Verstorbene Flüchtlinge

Totenlesung in Dinslaken: „Jeder Name ist einer zu viel“

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Auch Bürgermeisterin Michaela Eislöffel nahm in der Evangelischen Stadtkirche an der Totenlesung teil. Das Mahnmal aus Holz stammt von Bildhauerin Brele Scholz.

Auch Bürgermeisterin Michaela Eislöffel nahm in der Evangelischen Stadtkirche an der Totenlesung teil. Das Mahnmal aus Holz stammt von Bildhauerin Brele Scholz.

Foto: Markus Joosten / FUNKE Foto Services

Dinslaken.  Kirchengemeinden in Dinslaken und der Flüchtlingsrat gedachten am Samstag mit einer Totenlesung der auf der Flucht gestorbenen Flüchtlinge.

35.500 Menschen sind seit 1993 auf der Flucht aus ihren Heimatländern nach Deutschland und andere Staaten der Europäischen Union gestorben. 1600 Tode kamen allein 2021 dazu. Und vermutlich liegt diese Zahl noch höher. Um den Menschen einen Namen, eine Herkunft und eine Erinnerung zu widmen, wurden am Samstag in der Evangelischen Stadtkirche und in der Kirche St. Vincentius die Namen der ums Leben gekommenen Geflüchteten vorgelesen.

Zum zweiten Mal wiesen die Kirchengemeinden in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingsrat auf die Schicksale derer hin, die sich auf den zum Teil langen und gefährlichen Weg nach Europa gemacht haben und diesen nicht überlebten.

Zehn Stunden lang lasen verschiedene Personen die Namen abwechselnd in den beiden Stadtkirchen vor. Auch Bürgermeisterin Michaela Eislöffel nahm an der Totenlesung teil. Für sie sei es selbstverständlich als Mensch, beim Gedenken für Geflüchtete dabei zu sein. Nicht nur wurden Name, Alter und Herkunft der Geflüchteten vorgelesen, sofern sie dokumentiert werden konnten, sondern auch die Todesursachen. Darunter: 58 chinesische Flüchtlinge, erstickt in einem Lkw auf dem Weg nach England, ein sechs Monate altes Kleinkind, zurückgelassen von vor der italienischen Polizei fliehenden Schleppern, oder ein zweijähriger Junge mit seinem dreijährigen Bruder, beide verbrannt beim Brand in einer deutschen Flüchtlingsunterkunft.

Die Besucher waren ebenso wie die Personen, die die Namen vortrugen, sichtlich betroffen von den Geschichten, die hinter jedem Toten verborgen waren. Manche von ihnen hielten kurz inne und setzten sich für wenige Minuten in die Kirche, andere behielten länger Platz. Über die rege Anteilnahme aus der Dinslakener Bürgerschaft zeigte sich Bärbel Radmacher, Sprecherin des Flüchtlingsrates, positiv in der Arbeit des Flüchtlingsrates bestätigt. Der Flüchtlingsrat unterstützt seit 1990 nach Dinslaken geflüchtete Menschen beim Fußfassen in der deutschen Gesellschaft.

Bärbel Radmacher kritisierte auch mit Blick auf die derzeitige Situation an der polnischen Grenze, dass man vergessen hätte, menschlich zu sein und das Recht auf Asyl endlich wieder ausgeübt werden müsse. Mit dem Blick auf Dinslaken gerichtet, betonte die Sprecherin des Flüchtlingsrates zum einen die große Bereitschaft der Dinslakener, den Flüchtlingsrat durch Spenden zu unterstützen, bat aber auch die Stadt um mehr Hilfe für die Arbeit des Flüchtlingsrates.

Radmacher erhofft sich, dass durch Aktionen wie die Totenlesung, das Thema Integration auch in Dinslaken höher priorisiert werden wird. Denn jeder Name, der am Samstag vorgelesen wurde, sei einer zu viel.

Die Gründung

Im Jahre 1990 gründete sich aus Mitgliedern der evangelischen und katholischen Gemeinden der Flüchtlingsrat. Der Brandanschlag 1991 in Hünxe auf ein Asylbewerberheim ließ die Gruppe in ihrem Engagement immer stärker werden. 1993 kam es sogar zu einem Kirchenasyl für eine kurdische Familie in den Räumen der Erlöserkirche.

Von Anfang an wurde vom Flüchtlingsrat die Kleiderstube in der Fliehburg aufgebaut, die bis heute existiert.

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