Seit Cannabis in der Medizin breiter eingesetzt wird, ist auch der Blick der Forschung schärfer geworden: Cannabis kann bei Angstbeschwerden oder chronischen Schmerzen helfen. Zugleich verdichten sich die Hinweise, dass die Droge das Denken und Erinnern im Alltag stärker beeinträchtigen könnte, als lange vermutet wurde.

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Cannabis und Gehirn: Was die Forschung lange übersehen hat

In Deutschland ist Cannabis für Erwachsene seit dem 1. April 2024 unter Auflagen erlaubt; legal sind seither der Besitz kleiner Mengen und der Eigenanbau, während der Konsum etwa in Fußgängerzonen tagsüber untersagt bleibt. Wie verbreitet Cannabis bereits 2024 war, zeigen Zahlen des Epidemiologischen Suchtsurveys 2024 (ESA): Rund fünf Millionen Erwachsene in Deutschland hatten zu diesem Zeitpunkt mindestens einmal im Leben Cannabis konsumiert; 515.000 erfüllten die Kriterien einer Abhängigkeit, weitere 257.000 die eines Missbrauchs.

Vor diesem Hintergrund wirkt ein Großteil dessen, was über die Auswirkungen von Cannabis auf das Gehirn bekannt ist, erstaunlich dünn. Denn viele Studien zeigen bislang nur einen winzigen Ausschnitt dessen, was das Gedächtnis tatsächlich leistet. Lange habe sich die Forschung, so heißt es in einer neuen Studie der Washington State University, vor allem auf eine enge Frage konzentriert: ob sich Menschen nach dem Konsum noch an Wortlisten erinnern können. Das sei zwar messbar, bilde aber nur einen kleinen Teil dessen ab, was das Gedächtnis im Alltag leisten müsse.

Denn Gedächtnis ist mehr als das Abrufen einzelner Begriffe. Es umfasst auch Fähigkeiten wie Planen, Einordnen und verlässliches Erinnern. Genau diese alltagsnahen Gedächtnisleistungen rückten die Forschenden nun in den Mittelpunkt.

Cannabis-Studie: Was genau im Gedächtnis getestet wurde

Für ihre Untersuchung, die kürzlich im „Journal of Psychopharmacology“ erschienen ist, rekrutierten die Psychologin Carrie Cuttler und der Neurowissenschaftler Ryan J. McLaughlin 120 regelmäßige Cannabiskonsumierende. Alle nahmen seit mindestens einem Jahr wenigstens einmal pro Woche Cannabis. Per Zufall wurden sie in drei Gruppen eingeteilt: Eine erhielt 20 Milligramm THC, also den wichtigsten berauschenden Wirkstoff der Pflanze, eine zweite 40 Milligramm, die dritte ein Placebo ohne nennenswerte Wirkung. Verabreicht wurde das Cannabis mit einem Verdampfer. Weder die Teilnehmenden noch die Testleitung wussten, wer welche Dosis bekam.

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Nach dem Konsum absolvierten die Probandinnen und Probanden eine Reihe von Gedächtnistests. Dabei ging es nicht nur darum, wie gut sie sich Wörter oder Bilder merken konnten. Die Forschenden prüften auch, ob die Teilnehmenden an eine spätere Aufgabe dachten, ob sie Ereignisse in die richtige zeitliche Reihenfolge brachten und ob sie echte von falschen Erinnerungen unterscheiden konnten.

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Auswirkungen von Cannabis: Diese Gedächtnisleistungen litten besonders

In 15 von 21 Messungen schnitten die Cannabisgruppen schlechter ab als die Placebogruppe. Betroffen waren laut Studie unter anderem das unmittelbare Erinnern von Wörtern, das Arbeitsgedächtnis, also das kurzfristige Verarbeiten von Informationen, und das visuelle Gedächtnis.

Die Gruppe mit 20 Milligramm THC zeigte darüber hinaus Schwächen beim Ordnen zeitlicher Abläufe und beim sogenannten prospektiven Gedächtnis. Gemeint ist damit die Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern, das man später noch tun muss. Konkret vergaßen diese Teilnehmenden häufiger, nach einer Aufgabe deren Schwierigkeitsgrad einzuschätzen, obwohl genau das zuvor angekündigt worden war.

Fast noch aufschlussreicher ist allerdings, was die Studie nicht fand. Zwischen 20 und 40 Milligramm THC zeigten sich kaum nennenswerte Unterschiede. Mehr THC führte also nicht automatisch zu noch schlechteren Ergebnissen. Die Forschenden vermuten, dass beide Gruppen bereits ein ähnliches Maß an Rausch erreicht hatten. Anders gesagt: Die Beeinträchtigung hatte womöglich schon ein Plateau erreicht.

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Falsche Erinnerungen durch Cannabis: Der heikelste Befund der Studie

Am alarmierendsten sind die Befunde zu falschen Erinnerungen. In einem Test hielten Teilnehmende unter Cannabis deutlich häufiger Wörter für bekannt, die in Wahrheit nie genannt worden waren. Sie erinnerten sich also an Dinge, die gar nicht passiert waren.

Zugleich fiel es ihnen schwerer, korrekt anzugeben, woher eine Information stammte. In der Studie weisen die Autorinnen und Autoren darauf hin, dass gerade das in Zeiten von Desinformation besonders heikel sei. Wer nicht mehr zuverlässig unterscheiden kann, ob eine Behauptung von einer Ärztin, aus einer Zeitung oder aus einem fragwürdigen Beitrag in sozialen Medien stammt, verliert ein wichtiges Korrektiv. Aus einer bloßen Gedächtnislücke wird dann schnell ein Urteilsfehler.

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Nicht alle Formen des Erinnerns litten in der Studie gleichermaßen unter Cannabis. Die Teilnehmenden konnten zum Beispiel noch recht gut grob wiedergeben, was während der Tests passiert war. Auch beim Kurzzeitgedächtnis zeigten sich keine klaren Unterschiede. Das galt ebenso für eine Aufgabe, bei der sie alle zehn Minuten an etwas denken sollten. Die Forschenden vermuten allerdings, dass diese Aufgaben zu einfach gewesen sein könnten. Eine sichtbare Uhr half ihnen vermutlich dabei, Schwächen auszugleichen.

Wichtig ist auch, wer hier untersucht wurde: Menschen, die regelmäßig und seit längerer Zeit Cannabis konsumieren. Frühere Studien deuten darauf hin, dass sich manche akuten Effekte bei solchen erfahrenen Konsumierenden etwas abschwächen können. Das macht den Befund aber nicht weniger bemerkenswert. Denn wenn selbst diese Gruppe schon deutliche Probleme zeigte, könnten Gelegenheitskonsumierende oder Menschen, die kaum Erfahrung mit Cannabis haben, noch stärker beeinträchtigt sein.