Der Start in Moers war für Chang Cheng Liu unglaublich schwer. Im Frühsommer 1989 musste der chinesische Volleyball-Nationalspieler eine schnelle Entscheidung treffen. Während der Olympiaqualifikation in den Niederlanden war in der Heimat das Massaker rund um Studenten-Demonstrationen am Tian‘anmen-Platz mit mehr als tausend Todesopfern bekannt geworden. „Ich konnte danach nicht mehr wirklich zurück“, erinnert sich der heute 62-Jährige. Es gab Angebote. Aus Paris, aus Japan. Am Ende war allerdings Günter Krivec am schnellsten. Der ehemalige Vorsitzende des Moerser SC wollte die bärenstarke chinesische Nummer 12, die Liu stets auf dem Trikot trug. Nun ist eine der Moerser Volleyball-Ikonen zurück. Als Cheftrainer des gerade in die 3. Liga West abgestiegenen MSC.
Chang Cheng Lui mischt 1984 bei den Olympischen Spielen von Los Angeles mit
37 Jahre nach dem Moerser Coup geht Chang Cheng Liu längst alles leichter von der Hand. „Am Anfang habe ich manchmal Bilder gemalt, um mich zu verständigen. Beim Training habe ich dem Coach aus den Augen abgelesen, was zu tun ist“, erinnert sich der Olympiateilnehmer von 1984 in Los Angeles heute schmunzelnd. Beim Wechsel vermittelte 1989 ein chinesischer Student, der seinerzeit bei der Universiade in Duisburg mitarbeitete und für den MSC so die Sprachbarriere zur Volleyball-Ikone überwand. „Diese Zufallsbekanntschaft hat uns großes Glück gebracht“, erinnert sich Ex-Vereinschef Günter Krivec. Chinesischen Sportlern war es damals erlaubt, mit 25 Jahren ins Ausland zu wechseln. Die etwas ältere Dai Ming, die im Dezember 1988 schon für den VC Schwerte erstklassig spielte, heiratete Chang Cheng Liu kurz nach seiner Zusage für Moers.

Mit Georg Grozer Senior, der zweiten Moerser Volleyball-Ikone der frühen 90er-Jahre, gewann der Pekinger Universalspieler zügig im MSC-Dress alle möglichen Titel: Bundesliga-Meister, Pokalsieger, Europacup. Moers wurde in Volleyball-Deutschland zur Marke. Chang Cheng Liu ebenso. „Damals wollte ich nicht mehr weg, weil ich mich so wohl gefühlt habe“, sagt der 203-malige Nationalspieler. Die Wege trennten sich nach einem Intermezzo in Berlin aber dann doch 2016.
Am Anfang habe ich manchmal Bilder gemalt, um mich zu verständigen.
Chang Cheng Liu, erinnert sich an seine Startzeit in Deutschland im Jahr 1989
Wechsel vom Moerser SC zu den Volleyballfrauen nach Borken
„Beim MSC wollte man die Bundesliga nicht mehr, ich musste aber mit Volleyball Geld verdienen“, erinnert sich Chang Cheng Liu. Der wechselte zu den Zweitliga-Frauen der Skurios Volleys nach Borken, wo heute noch Tochter Yina Liu in der Bundesliga spielt. Es wurden acht fruchtbare Jahre für Chang Cheng. Mit dem Wechsel 2024 zum Erstliga-Neuling VC Bitterfeld-Wolfen allerdings das Unglück. Der Trainer erkrankte schwer, musste sein Amt nach wenigen Monaten aufgeben.

„Das war eine schwere Zeit. Aber ich bin jetzt zurück in meiner Volleyball-Heimat und sehr motiviert. Ohne Volleyball kann ich nicht leben“, betont Chang Cheng Liu. Natürlich ist er lange nicht mehr so dynamisch im Training wie vor der Erkrankung, als er noch sehr aktiv bei Übungen mitgewirkt und Spielerinnen und Spieler verbessert hat. Im 37-jährigen Mainzer Thomaz Santos, der als Zuspieler auch Zweit- und Drittliga-Erfahrung aus Gonsenheim und Rüsselsheim mitbringt und aus beruflichen Gründen zuletzt in Oberhausen für Regionalligist TB Osterfeld gespielt hat, sowie Routinier Markus Pukownik und Jungspund Quentin Kugel stehen gleich drei Co-Trainer zur Seite.
Chinesische Mentalität: „Wir müssen an unseren Fehlern arbeiten“
Auch mit 62 Jahren gilt Chang Cheng Liu als eher strenger Fachmann, der allerdings Talente weit nach vorn bringen kann und auch ein unglaublich gutes Auge für das Rückschlagspiel besitzt: „Meine chinesische Mentalität sagt, dass wir immer an unseren Fehlern arbeiten müssen. Wer im Spiel wenig Fehler macht, der gewinnt am Ende auch.“ Das gilt für die Technik allgemein, für das Blockspiel, den Aufschlag, eigentlich alle Facetten des Volleyballs. Mit drei Pflichteinheiten und zwei freiwilligen Trainings in der Woche will der Ex-Nationalspieler seinen MSC auf Meisterkurs bringen.

Dazu gibt es vereinsintern eine Vision: 2030 in der Bundesliga mitspielen. Chang Cheng Liu hat dazu natürlich seine Meinung: „Sportlich ist das machbar. Und wir haben einige Talente, die die Bundesliga drauf haben, wenn sie an sich arbeiten. Namen will ich da natürlich nicht verraten, um niemanden unter Druck zu setzen. Wichtig wird aber auch sein, für die Bundesliga genügend Sponsoren zu finden.“ Schließlich wäre man dann vermutlich mit einer Profimannschaft am Start. Klubchef Guido Lohmann dürfte da gefordert sein.
Moerser SC hat in Eintracht Spontent einen großen Konkurrenten in der 3. Liga West
So weit ist es aber noch lange nicht. Die neue Aufgabe heißt 3. Liga West. „Das ist eigentlich nicht die Liga, in der der Moerser SC spielen sollte. Aber wir müssen es nach dem Abstieg nun so annehmen. Eintracht Spontent wird unser Hauptgegner im Kampf um den Aufstieg sein“, sagt Chang Cheng Liu. Gleich zum Saisonstart am 19. September müssen die Moerser, die vermutlich dann mit sechs Neuzugängen auflaufen werden, in Düsseldorf antreten.
Chang Cheng Liu: 70 Kilometer von Borken nach Moers pro Strecke
Chang Cheng Liu wird erst einmal in Borken nahe Bocholt wohnen bleiben, auch wenn gut 70 Autominuten pro Strecke und Training kein Pappenstiel sind: „Das ist natürlich ein bisschen anstrengend. Aber erst einmal sehen, ob es sportlich beim MSC gut läuft und wie gesund ich bleibe. Ein Umzug ist ja auch nicht gerade preiswert.“
Ein erprobtes Rezept für erfolgreiche Spiele wird Chang Cheng Liu seinen Mannen vermutlich mit auf den Weg geben: „Immer etwas locker lassen, bevor es losgeht. Und dann weniger essen und gut schlafen. Das ist besser als jedes Ritual.“ Vielleicht wird ja einer der Talente dann so stark und schwer überwindbar wie Chang Cheng Liu. Der machte auf dem Spielfeld einst seinem Vorname alle Ehre. Chang Cheng heißt aus dem Chinesischen übersetzt nämlich: die große Mauer.


