Ein bisschen Hokuspokus – und alle Probleme lösen sich in Luft auf: Das versprechen esoterische Dienstleister, selbst ernannte „Hexen“, auf dem Online-Marktplatz Etsy. Für manche wird der Kauf zum vermeintlichen Erfolgserlebnis, darunter Tiktokerin Sara, die nach einem „Dream Job Spell“ (dt. „Traumjob-Zauber“) umgehend Jobangebote bekommen haben will. Doch er kann genauso leicht zum Albtraum werden, wie eine andere Nutzerin auf Tiktok berichtet: Sie buchte einen „Liebeszauber“, der ihren Ex-Partner so obsessiv gemacht habe, dass er sie bis heute belästige.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Von „magischen“ Penisvergrößerungen über Wetter-Hexereien bis zum schnellen Liebesglück – der Handel scheint zu boomen. Die Kosten variieren stark je nach Anbieter und Dienstleistung: Los geht es bei ein paar Euro, bis in den dreistelligen Bereich ist alles dabei. Aber wie kann es sein, dass Menschen daran glauben und dafür Geld ausgeben? Die Psychologin und Autorin Dr. Pia Lamberty erklärt im Interview, warum Esoterik so anziehend wirken kann, welche gefährlichen Mechanismen drohen und wie man sich und Angehörige schützt.
Mehr zum Thema Psychologie lesen Sie hier
Frau Dr. Lamberty, viele Menschen zahlen Geld dafür, dass eine Hexe auf Etsy vermeintliche Wunder bewirkt. Wie erklären Sie sich diesen „magischen“ Trend?
Dr. Pia Lamberty: Solche Trends verstärken sich immer in Krisenzeiten, wenn die Gegenwart als belastend empfunden wird. Das gab es schon in der Weltwirtschaftskrise oder während Corona. Die vermeintliche Zauberei gibt den Menschen in einer unberechenbaren Welt ein Gefühl von Kontrolle zurück. Es ist eine Flucht aus der Ohnmacht und funktioniert wie eine Form der kommerzialisierten Selbstfürsorge, die ein Stück Zauber in den Alltag bringt. Man nimmt dadurch eine Rolle ein, in der man das eigene Selbstwertgefühl aufwertet, sich gesehen fühlt und gegen die Vereinsamung ankämpft.
Esoterik-Trend auf Etsy: Wer glaubt an die vermeintliche Online-Magie?
Welche Zielgruppe spricht das Angebot an?
Das Thema spricht primär weiblich gelesene und sozialisierte Menschen an, weil es ihnen ein Gefühl von Selbstermächtigung gibt. Das historisch negative patriarchalische Feindbild der „Hexe“ wird positiv umgedeutet, um Diskriminierungserfahrungen etwas entgegenzusetzen. Interessanterweise werden dabei oft traditionelle Stereotype aufgegriffen, das rationale Männliche versus das empathische, weiche Weibliche. Bei Männern geht es in der Esoterik übrigens eher um Leistungs- und Reichtumsoptimierung, also den „Superman“.
Zudem sehen wir Generationenunterschiede: Ältere Frauen zwischen 30 und 49 Jahren, die laut einer Studie in den USA knapp die Hälfte dieser Bewegung ausmachen, organisieren sich eher offline. Im Internet dominiert die jüngere Gen Z. Da greift eine moderne Angebotslogik: Influencerinnen machen das Thema auf Tiktok oder Instagram sichtbar und lösen damit Identifikations- und Gruppendynamiken aus.

Was muss zusammenkommen, damit das System funktioniert?
Um erfolgreich zu sein, braucht man wie immer ein Angebot, das Bedürfnisse oder Probleme von Menschen adressiert, zum Beispiel „Ich habe kein Geld“, „Ich habe keine Liebe, bin einsam“ oder „Ich kriege nicht das, was ich möchte“. Genau da setzt das System an und liefert ein komplettes Rundumpaket. Man braucht dann eine konkrete Lösung, die man aufbläst, mit schönen Sprüchen versieht und riesengroß macht. Das sieht man mittlerweile vermehrt mit so einem pseudowissenschaftlichen Anstrich, wie der ständigen „Nervensystem-Heilung“ im Netz, was ja erst mal seriös klingt.
Horoskope & Co.: Expertin erklärt „Bestätigungsfehler“
Was passiert psychologisch, dass so viele Personen daran glauben?
Dass Menschen daran glauben, liegt an Mustern, die wir von Horoskopen kennen: Es werden Aussagen genutzt, die spezifisch klingen, aber so allgemein sind, dass 90 Prozent der Menschen sagen „Ja, das bin ich“, wie „Eigentlich bin ich viel lustiger, als die meisten denken“. Man fühlt sich persönlich angesprochen und gesehen.
Durch den „Confirmation Bias“ – den „Bestätigungsfehler“ – merkt man sich am Ende nur die Momente, in denen es scheinbar gepasst hat. Das erhöht das Vertrauen enorm und kann dazu führen, dass man sich immer tiefer in diese Welten begibt. Was spielerisch anfängt, kann gerade in echten Lebenskrisen immer ernster werden und negative Konsequenzen haben.
