Fußball

Endlich darf der Mehrhooger Janis Blaswich wieder fliegen

Keeper Janis Blaswich hielt seinen Kasten auch in Erfurt sauber, Hansa Rostock siegte 1:0. Heute geht es um 14 Uhr gegen den SV Meppen.

Keeper Janis Blaswich hielt seinen Kasten auch in Erfurt sauber, Hansa Rostock siegte 1:0. Heute geht es um 14 Uhr gegen den SV Meppen.

Foto: Jacob Schröter/IMAGO

Hamminken.  Janis Blaswich erwies sich in der 3. Liga bisher als unbezwingbar. Der Mehrhooger steht nach einem Seuchenjahr in Rostock zwischen den Pfosten.

Er ist sehr zeitig da. Eine Stunde vor Beginn des ersten Heimspiels der Saison sitzt Rudi schon auf seinem Platz. Rudi ist ein kleiner Mann, leicht untersetzt, er trägt ein Hansa-Trikot, um seinen Hals einen blau-weißen Schal.

Und Rudi ist sehr beredt. Er erzählt, dass schon seine Eltern dem Koggenklub verbunden waren, er 58 Jahre alt sei, und dass es ihm eigentlich nicht gut tue, „hier im Stadion ab und an auszubrechen wie ein Ätna“. Er lacht lauthals. Ob über jenen Vergleich oder seine Angewohnheit, im Stadion mal zünftig aus der Haut zu fahren, bleibt unklar. Dann fragt er, wer man denn sei und was man hier mache, man komme nicht aus Rostock, das sei deutlich zu hören. Rudi nickt wissend, nachdem er mal zugehört hat, und murmelt dann: „Ach so, um also unseren neuen Torwart zu sehen.“

In Mehrhoog sind die Wurzeln und die Freunde

Janis Blaswich betritt exakt 49 Minuten vor dem Anpfiff als Erster den Rasen. Die schon anwesenden Hansa-Fans begrüßen ihn freundlich, er grüßt zurück, winkt ihnen zu. Wie Torhüter das für gewöhnlich eben machen, bevor sie mit ihrem Aufwärmprogramm beginnen. Für Blaswich indes ist an diesem Tag vieles, auch dieses Hallo, kein turnusmäßiger Akt. Erstmals ist er nicht Gastspieler im Ostseestadion, erstmals ist es sein Zuhause.

12 500 Zuschauer bereiten ihm einen stimmungsvollen Heimspiel-Einstand. Am Tag nach dieser Premiere schwärmt Blaswich im Gespräch mit der NRZ: „Vor der Heimkulisse war das ein sehr schönes Gefühl.“ Erst vor zwei Wochen verpflichtete ihn Drittligist Hansa Rostock; für ein Jahr wird der Torwart von Borussia Mönchengladbach II ausgeliehen.

Blaswichs Geschichte bekommt eine neue Wendung. Ihr Ursprung liegt schon mehr als ein Jahrzehnt zurück und führt nach Hamminkeln. Beim VfR Mehrhoog macht er seine ersten Schritte. „Da sind meine Wurzeln“, erzählt Blaswich, „da bin ich aufgewachsen, da habe ich immer noch meine Freunde.“ Er ist talentiert, besser als die meisten. Den Scouts von Borussia Mönchengladbach bleibt das nicht verborgen. 2006, das Sommermärchen hat gerade Deutschland und die Welt berauscht, verlässt er seinen Heimatverein, um sich der Fohlenelf anzuschließen. Er wechselt in Borussias Jugend, signiert fünf Jahre später seinen ersten Profivertrag.

Aufstieg mit Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga

In der Bundesliga kommt Blaswich nie zum Einsatz. Aber: „Allein das Training auf diesem Niveau bringt einem jungen Torwart extrem viel“, betont der 26-Jährige. Er lernt von Torhütern, die ob ihrer exklusiven Fähigkeiten aus der Masse herausragen. Von Yann Sommer etwa, dem Nationalkeeper der Schweiz, oder von seinem Kumpel Marc-Andre ter Stegen, der jetzigen Nummer eins des FC Barcelona.

In der Spielzeit 2015/2016 verhilft Blaswich Dynamo Dresden als Stammtorwart zum Aufstieg in die 2. Bundesliga, muss die Sachsen danach allerdings wieder verlassen. Das ein Jahr andauernde Leihgeschäft endet, Dresden ist an einer Weiterbeschäftigung Blaswichs interessiert. Über die Wechsel-Modalitäten können sich beide Vereine allerdings nicht einigen.

Entscheidung für Hansa Rostock fiel leicht

Mit der Unterschrift in Rostock hat Blaswich, dessen Bruder Luis beim Landesligisten PSV Lackhausen aktiv ist, ein neues Karriere-Kapitel aufgeschlagen. Bedenkzeit vor der Vertragsunterzeichnung – nein, die habe er nicht benötigt. „Ich weiß ja, was Hansa für ein Klub ist. Ich weiß, wie geil die Kulisse hier im Ostseestadion ist. Da war die Entscheidung schnell sehr klar.“

In der Hansestadt Rostock fühlt er sich schon wohl. Wenngleich ihm ein wenig die Orientierung fehle und er sich ohne Navigationsgerät verirre, wie er lachend verrät. Am Samstag nach getaner Arbeit schlendert Blaswich mit seiner Freundin Nadine durch die belebte Altstadt, später fahren beide nach Warnemünde ans Meer. Es liegt recht still und ruhig da an diesem Abend. Die Sonne verschwindet langsam und Blaswich sieht zu.

