Der Islam ist mit rund 1,6 Milliarden Gläubigen nach dem Christentum die zweitgrößte Religion der Welt. Doch es gibt zahlreiche Abspaltungen. Die mit Abstand größten sind Sunniten und Schiiten. Ihre Trennung geht auf einen Streit im 7. Jahrhundert zurück. Damals stellte sich eine entscheidende Frage: Wer sollte die Nachfolge des Propheten Mohammed antreten? Genau darin liegt bis heute der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Glaubensrichtungen – und viele Spannungen im Nahen Osten lassen sich dadurch besser verstehen.

Sunniten und Schiiten: Darum haben sie sich gespalten

Der Islam ist die jüngste der drei großen monotheistischen Weltreligionen. Schätzungsweise sind rund 85 bis 90 Prozent der Muslime weltweit Sunniten. Weniger als 15 Prozent gehören der Schia an. Beide Strömungen existieren seit Jahrhunderten. Auslöser ihrer Spaltung war der Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 n. Chr. Danach stand die junge muslimische Gemeinschaft vor einer entscheidenden Frage: Wer sollte sie künftig führen?

Für den Großteil der Muslime war klar: Sie wollten gemeinsam den fähigsten und frommsten Muslim bestimmen. Dieser sollte die Gemeinschaft leiten. Dabei setzten sie auf den loyale Weggefährten des verstorbenen Mohammed, Abu Bakr. Doch einige sahen das anders. Ihrer Überzeugung nach kann nur ein direkter Nachkomme des Propheten die Gläubigen rechtmäßig führen. Sie beharren darauf, dass der nächste männliche Verwandte der legitime Nachfolger Mohammeds ist: Ali ibn Talib, sein Cousin und Schwiegersohn.

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Ali ibn Talib – die Schlüsselfigur der Spaltung

Zunächst wurde Abu Bakr zum Anführer ernannt. Erst nach seinem Tod und einigen anderen Kalifen übernimmt Ali im Jahr 656 als vierter Kalif und erster Imame. Doch seine Herrschaft war von Konflikten geprägt. Schon kurz nach seinem Amtsantritt brach ein Bürgerkrieg aus. Der Machtkampf endete 661 mit der Ermordung Alis und der Übernahme der Herrschaft durch seine Gegner.

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Auch Alis Sohn Husain spielte eine wichtige Rolle. Er gilt im schiitischen Glauben als dritter Imam. Im Jahr 680 versuchte er, die Macht im arabischen Reich zu übernehmen. Doch sein Aufstand scheiterte. Hussein wurde in der irakischen Stadt Kerbela getötet. Sein Tod prägt das schiitische Selbstverständnis bis heute und wird jedes Jahr im Trauermonat Muharram erinnert. In Theateraufführungen wird bis heute die Schlacht von Kerbela nachgespielt. Während der Trauerzeremonien schlagen sich manche Gläubige auf die Brust oder geißeln sich.

Die Linie der Imame setzte sich danach fort, doch viele von ihnen lebten unter politischem Druck oder wurden verfolgt. Nach schiitischer Lehre endete diese Reihe mit dem zwölften Imam, Muhammad al-Mahdi. Er soll im Jahr 874 verschwunden sein. Schiiten glauben, dass er nicht gestorben ist, sondern im Verborgenen lebt und am Ende der Zeiten als Erlöser auf die Erde zurückkehren wird.

Die Imame im schiitischen Glauben

Viele Imame sterben als Märtyrer und werden auch lange nach ihrem Tod noch verehrt. Sie werden nach schiitischem Glauben von Gott auserwählt und sind in ihren Entscheidungen unfehlbar, frei von Sünde. Viele dieser Imame werden bis heute in Schreinen verehrt. Die meisten befinden sich im Iran und im Irak und ziehen jedes Jahr zahlreiche schiitische Pilger an.