Lesen Sie auch
Welche konkreten Gefahren lauern hinter dem scheinbar harmlosen „Zauber“?
Im Grunde wird hier Nonsens, der sicherlich oft unbewusst auf Macht und Kontrolle ausgelegt ist, mit etwas Feenstaub verkauft. Es ist eine Fast-Food-Lösung unserer kapitalistischen Verwertungsgesellschaft, eine Abkürzung: Man versucht, sich Glück und Liebe schnell zu kaufen. Manchmal können solche Rituale reine Unterhaltung sein – ein Ritual nach der Trennung kann auch helfen, Abstand zu bekommen.
Es ist aber eben nicht nur harmlos. Die Gefahren reichen von massiven finanziellen Verlusten über die Ablehnung der Schulmedizin bis zu sektenähnlichen Strukturen oder der Infiltration durch rechtsextreme Akteure. Zudem führt der Ansatz zum reinen „Manifestieren“ schnell zu einer toxischen Positivität, die negative Emotionen komplett ausschließt. Das führt oft in die Passivität und sorgt dafür, dass eigentlich strukturelle, gesellschaftliche Probleme fälschlicherweise individualisiert werden. Man sucht die Schuld für Misserfolge nur noch bei sich selbst.
Kritik an Etsy, Tiktok & Co.: „Müssen psychische Gesundheit schützen“
Was müsste passieren, um Verbraucher zu schützen? Wer steht hier in der Pflicht?
Ich finde, dass generell zu wenig dafür getan wird, die psychische Gesundheit der Menschen zu schützen. Bei gefährlichen Produkten müssen Plattformen wie Etsy, Tiktok und Instagram viel stärker in die Pflicht genommen werden. Wenn Heilsversprechen gemacht werden, ist das nicht harmlos. Aber der digitale Raum hinkt bei der Regulierung hinterher. Zum anderen ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Wir brauchen eine viel stärkere Förderung von Medienkompetenz und kritischem Denken sowie mehr psychosoziale Versorgung und Resilienzförderung.
Verbraucherzentrale warnt
Auch die Verbraucherzentrale mahnt zur Vorsicht bei spirituellen Angeboten: „Anbieter dürfen gesetzlich nicht versprechen, dass Rituale oder Produkte Krankheiten heilen oder psychische Probleme lösen.“ Vorsicht sei bei sogenanntem „Angst-Marketing“ geboten: Wer behauptet, jemand sei verflucht und brauche dringend eine „Reinigung“, will meist nur ans Geld. Weil es für solche Dienste keine Qualitätsstandards gibt, sind dreistellige Beträge laut Verbraucherzentrale oft reiner Wucher. Zudem sollte man Bewertungen kritisch hinterfragen, da diese oft gefälscht seien. Ein Recht auf Geld-zurück gibt es nicht: Der Anbieter schuldet rechtlich nur das Durchführen der Handlung, nicht aber den gewünschten Erfolg – das Geld ist im Zweifel also weg.
Grundsätzlich sind spirituelle Dienstleistungen aber nicht verboten, so die Verbraucherzentrale weiter. Sie bewegen sich aber in einem besonderen rechtlichen Rahmen: „Der Bundesgerichtshof hat bereits 2011 entschieden, dass Verträge über magische Leistungen als ‚objektiv unmöglich‘ gelten. Das heißt, wer dafür bezahlt, kauft die Bemühung, nicht das garantierte Ergebnis. Eine Rückforderung, weil der Zauber nicht gewirkt hat, ist damit in aller Regel ausgeschlossen.“ Auf Etsy gelten gewisse Regeln für die Angebote: „Wahrsagerei und spirituelle Lesungen sind erlaubt, müssen aber immer mit einem greifbaren Gegenwert verbunden sein – etwa einem Foto der gelegten Tarot-Karten, einer Audiodatei oder einem schriftlichen Protokoll“, erklärt die Verbraucherzentrale.
Wie kann man sich als Einzelner schützen, wenn man selbst oder jemand im Umfeld in diese Welten abdriftet?
Man sollte die Angebote vorab genau unter die Lupe nehmen und gucken: Wer ist die Person? Welches Weltbild vertritt sie? Und möchte ich das wirklich unterstützen? Ganz wichtig ist es auch, sich im Vorfeld eine persönliche Grenze und eine rote Linie zu setzen.
Gefährlich wird es nämlich, wenn magische Rituale reale Handlungen ersetzen. Wenn man merkt, dass man das bei jedem Problem als Lösungsversuch sieht, nicht mehr mit dem Freund redet, wenn was doof war, sondern schnell zu Etsy rennt, um mal eben einen Zauber zu machen – das ist ein riesiges Warnsignal. Genauso, wenn Personen ohne Ausbildung einem plötzlich Gesundheitsempfehlungen geben. Ich würde auf jeden Fall keine „Hexen“ an meine Finanzen lassen.
Wir müssen ein besseres Gefühl dafür entwickeln, wer uns guttut und wer uns schadet. Durch Social Media und KI ist so viel Quatsch normalisiert, dass es Menschen immer schwerer fällt zu unterscheiden, was valide ist und was nicht. Umso wichtiger ist ein innerer Kompass.










