Symphoniker-Konzert

80 mystische Minuten in der Düsseldorfer Tonhalle

Seit Wochen waren die Karten für das Jugendstil-Musik-Spektakel ausverkauft.

Foto: Roloff

Seit Wochen waren die Karten für das Jugendstil-Musik-Spektakel ausverkauft. Foto: Roloff

Düsseldorf.   Adam Fischer versucht sich bei „Mahlers Achte“ weniger als Gipfelstürmer denn als behutsamer Maestro. Und er wird dafür vom Publikum gefeiert.

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Platz ist in der kleinsten Hütte. Die Tonhalle ist zwar alles andere als eine kleine ‚Hütte’. Doch an diesen Spruch denkt mancher, sobald die große Symphoniker-Besetzung, vier Chöre (darunter Musikverein und Clara-Schumann-Jugendchor) und sieben Solisten das Podium und die Tonhallen-Ränge betreten. Mahlers Achte – „Symphonie der Tausend“ genannt, hier zwar ‚nur’ mit 450 Musikern und Sängern – kann das in Düsseldorfs Klangtempel funktionieren? Wird das nicht ein Riesen-Klangbrei? Unkenrufe wie diese kennt man, selbst von Mahler-Spezialisten, die dieses Ausnahme-Opus meiden, da es leicht in Gigantomanie ausarten kann.

Karten waren seit Wochen ausverkauft

Doch Adam Fischer versucht’s. Weniger als Gipfelstürmer denn als behutsamer Maestro, der Hunderte von Mitwirkenden geschickt platziert und alle im Blick behält. Er reizt die Akustik des Kuppelbaus und die Sangeskunst der Chöre und Solisten aus, geht an die Grenze, manchmal darüber hinaus. Am Ende des letzten Abokonzerts der Saison („Sternzeichen“) wurde er nach gut 80 sakral mystischer Mahler-Minuten von jubelndem Publikum gefeiert.

Seit Wochen waren die Karten für dieses Jugendstil-Musik-Spektakel ausverkauft. Selbst die Generalprobe. Sie musste für Zuschauer geöffnet werden, da Seiten-Ränge von Ausführenden besetzt sind, genauer: vom Philharmonischen Chor Bonn und von der exquisit timbrierten Kölner Kartäuser-Kantorei. Ausnahme-Zustand herrscht bei dieser „symphonischen Riesenschwarte“ (Adorno-Zitat), die 1910 in der Münchener Musik-Festhalle mit 3200 Zuschauerplätzen uraufgeführt wurde. Vielleicht wären heute ja Industriehallen wie die Böhler-Werke eher für dieses Opus Maximum geeignet.

Das ganze Universum muss tönen und klingen

Der Tondichter wollte, dass in seiner Achten (einer „Messe“) „das ganze Universum zu tönen und klingen beginnt und es nicht mehr menschliche Stimmen sind, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen“. Genauer lässt sich der in Strecken überirdische Sound kaum beschreiben. Zu Beginn ein Strahlen: Im lateinisch mittelalterlichen Pfingst-Hymnus „Veni creator spiritus“ drehen die Chöre auf, stehen im Wettstreit und überlagern manchmal die sich gewaltig aufbäumenden Symphoniker mit großer Blechbläser-Besetzung. Allein acht Hörner und vier Trompeten und vier Posaunen sind im Einsatz, hinzukommen Fanfaren, die später vom Rang ihre feierlichen Rufe in die Kuppel senden.

Im zweiten Teil - der finalen Bergschlucht-Szene aus Goethes „Faust II“ – vereinen sich der Chor der seligen Knaben mit dem der jüngeren und vollendeten Engel. Hinzu treten Figuren mit großartigen Stimmen - wie Gretchen (Sopran: Polina Pastirchak) und Doctor Marianus (Tenor: Neal Cooper), die mit opernhafter Durchschlagskraft und geradlinig geführter Stimmen über Chöre und Orchester hinweg gleiten. Fischer führt durch anschwellende und gehauchte Chorpassagen mit Tempo und Feinschliff, ringt um Balance. Erhebend jedenfalls das Finale mit dem Chorus Mysticus „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, in dem es um die Endlichkeit des Menschen geht. Nicht erst hier kommt der Gedanke: Passt dieses Werk in unseren Dauersommer 2018? Wäre es nicht besser aufgehoben in der Vor-Osterzeit oder in dunklen Novembertagen?

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