Thomas Röttgermann ist verschnupft. Nicht etwa im übertragenen Sinne, nein, wortwörtlich. Der 58-Jährige hat sich eine Erkältung eingefangen. In seinem neuen Büro in der Arena. „Ich habe den Knopf für die Klimaanlage am Anfang nicht gefunden“, sagt er. Nach eigenem Bekunden war es das dann aber auch schon an Anlaufschwierigkeiten. Seit Mitte April ist Röttgermann Vorstandsvorsitzender bei Fortuna, möchte den Weg seines Vorgängers Robert Schäfer in weiten Teilen fortführen und den Klub in der Fußball-Bundesliga etablieren.
Herr Röttgermann, haben Sie derzeit so viel zu tun, weil Sie sich so viel Neues erarbeiten oder weil so viel Arbeit brach lag?
Es lag nichts brach. Vieles läuft im Moment parallel. Die eine Saison endet, die neue beginnt, es muss viel vorbereitet werden. Man muss sich in viele Verträge einarbeiten. Gleichzeitig habe ich mir vorgenommen, in den ersten drei Wochen mit jedem der etwa 100 Mitarbeiter gesprochen zu haben.
Wenn Trainer in einer laufenden Saison wechseln, gibt der Neue meist zu Protokoll, in welchem Bereich der Kader Defizite hat. Wie ist ihre Bestandsaufnahme auf der Geschäftsstelle?

Den Vor-Zustand kenne ich ja nicht. Ich kenne nur den Ist-Zustand, und da habe ich große Neugier, Motivation und Aufregung festgestellt. Die Kollegen haben in jedem Fall Lust mitzumachen. Das merkt man nicht aufgrund einer Vorstellungsrunde am Anfang, sondern aus den Einzelgesprächen. Daraus habe ich einen sehr positiven Eindruck gewonnen.
Wie wichtig ist denn gute Stimmung auf der Geschäftsstelle?
Sie ist doppelt wichtig. Weil es erstens einfacher ist, in guter Stimmung zu arbeiten. Und zweitens ist Stimmung ein Indikator für Freiräume, die man hat, für Erfolg und Zuversicht. Ich habe die Gewissheit erlangt, dass man als Klub nur dann nach vorne kommt, wenn alle dieselbe Stoßrichtung eint. Das ist ein Erfolgsfaktor.
Inwiefern?
Alles, was wir machen, steht im harten Wettbewerb mit 17 anderen Bundesligisten. Alles, was wir machen, machen die anderen auch: Scouting, Nachwuchsleistungszentrum, Trainingslager, Teambuilding, Workshops – alles. Das Einzige, was wir besser machen können, ist die verfügbare Intelligenz, das Wissen und die Erfahrung bündeln und damit das Besondere erreichen. Ein klassisches Beispiel: Wenn wir arbeiten, kommen nicht nur zwei Ideen auf den Tisch, sondern fünf oder sieben.
Ein Wesenszug der Fortuna ist, die 50+1-Regel, die Investorenübernahmen verhindert, zu achten. Sie müssen in dieser Hinsicht umdenken. Wie schwer ist das?
Ich muss nicht umdenken. Ich habe mich in diesem Interview, auf das Sie anspielen, sehr kritisch gegenüber 50+1 geäußert. Ich habe gesagt, dass es keinen Sinn macht, Investoren zuzulassen, wenn der Fußball so organisiert bleibt, wie er es momentan ist.
Sie haben bei ihrer Antritts-Pressekonferenz gesagt „Es gibt keinen Grund, bei 50+1 hektisch Änderungen herbeizuführen“. Wie sieht es denn mittel- und langfristig aus?
Aus Sicht der Fortuna gibt es überhaupt keinen Grund, etwas zu ändern. Für Fortuna ist der mitgliedergeführte Verein und eine Nicht-Ausgliederung genau der richtige Weg. Weil es genau Teil des angesprochenen Fortuna-Lebensgefühls ist. Und: Das, was eine Ausgliederung an Finanzierungsmöglichkeiten bietet, kann auch anders erreicht werden.
Wie beurteilen Sie denn die Sponsorenlage bei Fortuna?
Henkel ist als Hauptsponsor ein wichtiger Schritt gewesen. Sie haben sich nach langer Zeit wieder zur Fortuna bekannt. Sie sind auf dem Trikot und ein weltweit operierendes Unternehmen, das in Düsseldorf seine Heimat hat. Das ist genau das, was wir suchen. Die Unternehmen sollen die Fläche nicht nur suchen, weil sie TV-Präsenz haben wollen, sondern weil sie sich mit dem Klub identifizieren und ein Teil von Fortuna und der Stadt Düsseldorf sein wollen.
Ist das Geld für mitgliedergeführte Vereine nicht nur noch mit Transfererlösen zu verdienen?
