Manche Duelle des Sports sind so spannend, dass sie nach einer Verfilmung schreien. Oder sie bieten Stoff für einen Bestseller-Roman. Die Geschichte von Johannes Lochner und Francesco Friedrich hielt indes Einzug in die Comic-Welt. In der aktuellen Micky-Maus-Ausgabe bringen die „Rivalen der Bobbahn“ ihren Onkel Donald Duck schier zur Verzweiflung. In Cortina fand dieser gezeichnete Wettstreit nun sein reales Finale.

Lochner gelingt Wachablösung an der Bob-Spitze

Friedrich fuhr jahrelang in einer eigenen Liga, dominierte die Szene wie kein anderer. Der Sachse stieg mit 18 Titeln zum Rekordweltmeister auf und holte sich sowohl 2018 als auch 2022 die Olympiasiege im Zweier und Vierer. Immer in seinem Schatten: der Bayer Lochner. Genervt von den Silberrängen dachte er schon ans Aufhören, ehe ein Abwerbeversuch alles änderte. Friedrich wollte Georg Fleischhauer, Lochners besten Anschieber, für sich gewinnen. Das fuchste Lochner so sehr, dass er für Cortina die „Mission Gold“ ausrief. Zusätzliche Brisanz erhielt das Pilotenduell durch einen spektakulären Seitenwechsel: Thorsten Margis, Friedrichs langjähriger Top-Anschieber, schloss sich im Dezember 2024 der Crew des größten Konkurrenten an. Diese Retourkutsche Lochners zeigte Wirkung.

MILANO CORTINA 2026 - OLYMPISCHE WINTERSPIELE - CORTINA D’AMPEZZO - 4ER-BOB HERREN
In Cortina erfüllte sich der Traum vom olympischen Gold für Johannes Lochner auch im Vierer.© FFS | Fromm

Sie läutete die Wachablösung in der Bob-Szene ein. Schon im Weltcup beherrschte der frühere Kronprinz in diesem Winter das Geschehen. Neun Saisonerfolge und die Gesamtweltcupsiege im Zweier und Vierer krönten den Triumph auf allen Ebenen. Zum Abschluss der Olympischen Spiele lieferte Lochner nun sein Meisterstück ab. Nach seiner Machtdemonstration im Zweier gewann er auch den Wettbewerb im Vierer und feierte diesen Erfolg mit einem Rückwärtssalto im Zielbereich. Anschließend genoss er das Bad in der Menge. Die Familie und zahlreiche Freunde waren da. Für die abendliche Party im Deutschen Haus reservierte der Berchtesgadener 120 Plätze.

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Francesco Friedrich erwartet Johannes Lochner zum Abklatschen im Ziel.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Margis löst Kuske als erfolgreichsten Anschieber ab

Bevor seine „durstige Horde“ dort die Kühlschränke plünderte, genoss er gemeinsam mit Margis, Jörn Wenzel und Georg Fleischhauer den historischen Moment. „Das war das schönste Rennen meines Lebens. Unglaublich, dass der Plan bei meiner letzten Fahrt so aufgegangen ist. Es wird ewig dauern, bis ich das wirklich realisiere“, meinte Lochner mit Tränen in den Augen. Der Traum vom Doppel-Gold zum Karriereende hat sich eineinhalb Jahre lang in seinem Kopf abgespielt. Dass er jetzt wahr geworden ist, sei „der perfekte Abschluss überhaupt“.

Lochners Triumph markiert nicht nur sein eigenes Karriereende, sondern auch einen Einschnitt für seine Crew. Während er künftig am Königssee nur noch Bobtaxi fahren will, freut sich auch Margis auf den sportlichen Ruhestand: „Mein Körper schreit danach“, meinte der einstige Zehnkämpfer. Er löste mit seiner fünften Goldmedaille Kevin Kuske als erfolgreichsten Anschieber der Geschichte ab. Dagegen will sich Wenzel selbst als Pilot versuchen. Und um Fleischhauer dürften sich die anderen Piloten reißen.

MILANO CORTINA 2026 - OLYMPISCHE WINTERSPIELE - CORTINA D’AMPEZZO - 4ER-BOB HERREN
Goldene Crew, von links: Johannes Lochner mit Thorsten Margis, der zum erfolgreichsten Anschieber der Bob-Geschichte avancierte, sowie Jörn Wenzel und Georg Fleischhauer.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Friedrich lässt Karriereende noch offen

Ob Friedrich selbst weitermacht und erneut um Fleischhauer wirbt, ließ der 35-Jährige in Cortina offen. Er zeigte sich mit seiner Silbermedaille zufrieden und zollte Lochner mehrmals Anerkennung. Im Ziel umarmte er ihn und gratulierte als einer der Ersten zu Gold. Bei der Siegerehrung zogen Friedrich und seine Anschieber Alexander Schüller, Matthias Sommer und Felix Straub demonstrativ die Mützen. Gemeinsam verneigten sie sich vor den neuen Champions. Den deutschen Dreifachtriumph verhinderte der Schweizer Michael Vogt. Er fing im vierten Lauf noch den Frankfurter Adam Ammour ab und sicherte sich mit vier Hundertstelsekunden Vorsprung Bronze. 

Insgesamt fällt die Bilanz im Eiskanal von Cortina herausragend aus. In allen zwölf Rennen gewannen die Rennrodler, Skeletonis und Bobfahrer mindestens eine Medaille. Dabei gingen sechs der acht Goldmedaillen und 19 der 26 deutschen Olympia-Medaillen auf das Konto der Schlittensportler. Am späten Samstagabend läuteten Laura Nolte und Lisa Buckwitz ein goldenes Abschlusswochenende ein.

Olympische Winterspiele 2026
Laura Nolte (rechts) und Anschieberin Deborah Levi feiern im Deutschen Haus ihre Goldmedaille im Zweier.© dpa | Michael

Nolte wiederholt Sieg, Buckwitz schreibt Geschichte

Die aus Unna stammende und für den BSC Winterberg startende Nolte wiederholte mit Anschieberin Deborah Levi ihren Olympiasieg von 2022. Buckwitz gewann vor acht Jahren als Anschieberin von Mariama Jamanka bereits Gold. Nun schaffte sie das Kunststück, selbst an den Lenkseilen eine Medaille zu holen. Gemeinsam feierten sie im Deutschen Haus bis in die Morgenstunden. Eigentlich sei der Plan gewesen, nach den Spielen in Cortina aufzuhören, verriet Nolte: „Ich glaube, das haben wir uns jetzt beide ein bisschen anders überlegt. Es macht einfach noch super viel Spaß.“

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Ein weiterer Anreiz wäre der Austragungsort 2030 in den französischen Alpen: „La Plagne hat einen besonderen Platz in unserem Herzen“, sagte die 27-Jährige mit Blick auf ihren dortigen ersten Weltcupsieg mit Levi. Eine Erinnerung, die verbindet – und gleichzeitig anspornt.