Als das erneute Vorrunden-Aus mit Verspätung feststand, suchten die deutschen Eishockey-Nationalspieler schnell das Weite. Mit dem Auto, dem Zug oder dem Flugzeug reiste das Team um den frustrierten Kapitän und Chefkritiker Moritz Seider aus Zürich ab. Statt nach Fribourg ins WM-Viertelfinale gegen Superstar Sidney Crosby und Rekordweltmeister Kanada ging es nach Hause in die Sommerpause – mit der dritten Turnier-Enttäuschung in Folge im Gepäck und vielen Fragen um die Zukunft von Bundestrainer Harold Kreis.

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„Ich weiß nicht, ob es ein Rückschritt war. Aber wir befinden uns in einer schwierigen Phase“, sagte NHL-Verteidiger Seider nach dem abschließenden 6:3-Pflichtsieg gegen den Auf- und Wiederabsteiger Großbritannien, der nicht zum Weiterkommen reichte: „Ich finde, wir haben im Moment keine wirkliche Identität, die uns auszeichnet.“

Dafür wäre nach dem verpassten WM-Viertelfinale vor einem Jahr in Dänemark und den unbefriedigenden Olympischen Spielen in Mailand mit allen NHL-Stars um Leon Draisaitl eigentlich der Bundestrainer zuständig gewesen. Kreis allerdings, der das deutsche Team bei seinem WM-Einstand 2023 noch sensationell zu Silber geführt hatte, machte in der Schweiz keine gute Figur. Nicht nur, weil er das erklärte Verbandsziel erneut nicht erreichte, sondern auch weil die Mannschaft sich spielerisch eher zurückentwickelte und jegliche Euphorie für die Heim-WM im nächsten Jahr in Düsseldorf, Mannheim und auf Schalke erstickte.
Kreis-Begeisterung verflogen
Über seine Zukunft wird in den nächsten Wochen entschieden. „Darüber brauchen wir noch nicht zu sprechen. Lasst uns erstmal die Analyse machen. Das Turnier ist ja noch nicht mal zu Ende“, sagte DEB-Sportvorstand Christian Künast nach dem letzten Spiel der deutschen Mannschaft, bevor Lettland am Dienstag mit dem 8:1 (3:0, 2:1, 3:0) gegen Außenseiter Ungarn ins Viertelfinale einzog und Seider und Co. den K.o. verpasste.
Ab Montag wird analysiert, „da brauchen wir ein paar Tage Zeit“, kündigte Künast an, der angesichts des Abwärtstrends der vergangenen zwölf Monate selbst in der Kritik steht. Kreis, der erst im Dezember seinen Vertrag verlängert hatte, wollte sich zu seiner Zukunft nicht äußern. Die Frage könne man ihm stellen, „wenn es vorbei ist. Es ist noch nicht vorbei“, sagte der 67-Jährige nach dem Spiel gegen die Briten und sprach zur allgemeinen Überraschung von einer „stabilen, soliden Gruppenphase“ seines Teams. Nach dem endgültigen Aus stand er nicht mehr für eine Antwort zur Verfügung.
Dass die anfängliche Begeisterung um den Deutsch-Kanadier längst verflogen ist, war schon vor dem letzten WM-Auftritt deutlich geworden. Als Kreis bei der Vorstellung der Mannschaft vom Stadionsprecher genannt wurde, gab es unüberhörbare Buhrufe von den deutschen Fans.

Maßgeblich bei der Personalentscheidung dürfte die Perspektive für die Heim-WM sein, wie auch Künast andeutete. Man müsse die Euphorie schüren, „wie es die Schweizer getan haben“, sagte der Sportchef, „die Schweizer haben das mit sportlichen Erfolgen getan, das ist uns leider nicht gelungen.“
DEB-Team lässt erneut große Chance liegen
Die Eidgenossen, die die DEB-Auswahl vor drei Jahren auf dem Weg zu Silber noch im Viertelfinale ausgeschaltet hatte, erreichten zuletzt zweimal das Endspiel und haben sich inzwischen zum Goldfavoriten gemausert. Das Kreis-Team dagegen ließ wieder eine große Chance liegen – wie schon bei Olympia, als im Viertelfinale gegen den Außenseiter Slowakei Schluss war. Denn bei der WM in der Schweiz wäre „sehr viel mehr drin gewesen“, meinte Seider mit Blick auf die weniger prominent besetzten Kader der Topnationen: „Es ist sehr frustrierend, sehr bitter. Die Erwartung von jedem war wesentlich höher als der Ist-Zustand.“
Der Kapitän nahm deshalb nach vier Niederlagen und nur drei Siegen gegen die „Kleinen“ Österreich, Ungarn und Großbritannien kein Blatt vor den Mund: „Wenn man nur schwarz und weiß sieht, war es eine fehlgeschlagene WM. Man kann auf jeden Fall einen Trend sehen.“ sid




