Deutschland droht bei innovativen medizinischen Therapien und Medikamenten abgehängt zu werden. Davor warnt Prof. Christof von Kalle (64), Gründungsdirektor des Clinical Study Center BIH an der Berliner Charité, Direktor der Forschungsklinik Luxemburg und ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat des Bundesgesundheitsministeriums. Er fordert: Staat und Industrie müssten Milliarden in ein nationales Netz von Studienzentren investieren.
Herr von Kalle, warum sind klinische Studien eine wichtige Säule der Gesundheitsversorgung?
Prof. Christof von Kalle: Früher fand klinische Forschung quasi im Elfenbeintürmchen statt, für die Mehrheit der Patientinnen und Patienten spielte sie keine Rolle. Heute haben wir aber so eine Beschleunigung in der Entwicklung neuer Therapien, dass die Teilnahme an einer Studie enormes Potenzial für jeden Einzelnen hat. Bei vielen Krebserkrankungen, immunologischen und seltenen Erkrankungen gibt es große therapeutische Fortschritte – von denen nur Patienten in Studien frühzeitig profitieren können.
Lesen Sie auch
Experte über Studienzentren: „Haben in Deutschland kein verlässliches Netzwerk“
In der Realität ist die Durchführung klinischer Studien aber herausfordernd. Warum?
Weil der Vorgang so komplex ist. Einerseits müssen Patienten verstehen, was eine klinische Studie ist und dass sie bei vielen Diagnosen heute ein wichtiger Teil der Behandlung ist. Andererseits müssen diese Menschen dann auch auf Ärztinnen und Ärzte treffen, die ihnen genau diese Optionen anbieten und sie dann auch an die richtigen Studienzentren vermitteln können. Und diese müssen dann auch existieren und leistungsfähig sein. Diese „Konstellation der Gestirne“ ist die Grundvoraussetzung: Patient, Arzt und Studie müssen auf die richtige Weise aufeinandertreffen und voneinander wissen.
Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit das gelingen kann?
Ein verlässliches Netzwerk von Studienzentren. Und das haben wir in Deutschland nicht, weil es ein Niemandsland zwischen den Zuständigkeiten der Ministerien gibt.

Können Sie das erläutern?
Egal ob bei Land oder Bund – ein Gesundheitsministerium ist für die medizinische Versorgung zuständig, aber nur sehr bedingt für die versorgungsorientierte Forschung. Ein Forschungsministerium wiederum ist nicht für die medizinische Versorgung zuständig und auch nicht für Infrastrukturen im Gesundheitswesen. Patienten mit Studienbedarf stehen also oft im Niemandsland zwischen diesen beiden klinischen Bereichen der Versorgung und Forschung.
Welche Probleme gibt es noch?
Auch die kommerziellen Studien, bei denen ein Pharmaunternehmen ein neues Medikament auf den Markt bringen möchte und eine hohe Summe investiert, weil es sich einen späteren Gewinn erhofft, sind auf eine professionelle Studieninfrastruktur in Krankenhäusern und Arztpraxen angewiesen – so wie ein Busunternehmer Straßen und ausgebildetes Personal braucht, um seinen Bus zu betreiben.
Und dann gibt es ja auch noch Studien, die nicht in einem direkten kommerziellen Interesse eines einzelnen Unternehmens liegen. Bei denen zum Beispiel untersucht wird, ob man Therapiemaßnahmen reduzieren kann oder ob die Kombination mit einem anderen, bereits zugelassenen Medikament eines anderen Herstellers eine bessere Wirkung erzielt oder bei einer anderen Erkrankung hilft. Solche Studien mehrerer Partner aus Akademie, Gesundheitssystem und Industrie müssen auch stattfinden. Und die Behandlung muss in einer gesicherten Infrastruktur umgesetzt werden.
Die Frage ist also: Wer bezahlt die Forschungsinfrastruktur in den medizinischen Universitäten?
Richtig. Das Erstattungssystem der Krankenkassen ist eher auf Versorgungskrankenhäuser zugeschnitten und bezahlt keine klinischen Studien. Eine ähnliche Lücke gibt es für Forschung und Lehre dieser Art klinischer Forschung. Würden Sie einen Beruf ergreifen, dessen langfristige Finanzierung nicht gesichert ist?
Studien Wirken
Der Schlüssel für medizinischen Fortschritt sind klinische Studien. Die Initiative „Studien Wirken“ (studien-wirken.de) setzt sich gemeinsam mit Patientinnen und Patienten und Vertretern aus Forschung, Versorgung, Politik und forschender Industrie dafür ein, Wissen und Vertrauen zu klinischer Forschung sowie den Studienstandort Deutschland zu stärken. In Arbeitskreisen und mit einem Patientenrat arbeitet sie an besseren Bedingungen für klinische Studien in Deutschland. „Studien Wirken“ ist eine Initiative der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Redaktion gehört.
Experte über forschenden Nachwuchs: „Geht lieber in die Industrie oder in ein anderes Land“
Wie geht man damit aktuell in der Praxis um?
In Deutschland bekommen Universitäten vorübergehende, oft kleinteilige Förderprogramme, wie bei einer kleinen Schnitzeljagd, mit der Begründung: Netzwerkförderung. Aber diese Förderprogramme laufen nach drei, vier oder fünf Jahren aus. In der Zeit schafft man vielleicht die Vorbereitung und den Anfang einer Generation von Studien – danach sollen die Zentren profitabel arbeiten und sich refinanzieren. Das klappt aber nicht.
Aber die Netzwerkidee an sich klingt vernünftig?
Ja klar, aber dieses Ökosystem ist bisher nicht auskömmlich finanziert. Erstens haben die Unikliniken keine gemeinsame Struktur für Patientendaten und können, das haben wir bei Covid-19 gesehen, nicht leicht gemeinsam forschen. Das soll das Netzwerk Universitätsmedizin jetzt ändern. Zweitens ist die begrenzte Finanzierung auch für Forschende nicht attraktiv: Ein Studienzentrum muss erst mal in Gang kommen, das dauert. Wie soll man da zum Studienspezialisten werden, bevor die Förderung schon wieder abgelaufen ist? Da geht der akademische forschende Nachwuchs lieber in die Industrie oder in ein anderes Land. Wir nehmen uns damit selbst die nächste Generation klinischer Forscher.
Lesen Sie auch
Was ist Ihrer Ansicht nach die Lösung?
Deutschland muss eine Infrastrukturinvestition machen. Das haben andere Länder vorgemacht. In Asien und in Amerika wurden große, strategische Investitionen im Milliardenbereich in nationale Studienzentren getätigt, um genau das zu schaffen: den Schritt von der Grundlagenforschung hin zur verlässlichen medizinischen Versorgung.
Wenn Deutschland als selbstbewusster Studienstandort erfolgreich und für die forschende Pharmaindustrie attraktiv sein möchte, muss es in eine nachhaltige Studieninfrastruktur investieren. Ja, das kostet am Anfang. Aber wir sehen in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Großbritannien, Dänemark und Spanien, dass es funktioniert und sich im Endeffekt nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich sehr deutlich auszahlt.








