- Ein neues Spargesetz könnte weitreichende Folgen haben
- Besonders stark betroffen sind Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten
- Eine Expertin verrät, was genau jetzt auf Betroffene und Behandelnde zukommt
Wenn man von Psychotherapie spricht, denken viele als Erstes daran, wie schwierig es sein kann, überhaupt einen Therapieplatz zu finden. Die Wartelisten sind lang – und der Bedarf wächst stetig. In Deutschland fehlt es schlichtweg an genügend Personal, um die Situation zu entspannen.

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Jetzt könnte ein geplantes Sparpaket für die gesetzlichen Krankenkassen die Situation weiter verschärfen. Im Interview erklärt Ulrike Böker, psychologische Psychotherapeutin und stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der Vertragspsychotherapeuten, warum das für betroffene Praxen ein finanzielles Desaster darstellen kann – und warum die Patienten am Ende die Leidtragenden sein dürften.
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Psychotherapie: Praxen droht 20‑Prozent-Verlust
Was bedeutet das GKV-Sparpaket für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten?
Ukrike Böker: Zunächst einmal einen bedeutenden finanziellen Verlust. Schon jetzt steht fest, dass die Vergütung für Kurzzeittherapien (KZT) geringer ausfallen wird, weil Zuschläge wegfallen werden. Dabei handelt es sich um Zuschläge in Höhe von 15 Prozent, die für die ersten zehn Sitzungen einer Behandlung gezahlt werden. Solche KZTs sollen dafür sorgen, dass viele Patienten schnell versorgt werden – und nicht länger als notwendig. Die Therapie soll den Betroffenen vor allem Halt geben. Fallen diese Zuschläge weg, sprechen wir von einem beträchtlichen finanziellen Einbruch für die betreffende Praxis.
Hinzu kommt die sogenannte Angemessenheitsprüfung, die eigentlich eine „Mindestvergütung“ für jede psychotherapeutische Leistung sicherstellen soll. Drohen dort weitere Einbußen?
Im Hintergrund ist noch offen, ob diese Vergütung grundsätzlich um 4,5 Prozent abgewertet werden soll. Eine einzelne Praxis, die sich auf Kurzzeittherapien spezialisiert hat, könnte somit aber auf einen finanziellen Verlust von insgesamt fast 20 Prozent kommen.
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Wie erklären Sie sich die Kürzungen?
Die Zusatzbeiträge der Krankenkassen drohten in die Höhe zu gehen. Deshalb soll jetzt gekürzt werden. Angeblich sollen dabei alle Bereiche der Gesundheitsversorgung gleichermaßen angefasst werden. Das stimmt so aber nicht – es ist vor allem der ambulante Bereich betroffen.
Psychotherapie-Angebot gedeckelt: „Das ist viel zu wenig“
Warum wäre gerade die Psychotherapie besonders belastet?
In der Psychotherapie hatten wir bis dato eine besondere Welt. Wir konnten auf den gestiegenen Bedarf reagieren und mehr Therapiestunden anbieten, wenn das notwendig war. Die Krankenkassen mussten diese zusätzlichen Leistungen zu 100 Prozent vergüten. Bezahlt wurde das aus den sogenannten extrabudgetären Vergütungen. Viele Psychotherapeuten haben ihren vollen Sitz daraufhin halbiert und die Hälfte an einen Kollegen abgegeben. Auf zwei halben Sitzen wird deutlich mehr Versorgung angeboten als auf einem vollen Sitz.
Das war eine gute Situation für die niedergelassenen Psychotherapeuten und auch die Patienten, da es einfach ein deutlich größeres Versorgungsnetz gab. Jetzt sollen die zusätzlichen Leistungen jedoch nicht mehr unbegrenzt vergütet werden. Stattdessen wird aus dem Bedarf aus dem Jahr 2025 ein gedeckeltes Budget festgelegt, bei dem dann eine Grenze gezogen wird. Sollten zukünftig mehr Leistungen abgerechnet werden, als in diesem Budget verfügbar sind, wird nur noch anteilig ausgezahlt.
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Wie würden sich diese Szenarien finanziell für Psychotherapeuten auswirken?