Ramadan im Irak
Schiiten brechen ihr Fasten während des islamischen heiligen Monats Ramadan im Imam-Ali-Schrein im Irak.© Anmar Khalil/AP/dpa | Anmar Khalil

Wie viele rechtmäßige Imame es in der Geschichte gab, darüber sind sich die Schiiten jedoch nicht völlig einig. Wie so oft spalten sich die Gläubigen bei Uneinigkeiten in kleine Gruppen. Die größte dieser Gruppen ist die Zwölfer-Schia, die an zwölf rechtmäßige Imame glaubt. Die zweitgrößte Strömung sind die Siebener, auch Ismailiten genannt. Beide verbindet allerdings ein Punkt: Sie glauben, dass der letzte Imam eines Tages als „Mahdi“, der Rechtschaffene, auf die Erde zurückkehren wird, um Gerechtigkeit zu bringen.

Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten im Glauben

Zwischen den Sunniten und Schiiten gibt es größere Unterschiede. Beide Gruppen orientieren sich am Koran. Schiiten legen jedoch zusätzlich großen Wert auf das Leben und die Lehren der Imame. Sunniten hingegen stützen sich stärker auf die Hadithe. Dabei handelt es sich um Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen des Propheten Mohammed. Sie gehören nicht zum Koran. Außerdem wurde 1924 das Kalifat abgeschafft, womit die Sunniten kein religiöses Oberhaupt haben.

Auch in religiösen Bräuchen, Rechtsschulen und spirituellen Traditionen gibt es Unterschiede. Schiiten feiern beispielsweise besondere religiöse Gedenktage, die eng mit ihren Imamen verbunden sind. Trotz ihrer Unterschiede teilen Sunniten und Schiiten grundlegende religiöse Prinzipien. Beide Gruppen folgen den fünf Säulen des Islams: dem Glaubensbekenntnis zu Allah und dem Propheten Mohammed, den täglichen Gebeten nach Mekka, der Almosensteuer für reiche Muslime, dem Fasten im Ramadan und der mindestens einmaligen Pilgerfahrt nach Mekka.

Iran: Warum der Staat vom schiitischen Islam geprägt ist

Heute verbinden viele mit den Glaubensrichtungen vor allem Konflikte im Nahen Osten. Dabei hielten sich die Schiiten lange weitestgehend aus der Politik heraus. Das änderte erstmals sich mit der Iranischen Revolution von 1979. Der schiitische Geistliche Ajatollah Ruhollah Chomeini kehrte damals aus dem Exil zurück und übernahm die Führung, der Schah floh in die USA. Die Monarchie Iran verwandelte sich in die theokratische Islamische Republik Iran. In dem radikal-islamischen Regime regieren Rechtsgelehrte unter extrem ausgelegten islamischen Regeln.

So wurde die Schia zum Beispiel in der Verfassung zur Staatsreligion erklärt. In Artikel 12 heißt es: „Die Zwölfer-Schia ist die offizielle Religion Irans, und dieses Prinzip bleibt für immer und ewig unabänderlich.“ Im Iran, in Irak, Aserbaidschan und Bahrain sind Schiiten in der Mehrheit. Nach Regierungsangaben bekennen sich mehr als 98 Prozent der iranischen Bevölkerung zum Islam. Nur etwa zehn Prozent der Muslime im Land sind Sunniten.

Iran: Moschee in Torbat-e Jam
Sunniten im Iran beim abendlichen Ramadangebet in der Moschee des Mausoleums von Sheikh Ahmad-e Jami im Nordosten des Landes.© picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Tom Schulze

Eine Umfrage der „The Group for Analyzing and Measuring Attitudes in Iran“ aus dem Jahr 2020 zeichnet jedoch ein anderes Bild. Demnach bezeichnen sich nur 32,2 Prozent der rund 50.000 befragten Iraner als Schiiten. 22 Prozent gaben an, sich mit keiner Religion zu identifizieren.

