Ja gut, der Wille lässt sich in seinen Augen erkennen, als Philipp Raimund nun im Auslauf der Dal-Ben-Schanze steht. Aber diese unbändige Kraft, wo kommt sie her? Aus den 1,75 Metern auf 54 Kilogramm verteilt? Irgendwie unvorstellbar. Aber sie ist ja da. Wenn Philipp Raimund vom Schanzentisch abhebt, wenn der 25-Jährige dorthin auf die Podeststufe springt, die er zuvor nie in seiner Skispringerkarriere erklommen hatte. „Dass ich hier gewinne und mit Gold nach Hause gehe, hätte ich nicht gedacht“, sagt der Olympiasieger mit einer exaltierten Freude, der zuvor kein großes Springen gewann. So ist das eben nur bei Olympischen Winterspielen: Auch kleine Schanzen machen große Leute.

Olympia 2026: Raimund ist Deutschlands fünfter Einzel-Olympiasieger im Skispringen

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Philipp Raimunds Goldsprünge auf 102 und 106,5 Meter, die jeweils die meisten Punkte der gesamten Konkurrenz pro Durchgang brachten, verdeutlichen nur allzu sehr, warum Wintersportlern häufig der Triumph in einem Gesamtweltcup näher am Herzen liegt als eine Goldmedaille alle vier Jahre. Was dieses Erlebnis nicht schmälert, aber doch im Vergleich zur Konstanz über eine ganze Saison auch eine Tageserscheinung sein kann. Zwei WM-Titel im Juniorenbereich stehen in der Erfolgsvita des in Göppingen geborenen Wahl-Oberstdorfers, dazu ein paar zweite und dritte Plätze im Weltcup in diesem Winter. Und nun? Ist er der fünfte Einzel-Olympiasieger nach Andreas Wellinger (2018) und den DDR-Fliegern Jens Weißflog (1994 und 1984), Hans Georg Aschenbach (1976) und Helmut Recknagel (1960). Oder wie Philipp Raimund, die Augen weit aufgerissen, sagt: „Das ist unbeschreiblich.“

Olympische Winterspiele 2026
Raus mit den Gefühlen: Philipp Raimund nach der Gold-Landung.© dpa | Karmann

Die Nacht von Predazzo ist noch nicht ganz auf Dienstag umgeschlagen, als auch aus Stefan Horngachers Worten die Erfüllung und Erleichterung durchzuhören sind. „Die Trainer: zwei. Die Athleten: eins“, sagt der 56-Jährige auf die Frage, wie viele Siegerbierchen es denn nun noch gäbe. Wobei Horngacher angesichts des Team-Mixed-Wettbewerbs am Folgetag befürchtet, dass Philipp Raimund gar keines vertragen würde: Der ist müde, hat noch nichts gegessen. Bis der im Hotel ist, wird es spät.“ Die Goldparty im Teamhotel Villa di Bosco in Stava, rund 20 Autominuten von den Schanzen entfernt, wird nachgeholt. Zumal sich auch für Stefan Horngacher ein Kreis schließt.

Skispringer Philipp Raimund: Teamkollege Felix Hoffmann nennt ihn Duracell-Männchen

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Der Österreicher, der am Saisonende seinen Posten als Bundestrainer aufgibt, hat Philipp Raimund vor vier Jahren in den A-Kader aufgenommen. Da war er schon ein Talent, aber noch zu wirsch, zu wild. Rein technisch bei seinen Sprüngen, aber auch von seiner Lebensweise her: Raimund lebt seine Emotionen voll aus, er lacht gerne und redet viel. Bei Misserfolgen verkehren sich Gefühle und Gesten ins Gegenteil. Teamkollege Felix Hoffmann nennt ihn anerkennend Duracell-Häschen – immer ein bisschen wie unter Strom. „Auch ich habe lernen müssen, mit ihm umzugehen“, sagt Förderer Horngacher, der ihm einen Dimmer einpflanzte: „Wir haben auch schon ein richtiges Streitgespräch gehabt. Da hat‘s richtig gescheppert. Er ist gereifter, klarer und stabiler in den Dingen, die er machen muss, damit er gut springt. Und er hat ein bisschen eingebüßt von seiner Euphorie, was nicht unbedingt schadet.“

