zu verschiedenen Medikamenten und Arzneien, sondern dürfen in vielen Fällen auch fundierten medizinischen Rat geben.

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Gerade in Zeiten von Terminmangel bei Fachärzten und Hautarztpraxen wird die Apotheke immer wichtiger. Problem: Viele Deutsche wissen gar nicht, welche Leistungen man in der Apotheke neben der Beratung zu Medikamenten überhaupt bekommen kann.

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Auch deshalb hat die FUNKE Zentralredaktion die Kolumne „Der gute Rat der Apothekerin“ ins Leben gerufen. Hier beantwortet Dr. Ina Lucas, Apothekerin aus Berlin, regelmäßig wichtige Fragen rund um die Themen Medikamente sowie Gesundheit und gibt nützliche Tipps. Im Interview erzählt Lucas vorab, was sie an ihrem Job begeistert und welche Krisen sie als Apothekerin schon durchstehen musste.

Was hat Sie an dem Beruf der Apothekerin begeistert?

Dr. Ina Lucas: Ursprünglich hatte ich eine Karriere als Apothekerin gar nicht auf dem Schirm. Ich habe mich aber letztlich dazu entschieden, weil ich selbst eine betroffene Patientin war. Als Jugendliche hatte ich eine stark ausgeprägte Neurodermitis, was gerade als Teenagerin sehr belastend war. Damals habe ich verschiedene Salben verordnet bekommen und ausprobiert. Über die „Anwendung“ des Arzneimittels bin ich dazu gekommen, mich für das Thema zu interessieren. Außerdem habe ich viel Freude am Kontakt mit Menschen. Diese beiden Aspekte lassen sich in der Apotheke sehr gut zusammenführen. Es ist für mich der absolut passende Beruf und macht mir sehr viel Freude.

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Apotheke: Hier ist es schwer, die Beratungsqualität aufrecht zu erhalten

Wie viel Zeit verbringen Sie denn überhaupt noch „hinterm Tresen“ der Apotheke?

Lucas: Das ist über die Jahre natürlich ein bisschen weniger geworden. Meine zusätzlichen Aufgaben in der Apothekerkammer Berlin und der ABDA bringen natürlich auch einen gewissen Zeitaufwand mit sich. Aber da ich sehr gerne in der Apotheke arbeite, versuche ich mir immer wieder Möglichkeiten dazu zu schaffen. Mir hilft es dabei besonders, dass wir einen Notdienst nachts oder am Wochenende anbieten. Zu diesen Zeiten könnte ich ohnehin nichts anderes arbeiten und kann mich ausgiebig um meine Patienten kümmern.

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Unterscheidet sich der Nachtdienst denn sehr vom Tagdienst?

Lucas: Unbedingt. Das unterscheidet sich allein schon durch die Lage der Apotheke. Eine unserer Apotheken liegt in einem Ärztehaus. Dann kommen natürlich zu den Öffnungszeiten der Praxen schwallartig Patienten vorbei. Um 18 oder 19 Uhr ist in der Regel aber auch Feierabend. Unsere andere Apotheke bedient klassische „Laufkundschaft“, da haben wir deutlich länger zu tun. Das sind hauptsächlich Berufstätige, die nach der Arbeit noch schnell ihre Medikamente abholen.

Wir haben auch eine Bahnhofsapotheke, da wollen die Leute einfach wieder „schnell weg“, um ihren Anschlusszug nicht zu verpassen. Da ist es besonders schwierig, die Beratungsqualität aufrechtzuerhalten und die Leute auch in der kurzen Zeit entsprechend versorgen zu können. Hier ist besonders wichtig, das Team entsprechend zu schulen und die Konzentrationsfähigkeit der Kolleginnen und Kollegen zu schärfen.

Die Anfragen und Themen im Notdienst sind aber grundsätzlich die gleichen wie am Tag. Wir versorgen dann bei spontanen Erkrankungen, wie etwa Erkältung oder Magen-Darm. Genauso aber kommen Patienten aus den umliegenden Kliniken mit Rezepten, brauchen Antibiotika oder Schmerzmittel. Manchmal geben wir auch im Notdienst Hilfsmittel ab, wie etwa Milchpumpen für Mütter und ihre Neugeborenen. Also alles in allem wird schon das komplette Angebot der Apotheke vor Ort auch in der Nacht abgefragt.

Apothekerin: Das sind die größten Probleme der Apotheken

Haben Sie in Ihren Apotheken derzeit auch mit Problemen zu kämpfen?

Lucas: Ganz grundsätzlich haben die Apotheken natürlich einen massiven Fachkräftemangel. Der Apothekerberuf ist genau wie der des pharmazeutisch-technischen Assistenten als Mangelberuf eingestuft. Es gibt schlichtweg viel zu wenig Bewerber auf die ausgeschriebenen Stellen.

Zudem haben wir wahnsinnige Herausforderungen in Hinblick auf die Bürokratie. Es gibt sehr viele Vorgaben und Regelungen, wie wir Arzneimittel an die Patienten ausgeben sollen und dürfen. Dazu kommen Vorgaben von den Krankenkassen. Das sollte sich in Zukunft aber bessern.

Unsere Expertin

Dr. Ina Lucas ist 42 Jahre alt. Sie ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte sie Pharmazie an der Freien Universität Berlin. Im Anschluss promovierte Dr. Lucas in einer Kooperation zwischen der FU und dem Robert-Koch-Institut zum Thema Resveratrol und dessen Wirkung. Heute betreibt sie gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Zoschke vier Apotheken in Berlin mit rund 80 Angestellten. Dr. Lucas ist Kammerpräsidentin der Apothekerkammer Berlin sowie Vizepräsidentin der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V..

Wie denn?

Lucas: Etwa, indem wir digitale Kommunikationswege einführen – unter anderem, um mit den Arztpraxen besser und schneller kommunizieren zu können. Dazu gehört eine gut strukturierte elektronische Patientenakte, die uns bei der Beurteilung des Patienten wahnsinnig helfen. Wenn wir nicht jedes Medikament kennen, das der Patient einnimmt, können Wechselwirkungen entstehen, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Im Sinne der Therapie ist es sinnvoll, dass Ärzte, Apotheker, Psychotherapeuten und Physiotherapeuten Zugriff in die Gesundheitsakte der Patienten haben, um einerseits voneinander zu wissen und die bestmögliche Therapieform anbieten zu können.

Die vollständige Medikation des Patienten ordentlich in Erfahrung zu bringen, ist derzeit aber noch eine zeitaufwändige Herausforderung.

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Welche Betreuungsangebote können sie den Patienten derzeit denn machen?

Lucas: Dafür haben wir jetzt fünf Instrumente an der Hand, also pharmazeutische Dienstleistungen, die wir erbringen dürfen. Unsere Aufgabe ist es, die Patienten aufzuklären, wenn das jeweilige Arzneimittel nicht richtig angewendet wird und dadurch Folgeprobleme entstehen können.

Eine dieser Dienstleistungen ist die Inhalationstechnik, auf die wir ganz fundiert nochmal hinweisen, wenn Inhalatoren benutzt werden müssen. Da kann man sehr, sehr viele Fehler machen. Ich wundere mich manchmal, auf was für Ideen die Patienten so kommen. Manche sprühen den Wirkstoff 20 Zentimeter vom Mund entfernt in die Luft und atmen dann ein, andere Sprühen beim Schuhe binden, wenn der Inhalator nicht gerade gehalten wird. Dann bleibt die Arznei oft wirkungslos. Solche Fehler korrigieren wir dann im Gespräch.

Welche Leistungen gehören noch zu den fünf Instrumenten?

Lucas: Wir haben gesehen, dass es einen großen Anteil an Blutdruckpatienten gibt, die trotz Medikation nicht richtig eingestellt sind. Deshalb bieten wir in den Apotheken besondere Blutdruckmessungen an, um die Patienten mit Blutdruckmedikation engmaschiger zu betreuen.

Ein weiteres Instrument ist die sogenannte Polymedikation. Damit sind Patienten gemeint, die fünf Medikamente oder mehr gleichzeitig einnehmen. Hier schauen wir, ob die Medikamente gut zusammenpassen oder ob es erwartbare Wechselwirkungen geben könnte. Unsere Erkenntnisse können wir dann dem behandelnden Arzt mitteilen, der im Zweifelsfall nochmal nachsteuern kann.

Zusätzlich begleiten wir die orale Antitumor-Therapie, geben Einnahmehinweise und erklären Wirkungen und auch Nebenwirkungen ausführlich. In selteneren Fällen kommen noch Patienten mit Organtransplantation und Immunsuppression dazu. Das ist aber eher die Ausnahme.

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Muss man für solche Behandlungen in der Apotheke einen Termin ausmachen? 

Lucas: Für solche Beratungen benötigen wir natürlich etwas Zeit, weswegen wir Termine ausmachen. Neben dem Erstberatungsgespräch müssen die Patienten dann alle Medikamente auflisten, die sie derzeit einnehmen. Das geht entweder über den Medikationsplan, sofern es einen gibt – oder die Patienten bringen tatsächlich einfach die Schachteln der Medikamente mit. Zudem müssen wir berücksichtigen, ob die Patienten noch etwas zusätzlich einnehmen. Das können zum Beispiel Nahrungsergänzungsmittel oder Arzneien aus der Drogerie sein.

Anhand der Symptome der Patienten können wir dann feststellen, ob es etwaige Wechselwirkungen zwischen den Präparaten gibt. Das analysieren wir dann und vereinbaren ein Auswertungsgespräch. Die Patienten verstehen dann besser, wie wichtig das Medikament wirklich ist. So schafft das Beratungsgespräch auch Vertrauen in das Medikament.

Apotheken-Arbeit ändert sich: „Sind nicht nur Ausgabestellen“

Hat sich der Stellenwert der Apotheken in den letzten Jahren auch dadurch verändert?

Lucas: Auf jeden Fall. Es wertet die Apotheker-Patient-Beziehung massiv auf. Wir sind dadurch nicht nur Ausgabestellen, sondern auch Beratungszentren rund um die Arzneimittel. Das hat uns gutgetan und das merkt man auch in den Apotheken.

Wie stark werden solche Beratungsangebote denn angenommen?

Lucas: Das kommt natürlich auch darauf an, wie die jeweilige Apotheke das für sich begreift und präsentiert. Für uns ist das ein enormes Kundenbindungsinstrument. Wenn wir es schaffen, uns als Beratungsstellen darzustellen und somit eine bessere Option sind als der Einkauf bei Versandapotheken, haben wir viel erreicht. Beratungsangebote helfen dabei.

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Kommen auch vermehrt Patienten zu Ihnen, die sonst lange auf einen Termin beim Hausarzt oder Facharzt warten müssten?

Lucas: Definitiv. Wir stehen vor großen Herausforderungen im Gesundheitssystem. Wir haben Fachkräftemangel, wir haben einen demografischen Wandel, wir werden in kürzerer Zeit auch viele Hausärzte verlieren, die in Rente gehen. 

Die Apotheken sind natürlich auch eine Systementlastung. Mit der Apothekenstruktur, die wir in Deutschland haben, haben wir ein echtes Pfund in der Hand, mit der wir eine patientennahe Versorgung und Behandlung hinkriegen können. Die werden wir auch brauchen.

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Wie gehen Sie mit Lieferengpässen um? Müssen Sie auch Patienten manchmal wegschicken?

Lucas: Ich erinnere mich an die Scharlach-Welle Ende 2022. Damals hatten wir Schwierigkeiten, die betroffenen Kinder mit Antibiotika zu versorgen. Das hat mich nachhaltig bewegt. Da gab es weinende Väter in der Apotheke, die gefragt haben: Was soll ich denn jetzt machen? In solchen Situationen kriege ich Druck auf der Brust. Da haben wir als Apotheken dann aber ganz oft gezaubert. Das ist eine unserer Superkräfte.

Ein Beispiel dafür ist der Desinfektionsmittelmangel während der Pandemie. Da wurde reiner Alkohol in dem Schnapsbrennereinen besorgt und nachts zu Desinfektionsmitteln verarbeitet. Selbst in den ausweglosesten Situationen finden wir irgendwie eine Lösung.

Dieser Artikel erschien zuerst im April 2025.