Jubiläum

„Das ist hier mein Leben“

Geschäftsführer Dr. Stefan Jürging vor dem Savoy-Theater auf der Graf-Adolf-Straße in Düsseldorf am 29.09.2010. Foto: Lars Heidrich

Geschäftsführer Dr. Stefan Jürging vor dem Savoy-Theater auf der Graf-Adolf-Straße in Düsseldorf am 29.09.2010. Foto: Lars Heidrich

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Düsseldorf. Der Korken fehlt. Stefan Jürging sieht es mit einem Blick. Vermutlich ist die Flasche Weißwein gestern Abend stehengeblieben und dann einfach so im Kühlschrank gelandet. Ein gastronomischer Fauxpas. „Wie kann das sein?“, wundert sich Jürging. Der Mitarbeiter zuckt mit den Achseln. Dann eben nicht.

Jürgen nimmt die Flasche heraus, verschließt sie ordentlich, stellt sie zurück. Selbständig sein, das bedeutet eben selbst und ständig. Das weiß der studierte Musikwissenschaftler und Anglist nach zehn Jahren Theaterleitung nur zu gut. Und hinter dem Tresen im Foyer seines Savoy fühlt er sich ohnehin wohl. „Hier kann ich immer gut sehen, wie die Leute drauf sind.“

Erfahrung und
Selbstbewusstsein

Heute Abend wird als Jubiläumsgast Tim Fischer mit seinem Hildegard-Knef-Konzert erwartet - der Künstler, mit dem alles begann. Jürging erinnert sich genau. Am 27. September 2000 war’s, da eröffnete er an der Graf-Adolf-Straße mit Fischer als erstem Künstler - bald kamen Götz Alsmann und Georgette Dee. Denn Beziehungen hatte Jürging von Anfang an, außerdem das nötige Selbstbewusstsein. „Ich wusste, dass das Konzept, das ich im Kopf hatte, fehlt.“

Hat er ja recht behalten. Damals gab es in Düsseldorf keine Bühne wie das Savoy Theater. Eine für anspruchsvolle Unterhaltung, für Konzerte, Kabarett, Lesungen und Theater, ein Saal mittlerer Größe; 500 Zuschauer passen hinein. Und Erfahrung brachte der heute 44-Jährige ohnehin mit. Schon mit 13 klebte er Konzertplakate, als Veranstalter arbeitete er erst bei kleinen Labels wie Blitzmusik, später 15 Jahre bei Heinersdorff. Was blieb, sind die Kontakte. Jürging pflegt mit vielen Künstlern engen Umgang, die meisten kommen wieder, auch „weil ihnen das Theater so gut gefällt.“ Ulrich Tukur etwa findet Jürging „richtig nett“, Otto Sander kehrt immer gern zurück. Im Januar wird zum ersten Mal der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Bruno Ganz erwartet. Und überhaupt: „Ich freue mich über jeden Abend, den wir spielen.“

Die Sache mit
dem Taxi-Trick

Keiner, sagt er, habe gedacht, dass er sich so lange hält. Zehn Jahre - das ist im Business eine halbe Ewigkeit. Jürging bewies eine gute Nase für das richtige Timing, als er damals zugriff. Es war die Zeit des Kino-Sterbens, an der Graf-Adolf-Straße standen viele Lichtspielhäuser leer. Jürging fand das traurig. Und er sah die Chance. Er verhandelte mit der UFA, begutachtete Universum und Europa, fand beide unzureichend, „die Lage, die Ausstattung.“ Dann das Savoy. Liebe auf den ersten Blick. Eine, die hält und im Laufe der Jahre noch wuchs.

Zweimal hatte er richtig Angst, erzählt Jürging. Bei der Eröffnung. Und 2005, als die UFA pleite ging. Schließen oder kaufen, eine Alternative gab es nicht. Jürging entschloss sich zu kaufen. Reine Nervensache. Im Nachhinein weiß er, dass es wieder der richtige Zeitpunkt war. „Der Laden lief gut. Vorher hätte mir keine Bank den Kredit gegeben.“ Was er gezahlt hat, sagt er nicht. Da schweigt er eisern, der sonst so gesprächige Theaterleiter.

Bereut hat er es nicht, keine der schlaflosen Nächte. 2006 pachtete die Filmkunstkino GmbH das Kino im Savoy - mit ins Boot kam außerdem ein Freund, der das Hotel Stage 47 im Vorderhaus eröffnete. Hier übernachten heute auch viele der Künstler.

Jürging wirkt zufrieden. Ihm macht sein Theater immer noch einen Riesenspaß. „Das ist hier mein Leben.“ Weil er seine Künstler liebt und sein Publikum. Weil inzwischen 140 Vorstellungen pro Jahr auf dem Spielplan stehen, weil das Savoy jährlich über 50 000 Menschen zur sonst so tristen Graf-Adolf-Straße lockt („Die Gastronomen lieben uns“). Weil ihn sein Konzept trägt, noch immer - und obwohl er dabei nicht reich wird. Und weil sein „Taxi-Trick“ inzwischen funktioniert. Früher hat sich Jürging in ein Taxi gesetzt, „Zum Savoy“ gesagt und sich dann geärgert, als sich der Fahrer wunderte: ‘Kenn’ ich nicht. Ist das nicht ein Kino!?’ Heute wird er ohne Nachfragen ins Theater gebracht. Da grinst er zufrieden, ganz kurz nur, weil in diesem Moment der Heizungsmonteur im Foyer erscheint. Ob er die Heizung schon mal anstellen soll? Wer weiß schon wie das Wetter wird. Jürging nickt trotzdem. Einfach den Chef fragen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben