Theater

Ein vergnüglicher Abend mit Molière am OHG in Dinslaken

Die Geste stimmt, aber welches Stück wird gespielt? Das Theater spielte Theater - voller Witz und Selbstironie. Das Neue Globe Theater zeigte das Stück „Streiche des Scapin“.

Die Geste stimmt, aber welches Stück wird gespielt? Das Theater spielte Theater - voller Witz und Selbstironie. Das Neue Globe Theater zeigte das Stück „Streiche des Scapin“.

Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Das aus der Shakespeare-Tradition kommende Neue Globe Theater bereitete dem Publikum im OHG in Dinslaken einen herrliches Vergnügen mit Molière.

Von jetzt auf gleich werden dem Theater die Bretter, die die Welt bedeuten, unter dem Boden weggezogen. Dafür braucht es kein Virus wie in diesen Tagen, es reicht auch schon eine Hofintrige. Moliére und seiner Truppe wurde das Dach über den Kopf quasi abgerissen und als Ersatz gibt es nur eine Bruchbude. Moliére mag innerlich toben, nach außen verpackt er seine Wut in geschliffene Worte mit spitzen Pointen. Jedoch: Er ist nicht allein. Für die Umsetzung seiner Ideen braucht er Schauspieler, die mitziehen. Und die fehlen ihm in seinem Ensemble ebenso wie die Zeit bis zur nächsten Premiere. Das Publikum stehe schon vor der Tür.

Nein! Es war bereits da. Und deshalb schlägt der von Witz und praller Spielfreude strotzende Molière-Abend des Neuen Globe Theaters am Dienstag in der Aula des OHG in Dinslaken nach einer halben Stunde um: Statt weitere Einblicke in die Probearbeit eines Stegreif-Barockensembles gibt es die an die Comedia dell’Arte angelehnten „Streiche des Scapin“.

Diesem Komödienklassiker „das Stegreifspiel von Versailles“ voranzustellen, war der Kunstgriff von Peter Lotschak, um die Handlung immer wieder zu unterbrechen, um mit Molières Ensemble – und nicht zu vergessen der tatkräftigen Unterstützung des Mäzens, dem Marquis de La Thorillière als Laiendarsteller (Dierk Prawdzik) – einen zeitlos aktuellen Blick auf die Nöte des freien Theaters zu werfen.

Der Lächerlichkeit preisgeben

„Die Aufgabe des Theaters ist es, Schwächen aufzudecken – nicht zu beschönigen“, weiß Molière. Und ebenso weiß er, was das Publikum möchte: lachen, unterhalten werden. Die Scherze dürfen derb sein, die Charaktere überzeichnet. Gerade denen, die im wirklichen Leben die großen Rollen spielen, darf der Scaramouche, jener Spießgeselle vom Kasperle, mal so richtig eins überbraten und sie in der Komödie der Lächerlichkeit preisgeben. „Molière“ selbst schlüpft in die Rolle jenes Scapin, dem gerissenen und etwas zwielichtigen Diener, der lügt, betrügt und dessen Streiche doch auch Gutes bewirken.

Der Kerl wird nämlich gebraucht. Von der Memme von einen Sohn Octave (Laurenz Wiegand), der sich nicht nur Hals über Kopf in die schöne, verwaiste Italienerin Giacinta verliebte, sondern sie prompt auch noch heiraten musste, ohne seinen Vater zu fragen. Der steht nun vor der Tür und kündigt das Kommen der vorbestimmten Auserwählten an.

Schelm zieht alle Register

Eine Katastrophe? Nicht mit Scapin. Der Schelm zieht alle Register - bis es zum Happy End für die Liebenden kommt und er nun selbst seine Haut retten muss. Bis dahin darf gelacht werden. Über einen Marquis, der nicht nur seinen Text abliest, sondern die Regieanweisungen mit dazu. Über die Mimik und die Posen von Alexander Jaschik, der als Schauspieler La Grange Octaves Diener spielt, der wiederum angestiftet von Scapin einen Räuberhauptmann mimt. Der rollt nicht nur wild mit den Augen, sondern gleich mit dem ganzen Kopf. Findet dieser Säbelrassler endlich den Bühnenausgang, erhält er vom Publikum Szenenapplaus.

Auch so ein Kabinettstückchen ist die Szene, in der Scapin den geizigen Vater seines Herrn in einen Sack steckt und als eine bunt gemischte Kompanie unter der Führung von Klaus Kinski verprügelt. Da hat „Molière“ selbst Spaß, es der Obrigkeit heimzuzahlen, auch wenn der Geschundene hinter den Schwindel kommt.

Aber so ist Theater: für einem Moment Wirklichkeit, dann fällt der Vorhang und die Schauspieler geben sich als solche zu erkennen. Das Ensemble des Neuen Globe Theaters warb zum Schluss um die Gunst des Publikums für das städtische Kulturprogramm. Eine Gunst, die der Truppe sicher war.

>> TOPAKTUELLE LIEBESERKLÄRUNG ANS THEATER

Die Premiere der „Streiche des Scapin“ in der Fassung des ehemaligen künstlerischen Leiters der Bad Hersfelder Festspiele Peter Lotschak fand bereits am 18. Mai 2018 statt.

Jedoch gerade angesichts der Nöte der Theaterbranche und der Kultur insgesamt in der aktuellen Corona-Situation war die Komödie als Liebeserklärung ans Theater topaktuell.

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