Die Debatte um die Widerspruchslösung rückt die Organspende wieder in den Fokus. Denn jeden Tag hoffen Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Rebecca Zimmering ist stellvertretende Leiterin im Referat für Organ- und Gewebespende beim Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit. Im Gespräch erklärt sie, wie hoch der Bedarf an Organen wirklich ist, welche Risiken sich daraus für Wartende ergeben und warum eine informierte Entscheidung zur Organspende möglichst früh beginnen sollte.

Frau Zimmering, wie viele Menschen warten derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan – und für welche Organe ist der Bedarf am größten?

Rebecca Zimmering: Derzeit warten in Deutschland rund 8200 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Mit Abstand am größten ist der Bedarf bei Nieren: Etwa 6000 Patientinnen und Patienten auf der Warteliste hoffen auf eine Nierentransplantation. Danach folgen Leber-, Herz- und Lungentransplantationen.

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Warum ist ausgerechnet der Bedarf an Spendernieren so groß?

Das liegt vor allem an zwei Hauptgründen. Zum einen sind chronische Nierenerkrankungen vergleichsweise häufig. Sie können unter anderem durch Diabetes, Bluthochdruck oder durch angeborene Erkrankungen entstehen und im schlimmsten Fall zu einem vollständigen Nierenversagen führen. Zum anderen können Betroffene, die eine neue Niere brauchen – anders als bei Herz oder Lunge – dank der Dialyse (Anm. d. Red.: Blutwäsche) die Zeit bis zur Transplantation überbrücken, wodurch viel mehr Menschen für eine Transplantation infrage kommen.

Doch diese Therapie ist für den Körper sehr belastend und ersetzt die Arbeit der Nieren nur teilweise. Viele Patienten sind mehrmals pro Woche über mehrere Stunden an ein Dialysegerät gebunden – das prägt den gesamten Alltag. Eine Nierentransplantation bietet ihnen deshalb häufig die Chance auf ein deutlich selbstbestimmteres Leben und verbessert in vielen Fällen auch die Lebenserwartung.

Wie viele Menschen in Deutschland, die aktuell auf der Warteliste stehen, erhalten tatsächlich ein Organ?

Im Jahr 2025 wurden insgesamt 3256 Organe aus Deutschland sowie aus dem Eurotransplant-Verbund transplantiert. Bundesweit konnte damit 3150 Patientinnen und Patienten durch ein oder mehrere Organe ein Weiterleben ermöglicht werden. 315 Menschen davon erhielten ein neues Herz.

Organspende: Darum geht es bei der Diskussion um eine Neuregelung
Einen Organspendeausweis erhält man in vielen Behörden oder in Arztpraxen und Apotheken.© Heike Lyding

Wie lange ist aktuell die Wartezeit auf ein Organ in Deutschland?

Eine allgemeingültige Wartezeit gibt es nicht. Wie lange jemand auf ein Spenderorgan wartet, hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem davon, welches Organ benötigt wird, wie dringend eine Transplantation ist und welche Blut- und Gewebemerkmale vorliegen. Gerade bei einer Nierentransplantation beträgt die Wartezeit im Schnitt acht bis zehn Jahre.

Bei anderen Organen wie Herz oder Leber entscheidet oft die medizinische Dringlichkeit, sodass manche Betroffene schneller ein Organ erhalten, andere jedoch gar nicht so lange warten können. Fest steht: Für alle Betroffenen ist das Warten eine große körperliche und psychische Belastung. Der Organmangel in Deutschland führt dazu, dass viele Menschen deutlich länger auf eine Transplantation warten müssen, als es medizinisch wünschenswert wäre.

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Wer bekommt welches Organ? Nach diesen Faktoren wird entschieden

Sie haben die medizinische Dringlichkeit angesprochen. Menschen, die sich in einer akut lebensbedrohlichen Situation befinden, kommen auf die sogenannte High-Urgency-Liste. Gleichzeitig ist ihr Zustand aber oft schon so schlecht, dass sie gar nicht operiert werden können. Wäre es nicht besser, diese Menschen schon früher zu bevorzugen?

Das ist eine Frage, die viele Menschen beschäftigt. Tatsächlich bedeutet der Status „High Urgency“ nicht automatisch, dass eine Transplantation sofort erfolgen kann. Die Organvermittlung folgt klaren medizinischen und ethischen Kriterien. Ziel ist es, Menschen zu transplantieren, die das Organ einerseits dringend benötigen und bei denen andererseits eine realistische Aussicht besteht, dass die Transplantation erfolgreich verläuft. Deshalb wird bei jeder Organvermittlung sorgfältig abgewogen: Wie hoch ist die Dringlichkeit? Wie groß ist der zu erwartende Nutzen? Und passt das Spenderorgan medizinisch überhaupt zu der Empfängerin oder dem Empfänger?

Die Patientinnen und Patienten werden bereits engmaschig betreut, sodass sich Veränderungen ihres Gesundheitszustands unmittelbar auf ihre Dringlichkeitseinstufung auswirken können. Dennoch lässt sich leider nicht jeder Krankheitsverlauf vorhersehen. Bei manchen Menschen verschlechtert er sich trotz optimaler medizinischer Versorgung sehr schnell. Das zeigt, wie schwierig Entscheidungen bei der Organvermittlung sind.

Wie viele Menschen versterben, weil für sie nicht rechtzeitig ein passendes Organ gefunden wird?

Im Jahr 2025 sind 633 Menschen verstorben, die auf der Warteliste standen.

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In Deutschland wird derzeit viel über die mögliche Widerspruchslösung bei der Organspende diskutiert. Würde dieser Weg tatsächlich dazu beitragen, den Organmangel zu verringern?

Wir vom Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit bewerten politische Entscheidungsoptionen wie die Widerspruchslösung nicht. Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung unabhängig und wissenschaftlich fundiert über die Organ- und Gewebespende zu informieren und Menschen dabei zu unterstützen, eine informierte Entscheidung zu treffen.

Unabhängig von der gewählten gesetzlichen Regelung bleibt aus meiner Sicht entscheidend, dass sich möglichst viele Menschen frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen, eine persönliche Entscheidung treffen und diese auch dokumentieren sowie mit ihren Angehörigen besprechen. Dafür braucht es vor allem stetige Aufklärung. Idealerweise beginnt diese bereits in der Schule, damit junge Menschen frühzeitig die Möglichkeit haben, sich sachlich mit Fragen rund um Organ- und Gewebespende auseinanderzusetzen. Wer gut informiert ist, kann eine selbstbestimmte Entscheidung treffen – unabhängig davon, wie diese letztlich ausfällt.