Am İztuzu-Strand im Südwesten der Türkei graben sich jedes Jahr Tausende frisch geschlüpfte Meeresschildkröten durch den Sand. Meist geschieht das nachts, wenn die Temperaturen sinken. Die Jungtiere kriechen zum Meer, doch viele überleben ihre ersten Lebensjahre nicht. Eine andere Gefahr beginnt jedoch schon Wochen vor dem Schlüpfen: Der Sand, in dem sich die Eier entwickeln, wird immer wärmer.
Türkei: Hitze wird zum Risiko für Schildkröten – mit bedrohlichen Folgen
Der rund viereinhalb Kilometer lange Strand nahe der Stadt Dalyan, auch als „Turtle Beach“ bekannt, zählt zu den wichtigsten Brutgebieten der Unechten Karettschildkröte (Caretta caretta) im Mittelmeer. In der Brutsaison 2026 erreichten dort rund 30.000 Jungtiere aus 495 Nestern das Wasser, wie die türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf das Forschungs- und Rettungszentrum Dekamer berichtet.
Die Zahlen zeigen den Erfolg jahrzehntelanger Schutzmaßnahmen. Doch zugleich zeichnet sich eine Entwicklung ab, gegen die selbst gut geschützte Nester wenig ausrichten können: Immer mehr Jungtiere schlüpfen als Weibchen.
Lesen Sie auch: „Können Finger abbeißen“: Gefährliches Reptil breitet sich nahe Rom aus
Klimawandel verändert das Geschlecht der Meeresschildkröten
Bei Meeresschildkröten entscheidet die Temperatur im Nest darüber, ob aus einem Ei ein Männchen oder Weibchen schlüpft. Anders als bei Säugetieren wird das Geschlecht nicht durch die Chromosomen bestimmt. Forschende sprechen von temperaturabhängiger Geschlechtsbestimmung.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Nach Angaben der US-Meeresbehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) entstehen bei niedrigeren Temperaturen überwiegend Männchen, bei höheren dagegen Weibchen. Bei etwa 29 Grad Celsius ist das Verhältnis annähernd ausgeglichen. Schon wenige Grad mehr können es deutlich verschieben. Der Klimawandel greift damit unmittelbar in die Fortpflanzung der Meeresschildkröten ein.
Wie stark sich die Nester bereits erwärmt haben, zeigt sich am İztuzu-Strand. Innerhalb von 20 Jahren seien die Temperaturen dort um nahezu ein Grad gestiegen, erklärte der Meeresbiologe Yakup Kaska, Leiter des Forschungszentrums Dekamer, gegenüber Reuters. Die Folgen seien bereits erkennbar: In manchen Meeresschildkrötenpopulationen könnten inzwischen 80 bis 90 Prozent der Jungtiere weiblich sein, so Kaska. Für den İztuzu-Strand hatte er bereits 2025 von einem Weibchenanteil von rund 90 Prozent berichtet.
Bis zu 90 Prozent Weibchen: Was bedeutet das für die Population?
Ein hoher Weibchenanteil muss zunächst nicht problematisch sein, denn wenige Männchen können mehrere Weibchen befruchten. Schlüpfen jedoch dauerhaft zu wenige Männchen, könnte die Fortpflanzung der Meeresschildkröten langfristig gefährdet sein.
Doch die Hitze hat noch eine weitere Folge: Bei zu hohen Nesttemperaturen sterben mehr Embryonen, bevor sie schlüpfen können. Die Forscherin Ayfer Şirin erklärte gegenüber Reuters, dass bereits Temperaturen oberhalb von 30 Grad Celsius das Sterberisiko erhöhen.
Auch der Fortpflanzungsrhythmus verändert sich. Şirin zufolge kommen die Schildkröten inzwischen teilweise früher zur Eiablage an die Strände. Bei höheren Temperaturen verkürze sich zudem die Zeit, die die Jungtiere für ihre Entwicklung im Ei benötigen.
Plastikmüll und Fischernetze bedrohen Meeresschildkröten im Mittelmeer
Auch nach dem Schlüpfen sind die Meeresschildkröten zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Im Mittelmeer bedrohen sie vor allem Fischernetze, Bootspropeller und Plastikmüll. Verfangen sich die Tiere in Netzen, können sie oft nicht mehr zum Atmen auftauchen und ertrinken.
Besonders tückisch ist Plastik, das die Schildkröten mit Nahrung verwechseln und verschlucken. Laut Dekamer wurden bei rund 60 Prozent der dort eingelieferten Tiere mindestens fünf Plastikteile im Verdauungstrakt festgestellt.
Artenschutz am İztuzu-Strand: Erfolge trotz steigender Temperaturen
Am İztuzu-Strand behandeln Fachleute von Dekamer verletzte Meeresschildkröten und überwachen ihre Nester. Während der Brutsaison schützen Mitarbeitende und Freiwillige die Gelege und helfen Jungtieren, die sich nicht selbst aus dem Sand befreien können.
Die Arbeit trägt Früchte: Seit 1988 werden die Nester am İztuzu-Strand systematisch geschützt. Die Zahl der dokumentierten Gelege ist seither deutlich gestiegen. Doch während sich Nester sichern und verletzte Tiere behandeln lassen, können die Helfer wenig gegen die steigenden Temperaturen ausrichten.
Meeresschildkröten legen zudem weite Strecken zurück. Sie brüten etwa in der Türkei, suchen ihre Nahrung aber auch vor Tunesien oder in der Adria. Ihr Schutz erfordert deshalb die Zusammenarbeit mehrerer Mittelmeerstaaten.
Lesen Sie auch
Orcas, Haie und Tiere im Meer
Wie sehr die Zukunft der Tiere auch von internationalen Entscheidungen abhängt, zeigt die bevorstehende UN-Klimakonferenz COP31 vom 9. bis 20. November 2026 im türkischen Antalya. Die Unechte Karettschildkröte ist das offizielle Maskottchen des Gipfels. Der Meeresschutz steht ebenfalls auf der Agenda – ebenso wie die Frage, wie sich die Erderwärmung begrenzen lässt.











