Keinen hielt es mehr auf den Sitzen: Die Ersatzspieler des FC Schalke 04 liefen auf den Rasen, die mitgereisten Fans lagen übereinander, ob sie nun Steh- oder Sitzplätze gekauft hatten. Die Profis bildeten einen riesengroßen Jubelhaufen vor der Gästekurve. In der 84. Minute hatte Dejan Ljubicic den Ball zum 3:2 (2:2)-Siegtreffer des Spitzenreiters beim Tabellenzweiten SC Paderborn ins Tor geschossen, ein ganz, ganz besonderer Treffer. Schalke ist dem Aufstieg nun ganz nah und kann ihn vor eigenem Publikum gegen Fortuna Düsseldorf (2. Mai, 20.30 Uhr/Sky) mit einem Sieg perfekt machen. „Das lassen wir uns von keinem mehr nehmen“, sagte Trainer Miron Muslic. „Gegen Düsseldorf wird die Mannschaft All-In gehen, um das Spiel zu gewinnen.“
Das lassen wir uns von keinem mehr nehmen.
Miron Muslic, Schalke-Trainer
Nach einem irren Topspiel-Fight begann die nächste große Party. Zu „Spitzenreiter, Spitzenreiter“-Rufen hüpften die Profis vor der Kurve, die Fans besangen den „Mythos vom Schalker Markt“. „Mega“, schwärmte Kapitän Kenan Karaman. „Ich bin so stolz auf die Jungs, ein megageiles Spiel. Ich hatte fast Tränen in den Augen nach dem Abpfiff. Es waren unglaublich schöne Momente, unglaublich schöne Bilder. Ich denke, dass wir das verdient haben.“
Vier Tore in der ersten Halbzeit
Die Kraft für die nächste große Party in dieser Saison brachten die Schalke-Profis noch auf, obwohl ihnen der Fußball-Nachmittag alles abverlangt hatte. Die formstärksten Mannschaften der Liga zeigten, warum sie in der 2. Bundesliga davongezogen sind. Und das vor allem in der ersten Halbzeit, als das Topspiel diesen Namen verdiente. Beide Mannschaften hatten Höhe- und Tiefpunkte, es gab viele Torszenen und vier Treffer. Die Schalker begannen stark, Moussa Sylla hatte die erste Chance (5.), die Paderborner wirkten nervös, kamen kaum aus ihrer eigenen Spielhälfte heraus.

Als ihnen dies zum ersten Mal gelang, fiel direkt das zu diesem Zeitpunkt überraschende Führungstor. Mika Baur flankte den Ball nach einem Konter in den Strafraum, dort stand der Paderborner Rechtsverteidiger Laurin Curda ganz frei und donnerte den Ball volley ins Tor, 13 Minuten waren gespielt. Der Schalker Adil Aouchiche war nicht mit zurückgelaufen. Nach diesem Treffer wirkten die Schalker unsortiert wie ganz selten in dieser Saison. Die Abstimmung zwischen Defensive und Offensive passte nicht mehr, Schalke verlor ungewöhnlich viele Zweikämpfe, immer wieder kam Paderborn mit Seitenwechseln nach vorn. Und Paderborn hatte Chancen. Nachdem Stefano Marino an S04-Torwart Loris Karius gescheitert war (25.), machte er es eine Minute später besser. Karius hatte einen Schuss von Filip Bilbija abgewehrt, Marino staubte gekonnt ab – 2:0 für Paderborn (26.). An der Seitenwechsel tobte S04-Trainer Miron Muslic. So wütend war er selten zu sehen.

Später aber von seiner Wut nichts mehr übrig. „Das Endergebnis ist sinnbildlich für die Saison. Wir hatten 1000 Hürden zu überwinden, und lagen auch heute mit 0:2 zurück. Wieder hat uns emotionale Kontrolle ausgezeichnet. Wir wussten, dass wir taktische, technische und spielerische Qualitäten haben“, sagte Muslic.
Es war ein Trick von Kapitän Kenan Karaman, der Schalke ins Spiel zurückbrachte. Mit einer Zidane-Rolle setzte er sich in der 35. Minute im Mittelfeld durch und setzte Moussa Ndiaye in Szene, der sehr viel Platz hatte. Ndiayes Pass in den Strafraum verlängerte Dejan Ljubicic zum 1:2 ins Tor – noch so ein Treffer, der sich nicht angedeutet hatte. Und ein Treffer, der erneut für eine Wende in dieser Halbzeit sorgte. Fünf Minuten später glich Schalke aus. Aouchiche spielte einen gescheiten Pass auf Sylla, der wieder an Torwart Seimen scheiterte. Aouchiche staubte aber zu seinem zweiten Saisontor ab. Zur Pause stand es 2:2, und die Einlaufmusik „Thriller“ von Michael Jackson passte perfekt zum folgenden Spielverlauf.
Ljubicic trifft doppelt
Doch so hoch der Entertainment-Faktor vor 15.000 Zuschauern in der ausverkauften Paderborner Arena war: Nach der Pause passierte erst einmal nichts mehr. Beide Mannschaften ließen es ruhiger angehen, risikofreudig waren sie nicht mehr, die Fehlpassquote stieg von Minute zu Minute. Strafraumszenen gab es für eine lange Zeit nur noch nach Standardsituationen. Zum Beispiel in der 61. Minute, als der Paderborner Calvin Brackelmann im Anschluss an eine Ecke am höchsten stieg und knapp am Tor vorbeiköpfte. Ab der 70. Minute begannen die Schalker, sich bei Abstößen Zeit zu lassen. Ihnen passte das Unentschieden deutlich mehr als den Paderbornern.
Doch als auch den Paderbornern ein Remis zu reichen schien, drehten die Schalker noch einmal auf. Sie hatten wie so oft in dieser Saison noch ein bisschen Energie. Ljubicic traf zum 3:2, Muslic kürte ihn zum „Man of the match“. Es war das Tor zum Aufstiegs-Matchball.