Olympische Winterspiele 2026
Hoch hinaus: Philipp Raimund (Mitte) bei der Siegerehrung.© dpa | Karmann

Ausgeglichenheit und Ruhe zeichnen Philipp Raimund in diesen olympischen Tagen aus. Dabei hat er für einen so wagemutigen Sportler eine riesengroße Schwäche: Höhenangst. Zum Ende der vergangenen Saison ließ er deshalb ein Skifliegen in Planica aus. „Bei 95 Prozent meiner Sprünge habe ich das unter Kontrolle“, sagt er. Das klingt beinahe nach einem Fußballer mit Ballallergie, aber Luftstand und Flugweite sind bei den Langstreckenflügen schon etwas anderes. Die Normalschanze ist eben auch eine, die bestehende Machtverhältnisse im Kreise der Besten verschieben kann. Bei der Siegerehrung ist Philipp Raimund eingerahmt vom Überraschungszweiten, dem 19 Jahre alten Polen Kacper Tomasiak sowie den beiden Dritten Ren Nikaido (Japan) und Gregor Deschwanden (Schweiz). Nicht vom slowenischen Dominator Domen Prevc, nicht von Norwegern oder Österreichern.

Olympiasieger Raimund: Gold mit der Kraft der Beine und dank des Norweger-Skandals

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Die Kraft der zwei Beine ist eine Sache, die Philipp Raimund zum Superabspringer und prädestiniert für kurze Flugzeiten macht, ist eine Komponente des plötzlichen Erfolgs. Aus dem Stand springt er 69 Zentimeter hoch, ohne die Knie anzuziehen. Ideal für den Skispringer-Dreiklang: Ein kraftvoller Absprung rettet die Anlaufgeschwindigkeit in den Flug und ergibt mehr Höhe, ein höherer Luftstand begünstigt das Flugsystem, die lange Luftfahrt bedeutet schließlich große Weite. Die am Ende noch von Raimund mit zwei blitzsauberen Telemark-Landungen vergoldet werden. Das Skispringen ist eine so komplexe, manchmal unbegreifliche Sportart, dass auch ein Olympiasieger, dessen Vater Nationaltrainer der Schweizer Frauen ist, nach getaner Arbeit noch hilfesuchend erklärt: „Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich es gemacht habe.“ Zumal ein Teil der Erklärung in den nun enger geschnittenen Anzügen liegt. Eine Folge des norwegischen Manipulationsskandals bei der vergangenen WM in Trondheim, als er sich von Freunden „ins Gesicht gespuckt“ gefühlt habe. „Das stimmt“, sagt Raimund, „das hat mir in die Karten gespielt, weil es Leute unterstützt, die wie ich über einen starken Absprung verfügen.“

Philipp Raimund jubelt ausgelassen über seinen Olympiasieg auf der Normalschanze.
Philipp Raimund jubelt ausgelassen über seinen Olympiasieg auf der Normalschanze.© AFP | Anne-Christine Poujoulat

Es lässt den Olympia-Überflieger sympathisch menschlich erscheinen, dass dieser noch nicht weiß, wie er alles verarbeiten soll. Das Gold „zieht einen riesigen Rattenschwanz hinter sich her. Ganz darauf vorbereitet bin ich nicht.“ Vermutlich wird Philipp Raimund aber auch das meistern. Selbst wenn tags darauf im Team mit Selina Freitag, Agnes Reisch und Felix Hoffmann nur 1,2 Punkte fehlen, um hinter Slowenien und Norwegen statt Japan eine weitere Medaille zu holen.