Die Kürzung der KTZ-Zuschläge gilt für alle Praxen, sei es ein halber oder ein voller Sitz. Wer viele Kurzzeittherapien anbietet, ist von den geplanten Kürzungen natürlich stärker betroffen als jemand, der eher Langzeittherapie anbietet. Die halben Sitze wird es außerdem stärker treffen, da die im Vertrauen auf die extrabudgetären Vergütungen gearbeitet haben. Ihnen wurde praktisch gesagt: Schaut, dass ihr viel anbietet, um die Versorgungslücken zu stopfen. Und nicht wenige haben das genutzt. Rund 30 Prozent aller Kollegen nutzen ihren halben Versorgungsauftrag voll aus. Das ist auch extrem wichtig für die Versorgung.
Jetzt schon deutet sich an, dass es für jeden Psychotherapie-Sitz ein Kontingent geben wird. Das heißt, dass es eine bestimmte Anzahl an Sitzungen gibt, die weiterhin zu 100 Prozent vergütet werden. Geplant wären bei einem vollen Sitz 36 Sitzungen, bei halben 18 Sitzungen, die sicher vergütet werden. Für halbe Sitze ist das viel zu wenig! Es sind zwar Ausnahmeregelungen geplant, aber da muss die Politik noch nachbessern.

Ist es wahrscheinlich, dass sich viele Psychotherapeuten verstärkt auf Privatpatienten fokussieren, um die wegfallenden Einnahmen zu decken?
Das wird sicher so passieren. Viele Psychotherapeuten werden abwägen, ob man die GKV-Sprechzeiten schließt und stattdessen mehr Privatpraxisleistungen anbietet. Das dürfte im gesamten ambulanten Bereich zunehmen, nicht nur in der Psychotherapie. Aber: Die Zahl der Privatpatienten ist begrenzt. Gerade auf dem Land braucht man nicht mit einer großen Anzahl zu rechnen.
Zum anderen werden viele Praxen überlegen, welche Selbstzahler-Leistungen sie vermehrt anbieten können. In der Psychotherapie sprechen wir aber oft von einem Termin pro Woche. Alle, die finanziell nicht gut aufgestellt sind, sind dann außen vor und können das schlicht nicht bezahlen.
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Gibt es für Betroffene dann einfach noch weniger Angebot?
Der Trend dürfte dahinführen, dass die Krankenkassen mit digitalen Gesundheitsanwendungen im psychischen Bereich auf den Markt gehen. Da findet man dann vielleicht Tipps, wie man sich gut entspannen kann. Viel mehr ist über solche Medien einfach nicht möglich. Das verstärkt die Gefahr, dass Patienten erst behandelt werden, wenn sie schon schwer erkrankt sind. Dieses Modell ist wirklich schwierig aus Patientensicht.
Oft lohnt es sich, Patienten in Therapie zu nehmen, die noch nicht chronifiziert krank sind, um eine Verschlimmerung zu verhindern. Dass Psychotherapie erst notwendig ist, wenn jemand fast schon stationär eingewiesen werden muss, stimmt einfach nicht. Und es spielt Patienten gegeneinander aus. Kurzzeittherapien sind ein wichtiges Mittel.
Schon jetzt müssen Betroffene lange auf einen Therapieplatz warten. Wie dürfte sich die Situation in Zukunft ändern?
Es wird auf keinen Fall besser werden. Es wird weniger Versorgung geben, obwohl der Bedarf erwiesenermaßen weiter steigt. Ausgenommen ist wahrscheinlich die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Hier soll weiter extrabudgetär abgerechnet werden dürfen. Das glaube ich aber erst, wenn es schwarz auf weiß im Gesetz steht.
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Gesundheitsökonomen behaupten ja, die Kürzungen wären insofern gut, als dass sich die Psychotherapeuten wieder mehr auf „wirklich“ Kranke fokussieren können und entlasteter sind. Was sagen Sie dazu?
Dass die Psychotherapeuten viele „Lifestyle-Patienten“ behandeln würden, ist eine ganz üble Unterstellung. Da wird sowohl den Patienten als auch den Behandelnden vorgeworfen, etwas zu tun, was gar nicht wirklich notwendig sei. Das ist absolut haltlos.
Können Sie der GKV-Sparmaßnahme auch positive Aspekte abgewinnen?
Kurzfristig sehe ich keine Vorteile. Gute medizinische Versorgung hat eine hohe Bedeutung für sozialen Frieden. Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt, dass Strukturen nachhaltig kaputtgehen. Die Politik sollte frühzeitig einsehen, dass da ein Fehler gemacht wurde und es wieder besser werden muss als vorher. Sonst laufen wir in eine Katastrophe.














