Wer zu viel Alkohol trinkt, handelt impulsiver, verliert leichter die Kontrolle und trifft riskantere Entscheidungen. So weit die gängige Vorstellung. Unklar blieb allerdings, was zuerst kommt: Verändert der Alkohol das Entscheidungsverhalten, oder gehen bestimmte Verhaltensänderungen einem steigenden Konsum voraus?

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Dieser Frage gingen Forschende des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und der Technischen Universität Dresden nach. Unter der Leitung von Prof. Dr. Lorenz Deserno und Dr. Hilmar Zech sowie in Kooperation mit Prof. Dr. Michael Smolka und Prof. Dr. Thomas Goschke untersuchten sie, wie Risikoverhalten und Alkoholkonsum über längere Zeit zusammenhängen. Ihre Ergebnisse erschienen im Fachjournal „Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging“.
Alkohol: Studie begleitete 603 Menschen ein Jahr lang
Für ihre Untersuchung begleiteten die Wissenschaftler ein Jahr lang 603 Erwachsene, die überwiegend an einer leichten bis mittelschweren Alkoholkonsumstörung litten. Anders als bei einer schweren Abhängigkeit schwankte ihr Konsum teils erheblich. Manche tranken regelmäßig kleinere Mengen, andere verzichteten unter der Woche weitgehend auf Alkohol und konsumierten dafür am Wochenende umso mehr. Gerade diese wechselhaften Konsummuster interessierten das Team.
Alle zwei Tage dokumentierten die Teilnehmenden per Smartphone, wie viel Alkohol sie konsumiert hatten. Zur Auswahl standen zwölf Trinkmengen, vom Schnapsglas bis zur Weinflasche. Ergänzend fanden alle drei Monate Laboruntersuchungen und Hirnscans statt. Auch Stimmung und subjektive Selbstkontrolle wurden erfasst.
Smartphone-Spiele messen Risikoverhalten und Selbstkontrolle bei Alkoholkonsum
Die eigentliche Neuheit der Studie lag jedoch in vier eigens entwickelten Smartphone-Spielen. Statt sich ausschließlich auf Fragebögen zu verlassen, wollten die Forschenden mit diesen Spielen das tatsächliche Verhalten beobachten. Denn zwischen der eigenen Einschätzung und dem Handeln im konkreten Moment kann eine erhebliche Diskrepanz liegen.
„Wir fragen nicht, was oder wie die Personen denken, sondern lassen sie ganz bequem auf ihrem Smartphone unsere selbst entwickelten Spiele spielen“, erklärt Zech. Schon kleine Unterschiede, etwa bei der Reaktionsgeschwindigkeit, könnten Hinweise darauf liefern, wie gut bestimmte Denk- und Kontrollprozesse funktionieren.
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Einmal im Monat absolvierten die Teilnehmenden vier Spiele von jeweils rund fünf Minuten. Im ersten sollten sie Früchte von einem Baum pflücken, allerdings nur, solange diese nicht braun waren. Der Test erfasste die sogenannte Impulskontrolle, also die Fähigkeit, eine bereits begonnene Handlung rechtzeitig zu stoppen.
Im zweiten Spiel mussten sich die Teilnehmenden zunehmend komplexe Muster merken und anschließend wiedergeben. Damit wurde das Arbeitsgedächtnis geprüft, das Informationen kurzfristig speichert und verarbeitet. Die beiden anderen Spiele stellten die Teilnehmenden vor Entscheidungen mit ungewissem Ausgang. Bei einem konnten sie sichere 30 Punkte wählen oder ihr Glück an einem Rad versuchen, das zwischen null und 60 Punkte einbrachte. Im letzten Spiel ging es darum, sich für einen von zwei Kartenstapeln zu entscheiden. Wer mehr über die Karten erfahren wollte, musste dafür Punkte einsetzen. Wer hingegen sofort entschied, sparte diese Punkte, ging aber ein größeres Risiko ein.
