Ein wolliges, grünes Etwas hängt neben Brigitte Brachs Tür im Hewag-Seniorenstift in Hiesfeld: ein Glückswürmchen - oder Sorgenwürmchen, je nachdem. Es bringt Glück und lässt Sorgen verschwinden, wenn man nur fest daran glaubt. Diejenigen, die Brigitte Brachs Würmchen bekommen, brauchen dringend Glück und etwas, an das sie glauben können. Die 78-Jährige häkelt die kleinen Glücksbringer mit dem freundlichen Rotbäckchen-Gesicht für kranke Kinder in Kinderhospizen, Kinder-Onkologien und Krankenhausstationen und manchmal auch für deren Eltern.
Es klopft. Eine Frau möchte ein paar Dutzend Glückswürmchen für die Kinderonkologie des Helios-Klinikums in Krefeld abholen. Ihr Sohn wurde dort betreut. Nun möchte sie die anderen Kinder mit den kleinen Sorgenfressern versorgen. Brigitte Brach hat die Würmchen schon bereitgestellt: Jedes in einem durchsichtigen Stofftütchen liebevoll verpackt, jedes mit einem Spruch aus dem Internet versehen: „Ich bin ein kleiner Glücksbringer, gehts Dir mal nicht gut, hab ich ein offenes Ohr für Dich und mach Dir wieder Mut. Und sind die Sorgen noch so klein, lass mich nun Dein Begleiter sein ... Schon morgen sollst Du wieder lachen und nur schöne Dinge machen.“

Warum Brigitte Brach auf keinen Fall Geld haben möchte
Geld möchte die Seniorin auf keinen Fall haben für ihre Glückswürmchen - auch wenn Köpfchen und Tütchen Geld kosten, das sie sich vom wenigen Taschengeld abspart. Das sei ihr „scheißejal“, sagt die gebürtige Berlinerin. Bei Bezahlung „hilft det doch nich“, sagt sie, „da bin ick abergläubisch“. Wenn sie die Würmchen verschenke, sollen diese Kindern und Eltern Freude bringen: „Da lächeln sie wenigstens mal in ihrer Traurigkeit“, sagt Brigitte Brach. Es mache ihr „Spaß und Freude, wenn ich sehe oder höre, wie sich die Kinder gefreut haben. Das finde ich schön“.

So salopp und lustig die 78-Jährige mit ihrer „Berliner Schnauze“ manchmal klingt - sie weiß, wovon sie spricht: Ihre Tochter ist vor 24 Jahren ganz plötzlich gestorben. Danach hat Brigitte Brach alle Zelte in Deutschland abgebrochen, ist nach Kenia ausgewandert. Dort hat sie Kisuaheli gelernt und kranken Kindern geholfen. Erst eine Krankheit zwang sie 2014 wieder zurück nach Deutschland.
Die Mutter, die die Würmchen für die Onkologie in Krefeld abholt, hat eine Topfblume mitgebracht. Brigitte Brach strahlt. Sie liebt Pflanzen - und weist auf ihre Schmetterlingsorchideen am Fenster. Sie hat schon einige Ableger gezogen - und zur Freude des Hewag-Personals im Zimmer umgetopft. Nur ein Foto erbittet sich Brigitte Brach von der Übergabe - als Beleg, dass die Würmchen wirklich angekommen sind. Denn in einem Fall hat sie schlechte Erfahrungen gemacht: Da wurden ihre gehäkelten Glückswürmchen auf Ebay angeboten - für 2,50 Euro das Stück, plus Porto. „Ick kenn ja meene Würmchen“, sagt die Seniorin, die die betreffende Frau dann angezeigt hat.
Damit fing alles an
Die „Worryworms“ sollen ursprünglich aus England kommen, während der Corona-Pandemie wurden sie vielfach ausgesetzt. Immer wieder aber hätten Finder die Würmchen nicht adoptiert, sondern „allet abjeruppt und weggeschmissen“, weiß Brigitte Brach. „Da hab ick mir gesagt, ick mach mal nen Aufruf bei Facebook.“ Der sei gut angekommen: „Jede Menge Arbeit und Anfragen“ hatte sie plötzlich - und somit auch Beschäftigung. Nach Dinslaken ist sie vor viereinhalb Jahren auf verworrenen Wegen gekommen, kennt hier niemanden. Und weil sie seit einem Rückenmarksinfarkt im Rollstuhl sitzt, kommt Brigitte Brach auch nicht wirklich vor die Tür. Im Seniorenstift seien viele Demenzkranke, wenig Gesprächspartner. Manchmal spiele sie Mensch-ärger-Dich-nicht, mit einem Hundertjährigen ein paar Zimmer weiter.
Wolle, Köpfe - und Kontakt
Brigitte Brach (Hewag-Seniorenstift, Kurt-Schumacher-Straße 154, Dinslaken-Hiesfeld) freut sich immer über Acrylwolle in hellen, freundlichen Farben sowie über kleine bemalte Holzköpfchen oder Mützchen. Und sie freut sich über Abnehmer. Wer Glückswürmchen für kranke Kinder oder Erwachsene haben möchte, kann Brigitte Brach über ihre Facebookseite (https://www.facebook.com/biggi.brach.3) oder per Mail (lubye13@yahoo.de) kontaktieren. Die Würmchen müssen dort abgeholt werden.
Auf ihrem Computer öffnet die Seniorin eine lange Liste mit Einrichtungen, die schon Glückswürmchen bekommen haben: Kind im Mittelpunkt Dinslaken ist dabei, Gänseblümchen Voerde, Lebenshilfe-Gruppen, Kinder-Onkologien, Hospize, Kinderhospize bis ins Ruhrgebiet. Die Hälfte Würmchen für Weihnachten für Bewohner und Personal des Seniorenstifts hat sie auch schon gehäkelt. Sie wisse ja nicht, ob sie Weihnachten noch lebe, sagt sie - ein Scherz, hoffentlich. Auch das Frauenhaus Dinslaken bekommt noch Würmchen. Aber dann fehlen die Aufträge. „Dann hab ick hab bald jarnüscht mehr zu häkeln“, fürchtet Brigitte Brach. Wer also kranken Menschen Sorgen nehmen und Glück bringen möchte, kann sich melden - Brigitte Brach würde sich freuen. Und vielleicht hilft es ja: „Man muss dran glauben“, sagt die Seniorin.



