Benjamin Beckerle und Ralf Lehmann als Pioniere zu bezeichnen, wäre vielleicht ein wenig hoch gegriffen. Vorbilder sind die beiden Schwimmer für ihre Sportart allerdings allemal. Mit dem Start kürzlich bei der Masters-Weltmeisterschaft im südostasiatischen Stadtstaat Singapur traten die Athleten der SG Niederrhein den Beweis an, dass sich sportliche Leistung im Schwimmen auch in einem Alter jenseits der 30 Jahre voll und ganz lohnt. Meist scheiden Schwimmer nach Erwerb diverser Abzeichen in jungen Jahren oder mit dem Start von Studium und Beruf aus ihrem Wettbewerbssport aus.

Sieben Starts in Singapur in hypermodernen Sportstätten

„Die WM lief über fünf Tage, daran haben wir noch einen kleinen Urlaub gehangen. Die neuen Erfahrungen kann uns niemand mehr nehmen“, sagen Beckerle und Lehmann, die in der Altersklasse M35 und M65 fern der Heimat insgesamt sieben Starts in den hypermodernen Becken hatten, über eine zweifelsohne aufregende Lebensepisode. „Dazu sind wir dort geschwommen, wo kürzlich auch unser mehrmaliger Weltmeister und Olympiasieger Florian Wellbrock im Becken war“, hebt Ralf Lehmann hervor.

Waren im Jahr 2024 für die SG Niederrhein schon bei der Europameisterschaft in Belgrad unterwegs: Ralf Lehmann (links) und Benjamin Beckerle.
Waren im Jahr 2024 für die SG Niederrhein schon bei der Europameisterschaft in Belgrad unterwegs: Ralf Lehmann (links) und Benjamin Beckerle.

Zwei Arenen mit je 50-Meter-Bahnen sowie zwei Einschwimmbecken standen zur Verfügung. Einlaufteppiche nebst Athletenpräsentation pro Wettkampf sowie Zuschauer auf allen Seiten der Becken inklusive. „Davon kann man in unserer Region schlicht nur träumen“, betont Lehmann. Zu den Wettkämpfen reisten die Niederrheiner vom Hotel in der Innenstadt mit der U-Bahn an. Bequem und unproblematisch, weil alle sechs Minuten fahrend. „Und doch war alles schon verdammt aufregend. Es war jedoch dabei ein Vorteil, dass wir vor Ort zu zweit waren und uns gegenseitig immer helfen konnten. Auch wenn die Leute in Singapur selbst alle überaus freundlich waren und oft auch ungefragt ihre Hilfe angeboten haben, wenn wir hilfesuchend aussahen“, sagt Benjamin Beckerle schmunzelnd.

So haben die Schwimmer bei der WM abgeschnitten

Sieben Start hatten die beiden Schwimmer der SG Niederrhein bei der Masters-WM in Singapur zusammen. Hier die Ergebnisse im Einzelnen; Benjamin Beckerle (AK35): 28. Platz über 100 Meter Brust in 1:19,32 Minute; 44. Platz über 100 Meter Freistil in 1:03,46 Minute; 62. Platz über 50 Meter Freistil in 27,74 Sekunden und 40. Platz über 50 Meter Brust in 35,25 Sekunden. Ralf Lehmann (AK65): 26. Platz über 100 Meter Brust in 1:44,70 Minute; 60. Platz über 50 Meter Freistil in 35,95 Sekunden und 24. Platz über 50 Meter Brust in 41,79 Sekunden.

Gerade beim ersten Start über 100 Meter Freistil musste Beckerle seine Nerven im Zaum halten: „Wenn man sich dann aber einmal an die wirklich große Bühne mit Ansage und Einlauf gewöhnt hatte, ging es besser.“ Sonst trainieren die SGN-Masters eher bescheidener im Neukirchen-Vluyner Freizeitbad sowie im Moerser Enni-Sportpark und im Solimare. Von den Eindrücken vor Ort, auch was die komplette Stadt mit ihren modernen Hochhäusern, der enormen Sicherheit und Sauberkeit auf den Straßen anbetrifft, waren die beiden Schwimmer vom Start weg ziemlich geflasht.

Bei den 14. Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften der Masters im vergangenen Jahr in Freiburg war die SG Niederrhein mit diesem Team vertreten: (von links) Elaine Junker (Staff), Ralf Lehmann, Nils Steiner, Benjamin Beckerle, Lars Jansen, Andreas Thiel, Petra Spitzbart, Ralf Spitzbart (Trainer) und Ina Thiel (Staff).
Bei den 14. Deutschen Kurzbahn-Meisterschaften der Masters im vergangenen Jahr in Freiburg war die SG Niederrhein mit diesem Team vertreten: (von links) Elaine Junker (Staff), Ralf Lehmann, Nils Steiner, Benjamin Beckerle, Lars Jansen, Andreas Thiel, Petra Spitzbart, Ralf Spitzbart (Trainer) und Ina Thiel (Staff).

Die ganzjährig tropische Metropole an der Spitze der malayischen Halbinsel und fast exakt auf Äquator-Höhe strahlt im Übrigen auch ein gewisses Selbstbewusstsein aus. Die Schwimm-WM wurde anlässlich des 60. Geburtstags Singapurs einen ganzen Tag lang unterbrochen. „Da hatten nur Hotels und Gastronomie geöffnet. Alle anderen haben mit Paraden und Feuerwerk gefeiert“, so Ralf Lehmann. Weniger geglückt fanden die Niederrheiner indes, dass die Männer- und Frauenwettbewerbe in getrennten Halle stattfanden. „Wäre man mit einer größeren Gruppe vor Ort gewesen, wäre eine fair verteilte Anfeuerung allen schwer gefallen“, betont Benjamin Beckerle.

Jetlag von Deutschland nach Singapur fiel nicht wirklich ins Gewicht

Der Jetlag von Deutschland zu Singapur fiel trotz eines Zeitunterschieds von plus sechs Stunden nicht wirklich ins Gewicht. „Wir waren doch erstaunt darüber, dass der Körper kaum Probleme gemacht hat“, versichert Ralf Lehmann. Was vermutlich auch an den intensiven Eindrücken vor Ort gelegen haben dürfte. Für die Rückstrecke hatte das Duo aber vorsichtshalber einen dreitägigen Zwischenstopp im Arabischen Emirat Dubai eingelegt, um die innere Uhr sanfter zurückzudrehen.

Auf dem Rückweg geht es für die Schwimmer in die Wüste

Eindruck hinterließ die reiche Wüstenmetropole allerdings auch. „Da waren die Gebäude gefühlt noch toller. Vor der Tür waren dann allerdings statt 35 schon 44 Grad Celsius. Und das ist mehr als gewöhnungsbedürftig“, betont Ralf Lehmann, der übrigens über 100 Meter Brust in Singapur einziger Deutscher im Wasser war.

SG Niederrhein: Schwimmer fassen die EM in Paris 2026 ins Auge

Sportlich geht es in diesem Jahr für Beckerle und Lehmann auch noch weiter. Im Dezember steht die Deutsche Meisterschaft der Senioren in Essen auf dem Programm. Für 2026 haben Benjamin Beckerle und Ralf Lehmann die EM in Paris ins Auge gefasst. Die französische Hauptstadt an der Seine ist gut und flott mit dem Auto oder der Bahn erreichbar und lange nicht so kostspielig wie ein Ausflug nach Singapur. Und wenn im Vorfeld noch die Qualifikationszeiten stimmen, könnte die SG Niederrhein in Frankreich vielleicht sogar mit mehr als zwei Schwimmern auftrumpfen.