Vom Norden Afrikas aus ging es für Mohamed El Mimouni fast direkt zu seiner neuen Aufgabe. Der 41-jährige Fußballtrainer verbrachte die vergangenen Wochen bei seinen Eltern in Tanger, der bei Touristen beliebten Metropole ganz im Norden von Marokko gegenüber dem spanischen Festland. Die ruhige Zeit nutzte der Düsseldorf auch dazu, seine neue Mannschaft kennenzulernen. Am vergangenen Dienstagabend stieg beim Landesligisten 1. FC Lintfort die erste Trainingseinheit unter dem Coach, der zuletzt erfolgreich bei Oberligist MSV Düsseldorf und beim Landesligisten FC Kosova Düsseldorf gearbeitet hat.
Herr El Mimouni, wie nah dran waren Sie in den vergangenen Wochen gefühlt am im kommenden Winter steigenden Afrika Cup of Nations und an der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2030?
Mohamed El Mimouni: Ich bin immerhin sehr oft am Stadion von Ittihad Tanger vorbeigefahren. Dort werden bei beiden Turnieren Spiele stattfinden. Und das Stadion wird auch noch renoviert. Es entsteht gerade mit Blick auf die WM 2030 im Land sehr viel. Tanger hat in den vergangenen 35 Jahren, seit meine Familie hier ist, eine enorme Entwicklung genommen und ist mittlerweile sehr gehobenes Afrika. Es gibt ein großes Renaultwerk mit über 6000 Mitarbeitern, dazu den größten Hafen Afrikas. Und natürlich Fußball. Die WM 2022 in Katar mit Platz vier für Marokko hat gezeigt, dass man auch mit wenigen Möglichkeiten stark sein kann.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich Marokko in den Vordergrund gespielt hat?
Es gibt viele junge Talente in Europa, die Ihre familiären Wurzeln in Marokko haben und in der Nationalmannschaft eine bessere Perspektive sehen als in Frankreich, Spanien oder auch Deutschland. Bestes Beispiel ist Brian Diaz von Real Madrid. Der Verband tut dazu einiges, hat einen Campus ähnlich dem des DFB in Frankfurt aufgebaut. Davon profitieren auch Teams wie U17, U19, U21 oder die Frauen. Es gibt aber auch eine kleine Kehrseite der Medaille.
Neun Vereine in der Trainer-Karriere
Fußball-Landesligist 1. FC Lintfort ist für den 41-jährigen Mohamed El Mimouni der neunte Verein seiner Trainer-Karriere. Zuvor war er schon beim FC Kosova (2024/25, Landesliga), MSV Düsseldorf (2020-23 und 2016-18, Bezirksliga, Landesliga und Oberliga), DV Solingen (2019/20, Bezirksliga), SV DITIB Solingen (2018/19, Bezirksliga), SG Kaarst (2016/17, Bezirksliga), Wuppertaler SV (2013-15; B-Junioren-Niederrheinliga), SC Kapellen-Erft (2013/14, Co-Trainer Oberliga) und bei TuRU 80 Düsseldorf (2012/13, A-Junioren-Leistungsklasse) aktiv.
Welche?
Es wird sehr viel Geld in die WM investiert. Andere Dinge kommen dadurch im Land vermutlich zu kurz. Eigentlich müsste man finanziell eine goldene Mitte finden und mehr in die Bildung stecken. Marokko ist eben immer noch Afrika. Auch wenn afrikanische Fußballer aus den Umständen heraus ihren Weg robust und kampfstark zum Fußball finden. Barfuß mit Steinen oder kaputten Flaschen zu kicken, prägt eben auch.

In welcher Art und Weise werden Sie versuchen, künftig die Landesliga-Fußballer des 1. FC Lintfort zu prägen?
Bei 18 Abgängen, einem neuen Trainerteam und einem neuen Umfeld kommt da auf mich natürlich eine schöne Aufgabe zu. Wir werden eine intensive Vorbereitung haben. Eine Woche lang mache ich im Training einen TÜV, gucke mir alles an. Nach dem letzten Spiel der vergangenen Saison hatten wir uns ja schon mit den Spielern auf eine Kennenlern-Pizza zusammengesetzt. Seitdem habe ich auch viele Gespräche geführt. Ich bringe sehr viel positive Energie mit, um einen Teamspirit zu entwickeln.
Auch die Fitness war in der vergangenen Saison beim 1. FC Lintfort ein Thema. Wie gehen Sie damit um?
Ich will da nicht bei Null starten, das ist klar. Die Jungs hatten die Hausaufgabe für die trainingsfreie Zeit, zweimal die Woche neun Kilometer in einer Rahmenzeit zu laufen. Das klappte ganz gut. Die Spieler sind ja keine Kinder und wissen, wie der Laden läuft. Fußballer ohne Fitness zu sein, ist wie ein Auto auf Reserve: Eine gewisse Zeit läuft es noch mit wenig Benzin, dann kann man es aber nicht mehr verbergen und bleibt liegen.

