Im Rüttenscheider Hallenbad hatte er sich einst zum Spitzenschwimmer im Schmetterlingsstil gemausert, nun schrie er seine Freude über einen Siegerbonus von 250.000 US-Dollar laut hinaus. Nach seinem ersten Platz über 100 Meter Schmetterling kletterte Marius Kusch fix aus dem Becken und zeigte seine Muskeln - die wohl durch Dopingmittel unterstützt sind. Zwei Jahre nach seinem letzten offiziellen Wettkampf siegte der ehemalige Schwimmer der SG Essen bei den den erstmals ausgetragenen Enhanced Games. Ein internationaler Wettbewerb, bei dem Doping erlaubt ist.

Was genau der frühere Essener vor dem mit dem Spitznamen „Dopingspiele“ versehenen Wettbewerb in Las Vegas zu sich genommen hatte - erlaubt waren neben Testosteron unter anderem auch Epo und Wachstumshormone - blieb sein Geheimnis. „Am Ende des Tages schaust du gut aus, fühlst dich gut und schwimmst schnell“, rief der deutsche Kurzbahn-Europameister von 2019 nach seiner um 0,07 Sekunden verbesserten persönlichen Bestzeit ins Stadionmikrofon. Mit etwas Abstand antwortete der 33-Jährige dann auf die Frage, inwiefern sich sein Körper anders angefühlt habe, als bei früheren Wettkämpfen: „Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich so einen ultimativ großen Boost oder so hatte, aber mir ist es einfach gelungen, wirklich meine Details heute perfekt abzuliefern.“ Über 50 Meter hatte er zuvor zwar nur Rang drei belegt, seine persönliche Bestzeit aber um 0,46 Sekunden verbessert.

Essener Schwimmer bei Enhanced Games: Weltrekord-Flut blieb aus

Die Teilnahme von Kusch hatte auch in der Essener Schwimmszene für Entsetzen gesorgt. „Das ist einfach nur traurig“, befand beispielsweise das Essener Schwimm-Idol Mark Warnecke. „Damit verrät er die Werte des Sports und verliert seinen Status als Vorbild für den Nachwuchs.“ Kutsch selbst hatte seine Teilnahme vergangenes Jahr so gerechtfertigt: „Es ist wirklich wichtig, dass das traditionelle Schwimm-System sauber bleibt. Dafür werde ich mich immer einsetzen. Das ist kein ,Wir gegen sie.‘ Die Enhanced Games sind eine andere, separate Einheit. Ich sehe das als Entertainment.“

Das war die große Frage, auf die die Veranstalter der Enhanced Games eine Antwort geben wollten: Wozu ist der menschliche Körper in der Lage, wenn man ihm durch Medikamente und Mittel bei der Regeneration und dem Aufbau von Leistungsfähigkeit hilft? „Enhanced“, auf deutsch etwa „verbessert“, nennen das die Macher um den deutschen Milliardär Christian Angermayer und den ehemaligen Investmentbanker Maximilian Martin aus München. Die Welt-Anti-Doping-Agentur und die etablierten Sportverbände wie das Internationale Olympische Komitee nennen es: gedopt.

Enhanced Games
Marius Kusch im Finale über 100 Meter Schmetterling in Las Vegas.© Jae C. Hong/AP/dpa | Jae C. Hong

Bei den insgesamt 22 Wettkämpfen im Schwimmen, Gewichtheben und der Leichtathletik verbesserten zahlreiche Sportlerinnen und Sportler ihre persönlichen Bestleistungen, viele davon nach jahrelangen Wettkampfpausen. Eine Flut von Resultaten, die bestehende Weltrekorde übertrafen, gab es allerdings nicht. Offizielle Anerkennung von den internationalen Verbänden hätten sie ohnehin nicht gefunden. „Wir haben heute mehr Weltrekorde erwartet, aber es ist Live-Sport und das kannst du nicht planen“, sagte Geschäftsführer Martin. 

Essener Schwimmer bei Enhanced Games: Schwimmanzüge erlaubt

Erst beim letzten Wettkampf des Tages bekamen die 2500 gezielt eingeladenen Zuschauer - frei zugänglich gab es keine Karten für die Outdoor-Veranstaltung - dann den erhofften Grund zum Jubeln. Über 50 Meter Freistil schlug der Grieche Kristian Gkolomeev nach 20,81 Sekunden an. Er war damit schneller als der offizielle Weltrekord von 20,88 Sekunden und bekam eine Million US-Dollar Bonus zusätzlich zu den 250.000 US-Dollar für den Sieg. Geschäftsführer Martin hüpfte vor Freude wie wild am Beckenrand auf und ab.

Weil Gkolomeev zudem über 100 Meter Freistil gewann, verdiente er an einem Abend 1,5 Millionen US-Dollar allein durch Preisgeld. Für einen Schwimmer eine unfassbar hohe Summe, die durch Olympiasiege und Weltmeistertitel nicht zu erreichen wäre. Bei den Enhanced Games waren die im internationalen Schwimmsport seit 2010 verbannten Schwimmanzüge, die damals zu einer Flut von Weltrekorden beigetragen hatten, erlaubt.

Essener Schwimmer bei Enhanced Games: Krieg verkürzt Phase des aktiven Dopings

Acht Wochen lang bekamen 38 der 42 teilnehmenden Sportlerinnen und Sportler beim Trainingslager in Abu Dhabi einen von Ärzten auf Basis zahlreicher Untersuchungen und Blutwerte ausgearbeiteten Cocktail an Mitteln zur Leistungssteigerung. Geplant waren ursprünglich zwölf Wochen, unter anderem beeinflusst vom Krieg zwischen den USA und Iran und dessen Auswirkungen auf die Region wurden es am Ende aber vier Wochen weniger.

Vier Teilnehmer und Teilnehmerinnen verzichteten, darunter nach eigenen Angaben der Sprinter Fred Kerley, die Sprinterin Tristan Evelyn und der Schwimmer Hunter Armstrong, die alle einen Wettkampf gegen die aufgeputschte Konkurrenz gewannen und wie Kusch 250.000 US-Dollar zusätzlich verdienten. 

Kerley gewann über 100 Meter in 9,97 Sekunden, Armstrong siegte über 50 Meter Rücken und wurde Zweiter hinter Gkolomeev über 100 Meter Freistil. Evelyn entschied die 100 Meter der Frauen in 11,25 Sekunden für sich. Kerley ist im Weltsport derzeit wegen Verstößen gegen die Anti-Doping-Regeln gesperrt. Er verpasste mehrere Kontrollen. 

Sympathie gibt es bei der amerikanischen Anti-Doping-Agentur ohnehin nicht für das Projekt. „Die Macher der Enhanced Games wollen vielleicht schnelles Geld verdienen, aber dieser Gewinn geht auf Kosten von Kindern auf der ganzen Welt, die glauben, dass sie Dopingmittel nehmen müssen, um ihre Träume zu verwirklichen“, hatte deren Chef Travis Tygart schon vor Monaten kritisiert. (Gold/dpa)