Risikobereitschaft kann späteren Alkoholkonsum vorhersagen
Beim Vergleich der Spielergebnisse mit den Trinkprotokollen zeigte sich ein auffälliges Muster: Wer in bestimmten Spielsituationen riskanter oder unvorsichtiger entschied, trank im darauffolgenden Monat häufig mehr Alkohol. Umgekehrt ließ sich nicht feststellen, dass ein höherer Alkoholkonsum das spätere Entscheidungsverhalten entsprechend veränderte.
„Wer im Spiel risikofreudiger oder unvorsichtiger war, hat im darauffolgenden Monat häufig mehr Alkohol konsumiert“, erklärt Zech. Dabei kam es allerdings auf die Art des Risikos an: Je nachdem, ob Gewinne oder Verluste drohten und wie sorgfältig die Teilnehmenden Informationen abwogen, fielen die Zusammenhänge unterschiedlich aus.
Die Tests zur Impulskontrolle und zum Arbeitsgedächtnis zeigten dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang. Offenbar war nicht eine allgemein nachlassende Selbstkontrolle ausschlaggebend, sondern die Art, wie Menschen Entscheidungen unter Unsicherheit trafen.
Dass diese Veränderungen dem steigenden Alkoholkonsum vorausgingen, belegt allerdings noch nicht, dass sie ihn auch verursachten. Die Studie zeigt einen zeitlichen Zusammenhang, keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Alkoholabhängigkeit früh erkennen: Kann das Smartphone helfen?
Für die Suchtprävention könnte dieser Befund dennoch relevant werden. Wenn sich Veränderungen im Entscheidungsverhalten bereits vor einem steigenden Alkoholkonsum erkennen lassen, wäre es womöglich möglich, Betroffene früher zu erreichen. „Wir könnten smartphonebasierte Spiele zum Beispiel als Risikoindikator nutzen und bei auffälligen Messungen frühzeitig intervenieren“, sagt Zech. Denkbar seien Warnhinweise, Beratungsgespräche oder digitale Übungen, bevor sich problematische Trinkgewohnheiten verfestigen.
Deserno sieht darin eine Chance, gesundheitliche Schäden und die sozialen Folgen einer schweren Alkoholabhängigkeit zu verhindern. Noch ist ein solches Frühwarnsystem allerdings Zukunftsmusik. Ob die Smartphone-Tests das individuelle Trinkrisiko zuverlässig vorhersagen können, ist bislang offen.
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Das Forschungsteam untersucht deshalb in einer weiteren Studie 150 Personen, die innerhalb von zwölf Wochen in zwei jeweils vierwöchigen Phasen zweimal täglich Smartphone-Tests absolvieren. So wollen die Wissenschaftler genauer feststellen, wann sich die Risikobereitschaft verändert und wie schnell darauf ein erhöhter Alkoholkonsum folgen könnte.
Beratungsstellen helfen bei Suchterkrankungen
Sie leben mit einer Abhängigkeitserkrankung oder haben den Verdacht, süchtig zu sein? Sie sind Angehöriger eines Menschen mit Abhängigkeitserkrankung und suchen nach Hilfe? Suchtberatungsstellen in Deutschland bieten vertrauliche Hilfe bei allen Fragen rund um das Thema Sucht.
• Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Die DHS ist die zentrale Dachorganisation der Suchthilfe in Deutschland. Auf ihrer Website finden Sie eine Liste von regionalen Suchtberatungsstellen und Fachkliniken: www.dhs.de
• Sucht & Drogen Hotline: Die Hotline ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 01806 313031 erreichbar und bietet telefonische Beratung für Betroffene und Angehörige.
• Bundesweite Online-Sprechstunde der Suchthilfe: Über das Portal des Fachverbands Sucht können Sie eine Online-Beratung in Anspruch nehmen. Die Beratung erfolgt anonym, sicher und datenschutzkonform.
• Anonyme Selbsthilfegruppen: Verschiedene Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) oder die Narcotics Anonymous (NA) bieten Treffen für Betroffene an, um sich untereinander auszutauschen und zu unterstützen. Informationen zu Treffen finden Sie auf den jeweiligen Websites.
Zusätzlich können Sie auch bei Ihrem Hausarzt, beim Gesundheitsamt oder bei psychiatrischen Kliniken weitere Unterstützung erhalten.