Das leuchtet ein. Worauf werden Sie sportlich Wert legen?
Die Zuschauer dürfen eine fitte und hungrige Einheit auf dem Platz erwarten, bei der sich jedes Ego hinten anstellen wird. Welches System wir spielen, wird sich in der Vorbereitung herausstellen. Grundsätzlich hasse ich Gegentore. Deshalb lasse ich jetzt allerdings nicht so spielen wie Jose Mourinho. Ich liebe Ballbesitz. Ich liebe es aber auch, wenn bei uns an der richtigen Stelle die Null steht.
Welches Saisonziel haben Sie vor Augen?
Es ist noch ein wenig früh, das konkret auszurufen. Erst nach zehn Pflichtspielen weiß man, wohin die Reise gehen kann. Grundsätzlich müssen alle Bock haben. Und grundsätzlich müssen auch alle im Sieg und in der Niederlage verstehen, warum ein Spiel entsprechend gelaufen ist. Nur so kommt man der Wahrheit näher. Gerade auch in schlechten Phasen.

Sie haben in Düsseldorf bei zwei Vereinen zumeist in sehr guten Phasen gearbeitet. Was nehmen Sie da an Erfahrung mit?
Dass es vielleicht neben einer Trainerlizenz auch eine Lizenz für Vereinspräsidenten geben sollte. (lacht)
Sie spielen auf beide Trainertrennungen an, die Ihnen widerfahren sind.
Das stimmt. Aber nicht falsch verstehen: Ich bin mit beiden Klubs weiter verbunden und im Reinen. Aber: Es fehlt vielen die nötige Geduld. Und der Trainer ist oft der Mülleimer, den es zu entsorgen gilt, wenn es sportlich nicht läuft. Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass Erfolg auch zur Sucht werden kann, wie Ex-Bundesliga-Trainer Bruno Labbadia einmal gesagt hat.

Geben Sie ein Beispiel.
Beim FC Kosova hatten wir vor einem Jahr eine ziemlich katastrophale Sommervorbereitung. Niemand hat geglaubt, dass wir in der Landesliga oben mitspielen würden. Dann stehen wir aber doch monatelang unerwartet auf den Aufstiegsplätzen. Mit einer Niederlage im sechstletzten Spiel werden plötzlich alle nervös, obwohl der Aufstieg als Ziel bei meinem Einstand gar kein Thema war. Ich wurde also von einer emotionalen Entscheidung des Vorstands getroffen. Aber da bin ich ja nicht allein. In der 2. Bundesliga wurden in der vergangenen Saison 15 Trainer entlassen. Der 1. FC Köln hat auf Aufstiegsplatz und mit nur noch zwei Spielen ja Friedhelm Funkel geholt.
Auch wenn Kosova im Gegensatz zu Funkel und Köln den Aufstieg ohne Sie versiebt hat, dürfen Sie sich in bester Trainer-Gesellschaft fühlen, oder?
Irgendwie schon, auch wenn jede Trennung natürlich weh tut.

Abgesehen von den handelnden Personen: Sehen Sie schon Unterschiede zwischen Lintfort und ihren beiden Vorgängervereinen?
Natürlich, das ist praktisch wie Handwerken mit und ohne Hilfe. Beim MSV Düsseldorf hatte ich mit 28 Spielern und nur einem Co-Trainer einen halben Trainingsplatz. Da habe ich mich auch noch um die Trikots gekümmert. Und das in der Oberliga. Beim FC Kosova habe ich auch vieles selber gemacht. Das raubt schlicht sehr viel Energie. Lintfort ist personell viel besser aufgestellt in allen Bereichen. Das spüre ich natürlich und gibt mir ein sehr gutes Gefühl.

Sie beobachten auch sehr den nationalen und internationalen Fußball und seine Entwicklung. Welche Profitrainer sind Ihre Vorbilder
Pep Guardiola ist ein Genie, er besitzt ein anderes Niveau als viele Trainer auf seiner Ebene. Er hat in seinem Spielsystem zwar den Individualisten gekillt, rudert aber in seiner Denke schon wieder etwas zurück. In Deutschland sehe ich Ralf Rangnick als den besten Trainer der vergangenen 20 bis 30 Jahre an. Seine Art von Fußball mag ich sehr. Natürlich ist auch Jürgen Klopp zu nennen. Oder Thomas Tuchel. Letzterer ist ein Genie, dazu jedoch menschlich schwierig. Ein Auge habe ich auf Dino Toppmöller. Dies nicht nur, weil ich Eintracht-Frankfurt-Fan bin. Und ich habe Hansi Flick im Blick, der mit Barcelona durchgestartet und aus meiner Sicht in Deutschland arg unterschätzt ist.