Großes Lob nach Debüt von Trainer Pavel Dotchev

Noch seien sie im Hotel einquartiert, sagt er. Es sei nicht leicht, ein Appartement zu finden. Der Wohnraum in Rostocks Altstadt, der bevorzugten Gegend, ist arg begrenzt und teuer. Optimistisch ist Blaswich dennoch. Denn: „Meine Freundin hat ein gutes Auge.“ Er grinst.

Aktuell hat er auch allen Grund dazu. Mal abgesehen von der Wohnungssuche. Gleich nach seiner Ankunft beim FC Hansa wird ihm das Startelf-Mandat übertragen. Zwei Tage nach seiner Präsentation debütiert er. Rostock siegt bei den Sportfreunden Lotte mit 2:0 und Trainer Pavel Dotchev frohlockt: „Das Risiko hat sich gelohnt. Janis war überragend, hatte eine tolle Ausstrahlung, hat gut mitgespielt und der Mannschaft Rückhalt gegeben.“

Ein Seuchenjahr liegt hinter dem Schlussmann

Selbstverständlich ist das freilich nicht. Hinter Janis Blaswich liegt eine unbefriedigende, von Tristesse dominierte Zeit. Ein Seuchenjahr. Die letzte Saison verpasst er komplett. Zwei komplizierte Verletzungen bremsen ihn aus. Zunächst erleidet Blaswich einen Leistenbruch, gerade genesen zieht er sich einen Sehnenabriss im Adduktorenbereich zu und ist erneut dienstunfähig. „Die Zeit, in der man nicht am Ball sein darf, in der man nicht auf dem Platz steht, ist die schlimmste“, sagt er. „Man ist halt nur im Kraftraum, kommt kaum raus.“

Nun ist Blaswich wieder da. Trotz der langen Pause und bislang erst dreier absolvierter Partien im neuen Dress wähnt sich dieser Modellathlet bereits bei den viel zitierten „100 Prozent. Ich fühle mich wohl und fit“, bekräftigt er. Und man glaubt ihm, weil man es sehen kann. Besonnen verteidigt Blaswich das Hansa-Tor im ersten Heimspiel gegen Sonnenhof Großaspach. Er dirigiert, kommuniziert, agiert sicher. Nur wenige prekäre Situationen muss er indes lösen. Die wirklich großen Aufgaben warten noch.

Der Traum Bundesliga besteht auch weiterhin

Blaswich sieht sich alldem gewachsen. Er will hoch hinaus. Vom Seuchenvogel zum Überflieger. „Mein Anspruch ist es, höher als in der 3. Liga zu spielen.“ Dafür schufte er jeden Tag. Der Traum Bundesliga sei nicht begraben. Während er dies sagt, schüttelt er demonstrativ den Kopf, zieht die Brauen kraus. „Ich setze mir die Ziele gerne recht hoch, aber habe dann immer ein paar Zwischenziele. Die werde ich abarbeiten und erreichen.“ Zunächst mal freue er sich, für Hansa Rostock aufzulaufen. Für diesen traditionsreichen Klub. Denn: „Alle Fans hängen am Verein, das spielt eine große Rolle. Es macht einfach Spaß, vor 15 000 Fans Fußball zu spielen. Dafür liebe ich den Sport.“

Was in einem Jahr, wenn die Leihe endet, passiere, wisse er nicht, betont Blaswich. Vertraglich ist er bis 2019 an Borussia Mönchengladbach II gebunden. „Da ich die Erfahrung gemacht habe, dass im Fußball immer alles möglich ist, mache ich mir keinen Plan. Ich will erstmal eine erfolgreiche Saison spielen, gute Leistungen zeigen.“ Auf seine Nahziele mit Hansa angesprochen, bedient sich Blaswich der Standardsätze. „Ich sehe von Spiel zu Spiel.“ Und: „Wenn wir als Mannschaft Woche für Woche agieren, dann können wir einiges erreichen.“

Der Saisonstart glückt den Ostseestädtern. Nach drei Spieltagen hat Hansa Rostock sieben Punkte gesammelt – und Blaswich keinen Treffer kassiert. Das Heimspiel gegen Großaspach endet torlos. Mit dem Vortrag seiner Elf ist Trainer Dotchev zufrieden, er moniert einzig die Abschlussschwäche. „Wenn man die Chancen sieht, war mehr drin“, sagt auch Blaswich. „Trotzdem haben wir einen Punkt geholt, zu Null gespielt und eine gute Mannschaftsleistung abgerufen.“

„Hier wächst gerade etwas zusammen“

Rudi, der Fan seit Geburt, sieht gleichfalls davon ab, zu hadern. Er ist während der 90 Spielminuten übrigens auch nicht ausgebrochen wie ein Ätna – trotz der Torflaute. Einen „normalen Entwicklungsprozess“ attestiert er fachmännisch der im Sommer großflächig sanierten Hansa-Mannschaft. Und: „Hier wächst gerade was zusammen.“ Blaswich ist ein Teil davon.

Nach dem Abpfiff wirbelt Rudi seinen fransigen, leicht verblichenen Hansa-Schal durch die Luft. Dann verabschiedet er sich und will den Heimweg antreten. Er ist erst wenige Schritte gegangen, da macht er plötzlich kehrt. Eines will er noch loswerden: „Übrigens, der Blaswich hat das ganz gut gemacht. Schön, dass er bei uns ist.“ Sein Schlusswort hat etwas Poetisches: „Endlich darf der Junge wieder fliegen.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben