„In guten wie in schlechten Zeiten“ – dieses Versprechen geben sich Paare vor dem Altar. Sie teilen ein Leben, ein Bett, den Kühlschrank und oft jahrzehntelang die gleichen Gewohnheiten. Doch eine neue, großangelegte Studie zeigt nun, dass Eheleute noch etwas teilen, das weitaus weniger erfreulich ist: das Risiko, an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz zu erkranken.

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Die im Juli 2026 im Fachjournal „JAMA Network Open“ veröffentlichte Untersuchung aus Taiwan ist in ihrer Dimension einzigartig. Die Forscher begleiteten fast eine Million Menschen über einen Zeitraum von bis zu 24 Jahren. Das Ergebnis: Erhält ein Ehepartner die Diagnose Demenz, steigt das Risiko für den anderen Partner deutlich an – und zwar um rund 70 Prozent. Doch woran liegt das? Ist Demenz etwa im klassischen Sinne ansteckend?
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Keine Ansteckung, sondern ein geteiltes Leben
Die Entwarnung vorweg: Nein, Demenz ist nicht ansteckend, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Die Ursachen für das Phänomen liegen tiefer und sind im gemeinsamen Alltag verankert. Besonders faszinierend ist dabei ein Detail der Studie: Die Ehepartner von Demenzkranken waren zu Beginn der Untersuchung keineswegs „kränker“ als die Kontrollgruppe. Ihre gesundheitliche Ausgangslage, inklusive Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Depressionen, war nahezu identisch. Erst nach der Diagnose des Partners drifteten die Schicksale auseinander.
Für die Studie nutzte das Forschungsteam die nationale Krankenversicherungsdatenbank Taiwans, die fast 99 Prozent der Bevölkerung abdeckt. Zwischen 1998 und 2022 identifizierten sie die Ehepartner von Menschen mit einer neu diagnostizierten Demenz und verglichen sie mit einer vierfach größeren Kontrollgruppe, deren Partner gesund geblieben waren. Faktoren wie Alter, Wohnort und Einkommen wurden dabei herausgerechnet, um faire Vergleiche zu ermöglichen.
Dabei zeigte sich, dass Frauen, deren Ehemänner an Demenz erkrankten, ein um 74 Prozent höheres Risiko hatten, selbst die Diagnose zu erhalten. Bei Männern mit betroffenen Ehefrauen lag das Risiko um 69 Prozent höher. Dieses Muster zeigte sich über alle Demenzformen hinweg, einschließlich der Alzheimer-Krankheit und der vaskulären Demenz.
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Unterschied zwischen Statistik und Realität
Da reine Prozentangaben (das relative Risiko) oft bedrohlicher wirken, als sie sind, ermittelten die Forscher auch das absolute Risiko innerhalb von fünf Jahren:
- Bei den Frauen lag das absolute Risiko bei 6,47 Prozent, im Vergleich zu 3,72 Prozent in der Kontrollgruppe. Das ist ein Unterschied von 2,75 Prozentpunkten.
- Bei den Männern erkrankten 9,24 Prozent der Betroffenen gegenüber 5,75 Prozent in der Kontrollgruppe – ein Unterschied von 3,49 Prozentpunkten.
Was auf den ersten Blick nach kleinen Zahlen aussieht, summiert sich bei Millionen älterer Paare weltweit zu einer beträchtlichen Menge an Schicksalen.
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Demenz: Wenn das Alter und die Kinderlosigkeit das Risiko treiben
Interessanterweise zeigt sich der stärkste relative Risikoanstieg bei jüngeren Ehepartnern unter 55 Jahren. Doch im höheren Alter steigt das absolute Zusatzrisiko deutlich an: Bei den über 75-Jährigen liegt der absolute Unterschied nach fünf Jahren bei 5,0 Prozentpunkten für Frauen und sogar 5,29 Prozentpunkten für Männer. In dieser Altersgruppe erkranken unter den pflegenden Partnern also über fünf Prozent mehr Menschen als in der gesunden Vergleichsgruppe.
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Auch die Familienstruktur und die Finanzen spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ehepartner mit geringerem Einkommen und weniger Kindern wiesen die größten Unterschiede im absoluten Risiko auf. Die Gründe liegen auf der Hand: Wer weniger verdient, kann sich seltener professionelle Pflege- oder Haushaltshilfen leisten.
Ein besonders schweres Los tragen kinderlose Ehefrauen. Sie wiesen in der Studie das höchste relative Risiko auf. Da Frauen statistisch gesehen immer noch den Hauptteil der Pflegearbeit übernehmen, lastet die immense Verantwortung ohne die Unterstützung von eigenen Kindern oft komplett auf ihren Schultern. Der daraus resultierende Stress, Schlafmangel und die soziale Isolation schädigen die Gehirngesundheit nachweislich.
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Signal für das gesamte familiäre Umfeld
Die Ergebnisse der taiwanesischen Forscher zeigen eindringlich, dass Demenz keine Diagnose ist, die nur eine einzelne Person betrifft. Sie ist ein Schicksalsschlag für den gesamten Haushalt.
Wenn ein Mensch an Demenz erkrankt, sollte dies für Mediziner und das Gesundheitssystem ein Signal sein, sofort auch den gesunden Partner in den Blick zu nehmen. Durch frühzeitige Entlastung, psychologische Unterstützung und gezielte Vorsorge für pflegende Angehörige könnte verhindert werden, dass aus einem Demenzfall in der Familie schleichend ein zweiter wird.
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Grenzen der Studie und ein Blick in die Zukunft
Die Studie weist gewisse methodische Einschränkungen auf. Da die Daten aus einer Krankenkassendatenbank stammen, basieren die Diagnosen auf Abrechnungscodes und wurden nicht durch Biomarker (wie Gehirn-Scans) im Detail überprüft. Zudem lagen den Forschern keine direkten Daten zum genauen Bildungsstand oder zu individuellen Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Rauchen und Sport vor. Auch Veränderungen des Familienstands konnten nicht lückenlos nachverfolgt werden.
Für die Zukunft fordern die Autoren daher Folgestudien, die diese Lücken schließen. Künftige wissenschaftliche Untersuchungen sollten die tatsächliche Intensität der Pflegearbeit, die konkrete psychische Belastung der pflegenden Partner sowie den Bildungsstand und das alltägliche Gesundheitsverhalten direkt erfassen.
















