Toleranzprojekt

Voerde setzt ein Zeichen für ein friedliches Miteinander

Die Künstler Gregor Merten (l.) und Carmen Dietrich (4.v.l.) mit einigen der vielen Akteure und Bürgermeister Dirk Haarmann (4.v.r.) nach der Verlegung der Boden-Intarsie vor dem Eingang zum Helmut-Pakulat-Park.

Die Künstler Gregor Merten (l.) und Carmen Dietrich (4.v.l.) mit einigen der vielen Akteure und Bürgermeister Dirk Haarmann (4.v.r.) nach der Verlegung der Boden-Intarsie vor dem Eingang zum Helmut-Pakulat-Park.

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Voerde.  Der „Engel der Kulturen“, dessen Ziel die Förderung des interkulturellen und interreligiösen Dialogs ist, wurde in Voerde nun sichtbar verewigt.

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Mit vereinten Kräften halten die helfenden Hände die runde Platte und bewegen sie langsam in Richtung Boden, in den sie eingelassen werden soll. Einige Augenblicke später ist es dann vollbracht: Der „Engel der Kulturen“ – ein Kunstprojekt zur Förderung des interkulturellen und interreligiösen Dialoges – hat in der Mitte der Stadt Voerde einen festen Platz bekommen. Die Aktion, zu der sich am frühen Dienstagnachmittag fast 100 Menschen vor dem Eingang zum Helmut-Pakulat-Park versammelt haben, bildet den Höhepunkt des Projektes, das am Vormittag in Möllen in sein Finale gestartet und in den Wochen und Monaten zuvor von teilnehmenden Akteuren aus Schulen, Kitas, Kirchengemeinden, türkischen Kulturvereinen, Jugendzentren, diversen Netzwerken, Vereinen etc. vielfältig mit Leben gefüllt worden war.

Erdacht haben es Carmen Dietrich und Gregor Merten. Die beiden Künstler sind an dem Finaltag dabei, lassen die Menschen an dem Prozess der Verankerung des von ihnen geschaffenen Symbols immer wieder aktiv teilhaben. In temporärer, weil vergänglicher Form wird es als erstes in Möllen an zentraler Stelle hinterlassen: ein Bild aus Quarzsand, das den Engel der Kulturen zeigt. Dafür wird der schwere rollende Stahlring, in dem die Künstler die Symbole der drei abrahamitischen Weltreligionen Judentum (Stern), Christentum (Kreuz) und Islam (Halbmond) vereint und so zugeordnet haben, dass im Innern die Umrisse eines Engels sichtbar werden, auf den Boden gelegt und als Schablone genutzt.

In seiner Begrüßungsrede bezeichnet Jörg Rütten, der als Beigeordneter der Stadt unter anderem die Fachbereiche Soziales, Bildung und Kultur verantwortet, den „Engel der Kulturen“ als ein Symbol „für ein friedliches und respektvolles Miteinander der Menschen bei aller Unterschiedlichkeit von Herkunft, Kultur und Weltanschauung“. Zugleich sei das Projekt ein „Zeichen gegen Rechtsextremismus, Antisemitismus, Islamophobie und Fundamentalismus“. Rütten erinnert an das Frauenzentrum Voerde und dessen Frauen-AG Lokale Agenda, durch die der Anstoß kam, den „Engel der Kulturen“ nach Voerde zu holen.

Carmen Dietrich erläutert an der ersten Station in Möllen den Hintergrund der Kunstaktion: Mit dem „Engel der Kulturen“ solle ein Zeichen „für das friedliche Zusammenleben aller Kulturen und die Freiheit des Glaubens – beides erforderlich für ein Gelingen unserer globalisierten Gesellschaft“ – gesetzt werden. Um dieses Anliegen in einem klaren Symbol zum Ausdruck zu bringen, hätten sie vor mehr als zehn Jahren die Zeichen der drei abrahamitischen Weltreligionen zeichnerisch zueinander in Beziehung gesetzt, bis die für sie ideale Formation erreicht gewesen sei.

Die Umrisse des Engels entdeckten die Künstler erst nach ein paar Tagen

„Den sich dabei in der Mitte zufällig bildenden Engel entdeckten wir erst nach ein paar Tagen“, berichtet die Künstlerin. „In einer Zeit, in der zunehmend rechtslastige Parteien und Bewegungen mit Hass und Hetze die Gesellschaft

zu spalten versuchen, appelliert der ,Engel der Kulturen’ an unsere gemeinsame Verantwortung für den Erhalt des Friedens.“

Auch Imam Salih Akmansen ergreift in Möllen das Wort, Hasan Gördü übersetzt im Anschluss: „Als Muslime ist unser einziges Anliegen zu sehen, dass alle Menschen auf der Welt in Frieden und Wohlergehen leben. Es obliegt uns allen sicherzustellen, dass kein Mensch aufgrund seiner Religion oder Rasse benachteiligt, verfolgt, verbannt oder getötet wird. Weil alles von Gott Geschaffene geschützt werden muss.“

Den Schlusspunkt zum Auftakt der Kunstaktion in Möllen setzen Kinder der evangelischen Kindertagesstätte mit einem Lied über „Gottes Liebe“ und deren Leiterin Gaby Rohr mit von ihr vorgetragenen Gedanken zum Begriff „Engel“. Wenig später macht sich eine Gruppe mit der rollenden Stahlskulptur auf den Weg zu den nächsten Zwischenstationen, die vor dem Ziel angesteuert werden. An manchen ist der „Engel der Kulturen“ wie in Möllen auf Zeit hinterlassen: am Mahnmal Buschmannshof, an dessen Geschichte der Auschwitz-Projektkurs am Gymnasium Voerde erinnert, an der Kirche der katholischen Gemeinde St. Paulus, wo die Teilnehmer ein Friedensnetz knüpfen, und auf dem Hof der Comenius-Gesamtschule, die sich ebenfalls mit Beiträgen am Finale der Kunstaktion beteiligt.

Am Ziel wendet sich Bürgermeister Dirk Haarmann an die Teilnehmer: „Sie zeigen, dass Religionsfreiheit nicht nur ein Grundrecht in unserer Verfassung ist, sondern, dass diese eine Grundvoraussetzung für gegenseitiges Verständnis und ein friedliches Zusammenleben ist. Sie zeigen, dass in Voerde kein Platz ist für Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.“

Künstlerin richtet Appell an die Zuhörer

Den Appell, sich für die demokratische und humanistische Gesellschaft, „in der wir leben dürfen“, einzusetzen, formuliert Künstlerin Carmen Dietrich und bringt sodann auch das Thema des Klimawandels zur Sprache – verbunden mit der Erinnerung an die „besondere Verantwortung der Religionsgemeinschaften, für den Erhalt der Schöpfung“ einzutreten.

Als Überraschungsgast beteiligt sich Leo Litz, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, an der, wie er sagt, „wunderbaren“ Aktion „Engel der Kulturen“, unterhält kurzweilig mit humorvollen Beiträgen und mit Musik, bindet die Zuhörer mit ein – und sagt auch den Satz: „Ohne Frieden, ohne Shalom, schaffen wir das nicht.“

Der Ring zu der Boden-Intarsie, die nun vor dem Eingang zum Helmut-Pakulat-Park liegt und den „Engel der Kulturen“ damit in Voerde sichtbar verewigt hat, wurde vor einigen Tagen in Gelsenkirchen hergestellt und später dann im Atelier der Künstler mit blau eingefärbtem Beton ausgegossen und so zu der Platte weiterverarbeitet. Das gleiche geschieht an diesem Dienstag in Voerde: Gregor Merten brennt mit verschiedenen Helfern – auch Bürgermeister Dirk Haarmann setzt den Schneidbrenner an – den Ring aus Stahl für die nächste Stadt aus, die sich an der Kunstaktion beteiligt. Zum Schluss werden beide Teile mit einem Vorschlaghammer getrennt. Die innere Form wird eine weite Reise antreten. Sie soll Teil der „Engel-der-Kulturen“-Säule sein, die 2021 in der Altstadt von Jerusalem aufgestellt wird.

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