Wenn wir einen guten Spieler verkaufen, haben wir aber bestimmt mehr Geld eingenommen – das ist rein mathematisch richtig. Aber wir wollen nicht mit Spielerwerten handeln. Wir wollen gute Spieler halten, wenn es möglich ist. Wir transferieren Spieler nicht, um Kasse zu machen. Unser Bestreben ist es, einen Kader zu haben, der uns hilft, die sportlichen Ziele zu erreichen.
Also konkret auf den umworbenen Benito Raman bezogen, muss die Summe schon absurd hoch sein, damit Sie schwach werden?
Die Summe muss unanständig sein. Natürlich ist es ein Anreiz, mit dem Geld mehrere neue Spieler zu holen. Aber die helfen uns erstmal nur auf dem Papier weiter, ob sie uns auf dem Feld weiterhelfen, wissen wir zunächst nicht. Bei Raman wissen wir aber, was wir an ihm haben. Wir denken nicht daran, ihn zu verkaufen.
Ist Fortuna aktuell der Traum für alle Fußballromantiker, weil es mit Teamgeist vermeintliche individuelle Schwächen ausgleicht?
Ja. Eine kollektive Ausrichtung und Teamgeist können Berge versetzen – das ist in der Bundesliga nur durch Fortuna Düsseldorf so zu sehen. Es war auch für mich ein Aha-Erlebnis. Wobei man auch feststellen muss: Wir haben eine Mannschaft mit Bundesliga-Qualität.
Wie können wir uns die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Lutz Pfannenstiel vorstellen?
Lutz Pfannenstiel und ich denken zu hundert Prozent gleich. Er hat im sportlichen Bereich natürlich die notwendige Freiheit, Dinge umzusetzen.
In Christian Koke gibt es einen neuen Marketing-Vorstand. Es heißt, es soll auf Vorstands- oder Direktoren-Ebene auch noch jemand mit dem Spezialgebiet Finanzen eingestellt werden. Wo sehen Sie denn genau Ihre Aufgaben?
Die originäre Aufgabe eines Vorstandsvorsitzenden ist es, eine Richtlinienkompetenz auszuüben. Dass ich eine pointierte Marketing-Vergangenheit habe, weiß jeder. Der Bereich der Finanzen gehört zu meinem Ressort. Wenn wir da noch etwas machen, wollen wir diesen Bereich noch weiter stärken.
Wie kommt man eigentlich zum Job als Vorstands-Chef bei Fortuna?
Ich bin vorbeigefahren und habe eine Initiativbewerbung abgegeben (lacht). Nein, Spaß beiseite: Das ist eine Frage des Netzwerks. Ich bin schon seit Jahren mit Reinhold Ernst (Aufsichtsratschef Fortunas, d. Red.) in Gesprächen – über Fußball im Allgemeinen, über besondere Situationen.
Es heißt, ihr Name wäre vor ihrem Engagement im April nicht zum ersten Mal gefallen. Hatten Sie vorher schon Gespräche über eine Zusammenarbeit?
Ja, aber die Konstellation war so, dass es sich nie realisiert hat. Unser Vorteil war, dass wir wussten, wie der andere denkt. Das erleichtert die Startbedingungen enorm.
Neben Fortuna wird auch der KFC Uerdingen bald in der Arena spielen. Wie bewerten Sie das?
Dass wir es nicht witzig finden, dass Uerdingen in der Arena spielt, ist bekannt. Dass wir in unserem Vertrag mit den Betreibern darauf bestehen werden, dass die Arena für uns in einem erstligareifen Zustand zur Verfügung steht, ist auch klar.
Ein Thema beschäftigt die Liga immer wieder. Der Umgang mit Ultras. Wie ist ihre Marschrichtung?
Man muss unterscheiden. Einmal geht es um die Denkweise der Ultras. Welche Rolle wollen sie spielen? Welche Rolle wollen sie anderen zuordnen? Das sind alles Fragen die nur im ständigen Dialog zu lösen sind. Wir werden nicht mit den Ultras sprechen, die strafrechtlich verfolgt werden. Aber grundsätzlich werden wir mit den Ultras im Gespräch bleiben.
In Friedhelm Funkel haben Sie einen Kulttrainer. Müssen Sie ihn nicht auch nach seiner Trainerkarriere an Fortuna binden?
Dass Friedhelm Funkel ein Bestandteil von Fortuna geworden ist, ist ja offensichtlich. Es hat auch schon in der Vergangenheit Kontakt zwischen Friedhelm und dem Aufsichtsrat gegeben, was eine Funktion bei Fortuna nach seiner Trainertätigkeit angeht. Das begrüße und unterstütze ich natürlich.
Wer entscheidet eigentlich im Ernstfall über das Ende der Trainertätigkeit von Friedhelm Funkel? Sie oder Lutz Pfannenstiel?
Der Vorstand in seiner Gesamtheit.
Sie sind zu viert im Vorstand. Was passiert bei einem Unentschieden?
Dann zählt meine Stimme.
Das Interview führten Gianni Costa, Bernd Jolitz und Patrick Scherer.


