75 Jahre NRZ

Der Brandanschlag von Hünxe rüttelte ein ganzes Dorf wach

Lesedauer: 14 Minuten
Ein Polizeifahrzeug vor dem Asylheim in Hünxe: Hier erlitten in der Nacht zum 3. Oktober 1991 zwei libanesische Mädchen lebensgefährliche Brandverletzungen bei einem Anschlag auf ihre Unterkunft.

Ein Polizeifahrzeug vor dem Asylheim in Hünxe: Hier erlitten in der Nacht zum 3. Oktober 1991 zwei libanesische Mädchen lebensgefährliche Brandverletzungen bei einem Anschlag auf ihre Unterkunft.

Foto: Roland Scheidemann / picture alliance / Roland Scheidemann

Hünxe.  Am 3. Oktober 1991 brannte in Hünxe eine Flüchtlingsunterkunft. Zwei Mädchen wurden schwer verletzt. Ein Reporter erinnert sich an die Zeit.

„Eine Tat zieht ihre Konsequenzen, im Menschen und außer dem Menschen, gleichgültig, ob sie als bestraft, ‚gesühnt‘, ‚vergeben‘ oder ‚ausgelöscht‘ gilt.“ Friedrich Nietzsche hat diesen Gedanken formuliert. Seine Philosophie war ein Unterrichtsthema bei mir in der Schule, am Theodor-Heuss-Gymnasium in Dinslaken, als ich 17 war und zur Zeitung wollte. Zur NRZ. „Auf Worte folgen schließlich gute Taten“, hoffte ich, und: „Wer schreibt, der bleibt und kann die Welt positiv verändern.“

Bis für mich eine Welt zusammenbrach, nämlich nach der Nacht zum 3. Oktober 1991. Der Anschlag und seine Folgen sind Lebensthemen geworden, und wenn ich auf 1991 zurück und auf Hünxe schaue, bin ich nachdenklich und beeindruckt zugleich. Weil Konsequenzen gezogen wurden. Durch wertschätzendes Miteinander. Im Aushalten von Spannungen und Widersprüchen. Im Miteinander der Nationalitäten und Kulturen. Hünxe hat sich um Klarheit, Wachsamkeit und mehr Menschlichkeit bemüht. Das verdient Respekt. Nichts von damals ist zu tilgen. Nicht alles heute läuft glatt und rund. Die Welt an der Lippe ist nicht heile und keine geheilte. Vieles hat sich aber verändert in einer Weise, die beachtlich ist.

Brandanschlag jährt sich zum 30. Mal

Dreißig Jahre liegt der Anschlag im Herbst zurück. Zwanzig Jahre arbeite ich jetzt bei der Stadt Münster an einem Ort des Gedenkens, in der NS-Erinnerungsstätte Villa ten Hompel, die sich mit Tätern und Täterinnen in der Zeit der Diktatur und der Shoah auseinandersetzt. In den zehn Jahren dazwischen durfte ich für die NRZ freiberuflich schreiben neben dem Studium. Durch das Ereignis von Hünxe bin ich zum Journalismus, zur politischen Bildung gekommen – so wie der Wissenschaftler Dr. Janosch Steuwer vom Niederrhein voriges Jahr in einem Schweizer Blog schrieb, er sei durch Hünxe 1991 erst zum Historiker geworden. Im Dachstudio von Bibliothek und VHS in Dinslaken haben er, Anne Prior von „Stolpersteine für Dinslaken“ und ich einmal öffentlich über die Lehren aus der Pogromnacht 1938 diskutiert.

Uns trennt eine Dekade Lebensjahre. Aber alle möglichen Menschen wie ihn und mich einte das Entsetzen über Hünxe. „Mit 17 hat man noch Träume“, heißt ein kitschiger Schlager-Vers. Der Traum, zur Zeitung zu gehen, wurde nach dem Albtraum für mich Realität. Konkret mit Hilfe der Polizei, die nach dem Anschlag unter Hochdruck arbeitete und ermittelte. „Das kann ja niemand von hier gewesen sein“, glaubten im „Golddorf“ erst einige zu wissen. Das Gegenteil war der Fall.

