Der Volksmund weiß so manchen Spruch zu sagen, doch woher sie stammen, ist oft unbekannt. Geht es einem schlecht, spricht man von „vor die Hunde gehen“ – ein Spruch der aus dem Bergbau kommt, versichert der frühere Obersteiger Silvo Magerl. Und führt gleich den Beweis an: „Im englischen Bergbau zogen oft Kinder den hölzernen Kohlewagen, auch Hund genannt. In deutschen Bergwerken zogen diesen hingegen Bergleute, die ihren Soll nicht mehr schafften – sie gingen also vor den Hunden.“
26 NRZ-Leser folgten am Montagnachmittag auf Einladung ihrer Zeitung den Spuren vergangener Bergbauzeiten und erfuhren so manch Wissenswertes aber auch Kurioses: von den Klingonen beispielsweise. Da sah man große Fragezeichen auf den Gesichtern der lauschenden Leser. Klingonen – waren das nicht die Fremdlinge aus dem Star-Trek-Universum, die die Erde angriffen? Das sei richtig, erzählt Silvo Magerl, doch als sich die beiden Bergwerke Lohberg und Oberhausen-Osterfeld verbanden, sah man die Oberhausener als Eindringlinge, eben als Klingonen, an.
Die Führung am Montag begann im Ledigenheim mit einem kurzen Abriss über das Leben dort und in der benachbarten Siedlung, die eigens für die Bergbaufamilien nach dem Vorbild der englischen Gartenstadt durch die Brüder Thyssen errichtet wurde. Für die unverheirateten jungen Männer, so Magerl, gab es mehrere Optionen. Einerseits waren sie in Familien untergebracht, andererseits im Ledigenheim, so der ehemalige Obersteiger.
Woher kommt der Begriff „Steiger“?

Der Begriff „Steiger“ stamme ursprünglich aus dem Erzbergbau, wurde aber später im Kohlebergwerk übernommen. Dank des dritten Bildungswesens im Bergbau, habe auch ein Facharbeiter die Karriereleiter emporklettern können, erzählt Silvo Magerl. Er selber sei Schlosser gewesen, dann Facharbeiter unter Tage und habe schließlich vier Semester lang die Steigerschule besucht. Aufgrund seiner beruflichen Vorbildung als Schlosser sei er Maschinensteiger geworden. Später dann Reviersteiger und Obersteiger, die höchste Stufe, die man als Steiger erringen konnte. „Ein Steiger ist eigentlich ein Aufsichtsbeamter und hat zehn Arbeiter unter sich. Als Reviersteiger beaufsichtigte ich 120 Bergleute und 12 Steiger“, zählt Magerl auf.
Das Relief im Ledigenheim, von einem Bergmann geschaffen, stieß auf reges Interesse der Zuhörer. Es zeigt die Arbeit der Grubenwehr bei einem Brand unter Tage. Brände an sich, seien nicht gar so schlimm für die Männer unter Tage, die giftigen Gase, die dabei hervortreten aber umsomehr. Magerl erzählt von dem Brand 1906 in einem französischen Werk, bei denen Bergleute aus Deutschland halfen und für ihren Einsatz mit einem französischen Orden geehrt wurden. Der wiederum half ihnen, als sie gegen Reparationsleistungen nach dem Ersten Weltkrieg protestierten und inhaftiert wurden. „Ihre Frauen besannen sich auf diese Orden und brachten sie am Revers der Anzüge an, als ihre Männer vor Gericht standen“, erzählt Magerl. „Der Richter erkannte die Orden und sprach die Bergleute frei.“
Moschee im alten Konsum
Beim weiteren Spaziergang zum und übers Gelände berichtet Magerl vom Konsum, in dem heute eine Moschee untergebracht ist, von den Frauen, die vor dem Kasino standen und an Lohntagen ihre Männer abfingen, damit diese nicht alles Geld in Bier umsetzten und zeigt seien Zuhörern schließlich die renovierte Lohnhalle, die sich heute im Besitz der Caritas befindet. „Dort recht von uns war einst mein Büro“, deutet der Ex-Obersteiger auf eine Tür, „heute ist dort ein WC untergebracht.“
Er lenkt den Blick seiner Zuhörer auf das übergroße Fresko an der Wand der Lohnhalle. „Immer wenn Bergwerksdirektor Dr. Hoffmann sein Büro betrat, fiel sein Blick auf eine graue leere Wand“, berichtet Magerl. Das gefiel ihm so gar nicht und er regte an, diese leere Wand mit einem Fresko zu bestücken. „Nun war Dr. Hoffmann aber ein Pedant“, weiß Magerl, „der begutachtete die Fortschritte jeden Tag, stieg dabei selbst auf die Leiter und gab dem Künstler Anweisungen, wie zu verfahren sei.“ Die drei Säulen des Ruhrgebietes, Stahlarbeiter, Bergmann und Bauer, sollten darauf abgebildet werden. Bei der Enthüllung des Kunstwerkes meinte der Künstler dann wohl auch: „Das Fresko habe nicht ich gemacht, sondern Dr. Hoffmann.“
Informationen am Fuße des Förderturms, der, weil ein Unikat, erhalten blieb, zum damaligen Abtäufen mit neuestem Verfahren mit Gefriertechnik, zu den einzelnen geförderten Tonnen Kohle, zur Kohlenmischhalle bis hin zum Grubenwasser, das noch heute zum Rhein abgeleitet wird, gab es für die Gäste. 30 Grad warm ist es, zu schade, um nicht als Energie genutzt zu werden.
Auch die Zechenwerkstatt wurde besichtigt, bevor die Gäste verabschiedet wurden. „Tut mir leid, ich habe wieder überzogen und zu viel geredet“, entschuldigt sich Silvo Magerl. Freundliches Kopfschütteln war die Antwort. Im Gegenteil, meinten die NRZ-Leser unisono. Es hätte ruhig noch mehr sein dürfen, immerhin habe man viel Neues erfahren, dazu gespickt mit Anekdoten. Ein kurzweiliger Nachmittag, so die einhellige Meinung.