Neben dem Islam sind im Iran drei religiöse Minderheiten anerkannt: das Christentum, das Judentum und der Zoroastrismus. Sie dürfen zusammen fünf Abgeordnete ins Parlament entsenden, die zuvor vom Regime zugelassen werden müssen. Allerdings besitzen sie kein Mitspracherecht in Fragen der Rechts-, Außen- und Innenpolitik. Andere Religionen werden verfolgt und diskriminiert. Wer vom Islam konvertiert, dem drohen lebenslange Haft oder sogar die Todesstrafe. Laut Menschenrechtsorganisationen kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Exekutionen.

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Auch Sunniten stehen im Iran vor Problemen. Sie gehören zu den größeren religiösen Minderheiten des Landes. Laut der GAMAAN-Umfrage identifizieren sich rund fünf Prozent der Bevölkerung als Sunniten. Die Verfassung garantiert ihnen zwar bestimmte Rechte und religiöse Freiheiten. In der Praxis können sie ihren Glauben jedoch nicht vollständig gleichberechtigt ausüben. Immer wieder werden ihnen etwa beim Bau eigener Moscheen Hindernisse in den Weg gelegt. So gibt es in der rund neun Millionen Einwohner zählenden Hauptstadt Teheran bis heute kein einziges Gotteshaus, in dem Sunniten ihren Glauben nach ihren eigenen Traditionen praktizieren können, wie das RND berichtet.

Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten in der Gegenwart

In vielen Ländern des Nahen Ostens, darunter Saudi-Arabien, Pakistan, Türkei und Afghanistan, sind Sunniten in der Mehrheit. Die religiösen Unterschiede in der Region waren immer wieder Auslöser für Konflikte, insbesondere im Irak nach 2003. Nach dem Sturz Saddam Husseins übernahmen schiitische Gruppen die politische Kontrolle in Bagdad, während sunnitische Milizen, darunter die irakische al-Qaida, Widerstand leisteten. Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt dazu: „Ergebnis war ein Bürgerkrieg im Irak zwischen 2005 und 2007, der in erster Linie einer zwischen Schiiten und Sunniten war, und mit großer Brutalität und Rücksichtslosigkeit ausgetragen wurde.“

Der Arabische Frühling 2011 verschärfte die Spannungen weiter. Staatszerfall und Bürgerkriege in Syrien, Jemen und Libyen führten zum Aufstieg extremistischer Gruppen wie dem IS. Gleichzeitig intervenierte die Islamische Republik Iran ab 2012 im syrischen Bürgerkrieg zusammen mit der Hisbollah, unterstützte ab 2014 schiitische Milizen im Irak und ab 2015 die Huthi-Rebellen im Krieg gegen Saudi-Arabien. Parallel wuchsen antischiitische Kräfte in der Region. Damit teilt sich der Nahe Osten beinahe in zwei Fraktionen.

Der Konflikt ist allerdings nicht unbedingt religiös. Auch regionale Machtpolitik und geostrategische Interessen spielen eine Rolle. Selbst nach dem militärischen Niederlage des IS bleiben Spannungen bestehen. Der iranisch-saudi-arabische Machtkampf am Persischen Golf behält eine religiöse Komponente. In Saudi-Arabien gilt eine sehr strenge, puritanische Auslegung des sunnitischen Islams als Staatsreligion – der Wahhabismus. Damit stehen sich Saudi-Arabien und der Iran ideologisch gegenüber.

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Zwischen den beiden Ländern eskalierte es 2019 schon beinahe, als die Huthi-Rebellen Ölanlagen in Saudi-Arabien mit Drohnen und Marschflugkörpern angriffen. Der Weltmarktpreis schoss danach in die Höhe. Mit dem amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran sind die Nachbarländer erneut ins Visier geraten. Iran hat mehrere US-Stützpunkte in Nachbarländern, sowie zivile Ziele in Israel und die Ölindustrie in Saudi-Arabien angegriffen. Auch die libanesische Hisbollah hat sich eingeschaltet.