Rechtsextreme Anschlagsserie in Deutschland riss nicht ab

In der Phase zwischen dem Anschlag und den Festnahmen hatte ich die Pressesprecher der Kreispolizei in Wesel, Jochen Bartels und Horst Groß, ständig behelligt. Mit Anrufen und bohrenden Fragen, wie es denn nun um die Ermittlungen in Hünxe stehe. Mit der Ungeduld eines heranwachsenden Naseweiß und Besserwissers, der örtliche Neonazi-Strukturen sofort aufgedeckt und mit aller Macht bekämpft wissen wollte. Der als „rasender Reporter“ in einer gewissen TKKG- oder Drei-Fragezeichen-Manier seine Recherchen allein auf eigene Faust ausprobierte. Freilich noch völlig ohne Internet und Smartphones.

Zu Fuß und ohne Soziale Netzwerke, was entscheidend zu erwähnen ist, um folgende Situation zu verstehen: Horst Groß rief mit der Nachricht von den Festnahmen der drei Täter im Sekretariat des THG an, auf dem Festnetz meiner Schule (das damals noch niemand so nannte), um mich mit zu der ersten Pressekonferenz zu bitten, in der die Staatsanwaltschaft mit der Polizei den Ermittlungserfolgverkünden wollte.

Bevor der Beamte vor einigen Jahren in Pension ging, habe ich ihn im Büro in Wesel besucht und ihm im Nachhinein gedankt für seinen Anruf in der Schule. Er hat damit eine wichtige Weiche für spätere Wege gestellt. Sein Kollege und der Richter, der als Jugendkammer-Vorsitzender 1992 die Hauptverhandlung führte, und der Staatsanwalt, der ermittelte, sind mittlerweile verstorben. Auch sie nahmen mich seiner Zeit journalistisch trotz meiner jungen Jahre und meines nervigen Übereifers ernst. Weil ihnen der Ernst der Lage am Niederrhein und im gesamten Lande bewusst war. Die Anschlagsserie riss und riss nicht ab.

Mölln, Solingen, Rostock, Hoyerswerda, Hünxe

Ein Jahr und gut sechs Wochen nach dem verheerenden Feuer von Hünxe brannte ein Haus in Mölln. In der schleswig-holsteinischen Stadt, die bis dahin Heimat der Familie von Ibrahim Arslan gewesen war. Der heute 36-Jährige türkischstämmige Deutsche und ich lernten uns im Jahre 2014 kennen. In dem Jahr, als das evangelische Hünxer Pastoren-Ehepaar, Annette und Superintendent Martin Duscha, in den verdienten Ruhestand ging. Ibrahim Arslan aus Mölln führte 2014 erstmals ein Zeitzeugen-Gespräch, bei dem ich ihn mit Studierenden aus Münster länger zu seinen Traumata interviewen durfte.

Noch keine 30 und ein „Zeitzeuge“? „Ja, weil ich darüber sprechen muss, was man uns angetan hat in Mölln“, sagte er. Er beschrieb uns, wie die Feuerwehr ihn als Kind aus der Lebensgefahr und dem brennenden Haus der Familie gerettet hatte. Für drei seiner Verwandten kam leider jede Hilfe zu spät. Mit einem „Heil Hitler“ hatten die Brandstifter von Mölln den Notruf gewählt und sich ihrer Tat noch gebrüstet. Sie erhielten, wie die drei jungen Hünxer Täter, dafür Haftstrafen.

Ibrahim Arslan: Opfer sein heißt nicht, schwach zu sein

Opfer sein, das heiße nicht schwach zu sein, betont Ibrahim Arslan mittlerweile mit Nachdruck, wenn er mit Jugendlichen und mir diskutiert über die Anschlagsserie und Strukturen rechtsextremer Gewalt, die er beklagt. Tagespolitisch sind der 36-Jährige und ich meist unterschiedlicher Meinung. Aber gegen Rassismus und Antisemitismus ziehen wir fest an einem Strang.

Ibrahim Arslan versteht übrigens sehr gut, warum andere Opfer und betroffene Menschen schweigen. Sich zurückziehen. So wie die Hünxer Familie, deren Fotos einst die Bildstrecken in Illustrierten füllten, um die es aber stiller geworden ist. „Das gilt es zu respektieren“, findet der Überlebende von Mölln, der sich selbst jedoch zum Ziel gesetzt hat, Opfer zu vernetzen. Ihnen eine Stimme zu geben. Dabei unterstütze ich ihn nach Kräften. Über das deutschlandweite Netzwerk namens Gegen Vergessen Für Demokratie, das unterschiedliche Menschen aus Parlamenten und Parteien, frühere Ministerinnen und Minister, Polizisten, Juristinnen, Politiker, Zeitzeuginnen bilden seit den Anschlägen von Hünxe, Mölln, Solingen, Rostock, Hoyerswerda und anderenorts, um dem Extremismus vorzubeugen. Bis zur Wahl zum Bundespräsidenten war Joachim Gauck Vorsitzender des Netzwerks.

Hünxe veränderte sich nach dem 3. Oktober 1991

Wie sich Hünxe seit dem 3. Oktober 1991 veränderte, wie der Ort Konsequenzen zog, interessierte ihn persönlich. Auch im Bundespräsidialamt. Zu DDR-Zeiten war er Pfarrer in Rostock. So wie die Duschas in Hünxe. Er aber nahe des späteren Schauplatzes der brutalen Übergriffe von Lichtenhagen. Dort hatte der Staat streckenweise versagt. Das wiedervereinigte Deutschland zeigte während der 90er in Ost und West seine Fratze fremdenfeindlicher Gewalt, die uns alle gefährlich herausforderte und fordert. Nicht erst seit den Debatten 2015 und bereits vor 1991.

Bevor der Brandanschlag in Hünxe geschah, hatten zu viele Prominente an zu vielen Orten mit Parolen gezündelt. Der angebliche Asylkompromiss, der als Grundgesetz-Änderung folgte, war 1993 ein fauler und fragwürdig. Ich bewundere Cornelia Schmalz-Jacobsen, ebenfalls aktiv bei Gegen Vergessen Für Demokratie, die als Freidemokratin und erste bundesdeutsche „Ausländerbeauftragte“ einer Regierung dagegen gestimmt hatte. Trotz Koalitionsdisziplin in ihrem Abgeordneten-Mandat. Sie hat mir kürzlich erklärt, warum sie das tat. In der NS-Zeit hatten ihre Eltern jüdische Verfolgte versteckt und gerettet. Sie habe früh erfahren, dass es einen Aufstand der Anständigen brauche, wenn etwas sich menschenverachtend verändere im eigenen Umfeld.

Geschichte wiederholt sich nicht

Allen Opfern der rechtsextremen Gewalt im 20. Jahrhundert muss unsere Anteilnahme und Solidarität gelten. Gerade den brandverletzten Kindern aus der Unterkunft in Hünxe, deren Leidenswege ich als Mahnung sehe. Dennoch: Geschichte wiederholt sich nicht. Anders, als ich im jugendlichen Überdruss einmal in einem miserablen Artikel äußerte, war Hünxe 1991 keine Kristallnacht. Aber es gab und es gibt Entwicklungen, „die einen gruseln lassen“, wie es mein Kollege Bodo Malsch, Duisburger Gerichtsreporter am Landgericht neulich formulierte, als ich ihn anrief und zu Hünxe fragte.

Als er über die Duisburger Verhandlung gegen die jungen Attentäter schrieb, liefen parallel am Landgericht noch Strafprozesse gegen alte NS-Täter. „Bestrafen? Sühnen? Vergeben? Taten auslöschen?“ Solche Fragen lassen mich zwiegespaltener denn je zurück, zumal schließlich jeder Verurteilte und Schuldige auch Anspruch auf Würde hat. Taten zu erklären versuchen, heißt längst nicht, sie zu entschuldigen. In der Tatsache, dass sich einer der Hünxer Täter das Leben nahm, liegt meines Erachtens eine große Tragik.

Kirchen und Kommune halfen und handelten

Wie konsequent Kirchen- und Kommunalgemeinde gleich unmittelbar nach der Brandnacht handelten und halfen, beseelt mich allerdings immer wieder. Beim Schock über die „Molotow-Cocktails“, alkoholisiert geworfen auf die Asylbewerber-Unterkunft, wollten viele Hünxer nicht verharren. Haltung zu zeigen war aber alles andere als selbstverständlich. Gemeindedirektor Hermann Hansen und die Belegschaft im Rathaus, die Duschas, etliche Helferinnen und Helfer aus den Kirchen beider Konfessionen suchten sofort nach Lösungen. Sie öffneten ihr privates Pfarr- und das Gemeindehaus für Geflüchtete und für die Ausgebrannten. Hörten zu. Hielten Mahnwachen und Gottesdienste.

