In den kommenden Tagen bestreitet Ertugrul Agca das wichtigste Turnier des Jahres: die Weltmeisterschaft in Zagreb (13. bis 21. September). Der Ringer aus Essen will dort zeigen, dass er nach einer schwierigen Europameisterschaft gereift ist. Sein klares Ziel: unter die besten Zehn kommen und vorne mithalten. „Eine Medaille wäre das i-Tüpfelchen“, sagt Agca. Olympia hat er dabei noch nicht direkt im Blick – die WM ist kein offizielles Qualifikationsturnier. „Aber es kann ein erster wichtiger Anhaltspunkt sein, um für mögliche Nominierungsturniere berücksichtigt zu werden.“

Unterstützt wird er dabei von seinem engen Umfeld: seiner Familie, dem Trainerteam und seinem Bruder, der als Fitnesstrainer einen wichtigen Teil seiner Vorbereitung übernimmt. In Zagreb wird der Bruder zwar nicht vor Ort sein, doch sein Einfluss auf die Form des Ringers ist deutlich spürbar.

Essener Ringer Ertugrul Agca: Bei der EM musste er eine Enttäuschung verkraften

Die Europameisterschaft im April war für Ertrugul ein Tiefschlag. Es war sein erstes großes Turnier bei den Senioren – und die Nervosität war groß. „Ich wusste nicht, was mich erwartet“, erinnert sich der Ringer aus Essen vom TV Dellwig. Dazu kam, dass er nicht topfit an den Start ging: Eine Krankheit kurz vor dem Wettkampf hatte den heute 25-Jährigen geschwächt. Trotz Führung verlor er seinen Auftaktkampf mit 1:4 gegen den späteren Fünften. „Wenn ich mich zurückerinnere, war ich eine Woche niedergeschlagen.“

Ertugrul Agca lernte das Ringen beim TV Essen-Dellwig. Nun fährt er zur EM.
Ertugrul Agcas Heimatverein ist der TV Essen-Dellwig.© FUNKE Foto Services | Agca/G.Schmid

Doch statt zu hadern, zog Agca Konsequenzen. Sein Vater und sein Bruder – beide immer an seiner Seite – bauten ihn wieder auf. Der Umzug nach Heidelberg an den Olympiastützpunkt wurde Realität. „Es war der richtige Schritt, um bei den Männern anzukommen.“ Dort trainiert er nun täglich in einem Umfeld, das ihn enorm weiterbringt: internationale Trainingsgäste wie Japaner oder Franzosen, die besten Sparringspartner, professionelle Betreuung. Auch der Bundestrainer ist regelmäßig vor Ort, was die Abstimmung und individuelle Förderung zusätzlich verbessert.

Sport in Heidelberg, Studium in Essen - ein schwieriger Spagat

Gleichzeitig absolviert Agca sein Studium an der Uni Duisburg/Essen. Für viele wäre das ein kaum zu bewältigender Spagat, doch er hat eine klare Struktur gefunden. „Das ist mit meiner Laufbahnberaterin besprochen, ich trenne zwischen den beiden Städten“, erklärt er. In Heidelberg konzentriert er sich voll auf den Sport, im Ruhrgebiet liegt der Fokus auf dem Studium. Unterstützung erfährt er dabei auch durch die Sporthilfe, die ihm ermöglicht, Studium und Leistungssport auf hohem Niveau zu verbinden.

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Ein Thema bleibt jedoch das sogenannte Gewichtmachen. Agca tritt in der Klasse bis 97 Kilogramm an. Um dieses Limit einzuhalten, müssen viele Ringer vor dem Wettkampftag noch mehrere Kilo abnehmen – meist durch Wasserverlust, harte Diät oder zusätzliche Trainingseinheiten. Auch er kennt dieses Prozedere: Am Wettkampftag selbst muss er bis zu fünf Kilogramm „abkochen“, um startberechtigt zu sein. „Das ist eine Belastung, aber ich habe gelernt, es besser zu steuern, damit ich auf der Matte frisch bin.“

Zuletzt traf Agca auf sein großes Idol Akhmed Magomed Tazhudinov

Die Nominierung für die WM war am Ende das Ergebnis einer klaren sportlichen Linie. Bei der Deutschen Meisterschaft holte Agca Silber, unterlag im Finale seinem direkten Konkurrenten. Doch international konnte dieser nicht so überzeugen wie der Essener.

Vor allem Agcas Auftritt beim Grand Prix in Madrid war ausschlaggebend: Dort erreichte er das Finale – und traf auf Akhmed Magomed Tazhudinov aus Bahrain, den amtierenden Welt- und Olympiasieger. „Die ersten zwei Minuten war ich auf Augenhöhe, dann hatte ich keine Chance mehr.“ Für Agca war es trotzdem ein besonderer Moment – schon als Jugendlicher hatte er auf YouTube Kämpfe der weltbesten Athleten verfolgt. „Gegen ihn werde ich auch bei der WM wohl noch nicht gewinnen können – aber ich will so nah wie möglich herankommen.“

Der Weg von der EM-Enttäuschung zum WM-Start war kurz – aber intensiv. Der Umzug nach Heidelberg, das Training mit Weltklasseathleten und die Nähe zur Familie haben Agca reifer gemacht. Jetzt will der Essener beweisen, dass er nicht nur mithalten, sondern auch überraschen kann – selbst wenn Olympiasieger Tazhudinov wohl noch eine Nummer zu groß ist.