Sie nahmen Bedürftige auf, und zwar auch die, denen angst und bange geworden war. Dort in der Dorstener Straße, an der ich als THG-Schülersprecher zwar damals mit demonstrierte vor der Polizeiabsperrung, aber ehrlicherweise wohl eher hilf-, sprach- und ratlos stand. Über die Schülervertretung und über kirchliche Kontakte haben wir im Jahre darauf in Dinslaken Hausgabenhilfen für Flüchtlingskinder in der Unterkunft An der Fliehburg organisiert. Daraus sind Beziehungen erwachsen als echte Lebensfreundschaften.

Überregionale Medien zeichneten anderes Bild von Hünxe

Weh tut zu wissen, dass überregionale Medien 1991 ein anderes Bild Hünxes transportieren wollten. Oder sollten? „Biedermann und die Brandstifter“, lautete deren Story, und auch der ehrenamtliche Bürgermeister Reinhold Peters musste im Fernsehen dafür herhalten. Rhetorisch quälte er sich und litt im Interview. Noch Jahre später hat er mir bei Begegnungen erzählt, wie ihn das aufgewühlt hatte. Er verstarb in 2014. Selbstkritisch haben wir in der Redaktion über die Angemessenheit der lokalen Berichterstattung zum Anschlag und den Hintergründen gestritten. Weshalb mich wütend macht, wenn Leute heute irgendwo „Lügenpresse“ skandieren. Ich habe im Journalismus am Niederrhein und der Kommunalpolitik im Kreis Wesel aufrichtige Menschen kennen gelernt, die um Wahrheit rangen und ringen. Die trotz eigener Unzulänglichkeit, auch bei Fehlern, Rückschlägen, Hindernissen sich abrackern.

Der jetzige Hünxer hauptamtliche Bürgermeister, Dirk Buschmann, ist ein früherer Mitschüler. Er war eines meiner älteren Vorbilder aus der Oberstufe. Wir haben uns jüngst lange über 1991 ausgetauscht im Gespräch. Auch über die Gedenktafel und Aktivitäten für Geflüchtete vor Ort in 2021. Mir imponiert, wie er mit Pfarrerin Hanna Maas und mit den vielen ebenfalls äußerst unterschiedlichen Mitwirkenden dafür sorgt, dass auch im Herbst wieder erinnert und gedacht wird. Trotz Covid und trotz der akuten Probleme in der Pandemie. Es existiert keine Kollektivschuld. Es gibt aber die gemeinsame hohe Verantwortung. Hünxe hat sich dafür entschieden, diese auch in Zukunft wahrzunehmen. „Es gibt nichts Gutes. Außer man tut es.“

Drei Täter wurden verurteilt

Stefan Querl aus Dinslaken war Mitarbeiter der NRZ am Niederrhein und Redakteur im Projekt ZEUS – Zeitung und Schule der verlagseigenen Journalistenschule Ruhr in Essen. Er ist seit Juni Mitglied des Landesvorstandes in dem Arbeitskreis der nordrhein-westfälischen NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte. Die Stadt Münster hat ihn am 9. November 2020 zum Beauftragten gegen Antisemitismus ernannt.

In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1991 gab es in Hünxe einen Brandanschlag auf das dortige Asylbewerberheim an der Dorstener Straße. Drei Jugendliche warfen nach einer Party Brandsätze in die Wohnung einer libanesischen Familie, bei der besonders die seinerzeit achtjährige Tochter Zeinab schwer getroffen wurde. Sie musste noch lange in einer Spezialklinik in Hamburg behandelt werden. Auch die zehnjährige Tochter wurde schwer verletzt.

Die drei jungen Täter (18 bis 19 Jahre) wurden wegen versuchten Mordes angeklagt und vom Landgericht Duisburg wegen Brandstiftung und schwerer Körperverletzung zu Freiheitsstrafen zwischen fünf und dreieinhalb Jahren verurteilt. Einer der Täter nahm sich nach der Tat das Leben.

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