Porträt

Die Waschküche war sein erstes Atelier

Foto: NRZ

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Bildhauer Bert Gerresheim bekam von Otto Pankok ein merkwürdiges Kompliment. Die NRZ sprach mit Gerresheim.

Sein Heine-Monument am Schwanenmarkt hat ihn 1981 weithin bekannt gemacht. Und schier endlose Diskussionen ausgelöst. Denn Bert Gerresheim, einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer, hat den großen Sohn der Stadt nicht als genialen Jüngling, sondern als toten Dichter dargestellt. Ein Heine, der nicht nur an körperlichen Schmerzen, sondern auch an Deutschland litt. 61 Mal habe er bisher Besuchergruppen zu diesem zerrissenen Gesichtsgebirge geführt, sagt er. Nein, es wird ihm nicht zuviel.

Das verbotene Buch

im Küchenschrank

„Seinen“ Heine kennt Gerresheim von Kindesbeinen an. Er las und hörte ihn, als er noch von den Nazis verboten war. „Meine Mutter hatte das „Buch der Lieder“ im Küchenschrank, als eine Art Hauspostille“, erinnert er sich. „Aber wenn der Blockwart kam, verschwand das Buch und wurde gegen ein unverdächtiges ausgetauscht.“

Gerresheim sitzt in seiner Werkstatt an der Hüttenstraße, umgeben von gesammelten Kunstwerken und verhüllten Entwürfen. Und plaudert. Rheinische Erzählfreude ist ihm angeboren. In seinen Bronze-Skulpturen stellt er menschliche Schicksale dar. Was er mit den Händen formt, sind Fragen, keine Antworten. Risse, Brüche und Verschiebungen führen zu unbequemen Betrachtungsweisen. „Er stellt unsere Denkmalerwartung auf den Kopf“, sagen Kunstkritiker.

Kakteen-Gießen

im Pfarrhaus?

Als Hubert Gerresheim 1935 geboren, stammt er - wie Hein-rich Heine - aus der Altstadt und wurde umgehend in St. Lambertus getauft, „weil ich nicht richtig atmen wollte.“ Der Vater war Transportun-ternehmer, die Mutter be-schreibt er als „vollblütige Rheinländerin”. Die schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als der Sohn erklärte, er wolle Priester werden. „Dann soll ich wohl im Pfarrhaus die Kakteen gießen?” entfuhr es ihr. Sie sah sich schon in der Rolle der Haushälterin.

Aber die Aufregung war un-nötig. Denn inzwischen hatte sich Gerresheim längst für die Kunst entschieden. Er zeich-nete leidenschaftlich gern, war aber unsicher, ob sein Talent groß genug war. So fasste sich der 16-Jährige eines Tages ein Herz und zeigte seine Bilder Otto Pankok. Der vollbärtige Akademieprofessor ging damals täglich am Haus der Gerresheims vorbei, die mittlerweile an der Brend'amourstraße in Oberkassel wohnten. Pankok sah sich die Zeichnungen an und machte dem schüchternen jungen Mann ein eigenwilliges Kompliment: „Künstler sind Sie schon. Sie können nur noch nichts.”

Das Feuer war entfacht. Der Gymnasiast bewunderte den großen Pankok, nahm ihn zum Vorbild. „Ich eignete mir seine Sichtweise an, eine Zeitlang malte ich sogar wie er.” Als Student zog er mit den Eltern nach Gerresheim, die an der Pfeifferstraße ein Haus gekauft hatten. Die Waschküche im Keller wurde sein erstes Atelier. Seine Puppen, wie er die frühen Skulpturen nennt, sind dort im elterlichen Garten vergraben. Angeblich.

„Geh zur Post

oder werde Lehrer”

Zusammen mit Günther Uecker und German Becerra studierte er an der Kunstakademie, danach an der Uni Köln die Fächer Kunstgeschichte, Archäologie und Germanistik. Denn in erster Linie brauchte er einen Brotberuf. Und befolgte den Rat seiner Mutter, die realistisch feststellte: „Fürs Geschäft taugst Du nicht. Geh zur Post oder werde Lehrer.”

So legte Gerresheim zunächst das Staatsexamen für das künstlerische Lehramt ab und kam zum Lessing-Gymnasium, unterrichtete Deutsch und Kunst, wurde Studiendirektor. Als Kunstpauker war Heinz Mack sein Vorgänger. „Der hinterließ ein Chaos und ebnete mir so den Weg. Denn mein eigenes Chaos wirkte dagegen ordentlich.” In der Gipsmontur des Bildhauers pendelte der Künstler zwischen Schule und Werkstatt hin und her. Eine feine weiße Gipsspur zeigte, wo er sich gerade aufhielt.

Ehemalige Schüler erzählen gern, dass sie jederzeit ihren Kummer bei ihm abladen konnten. Er war ein guter Zuhörer, und sein Einfühlungsvermögen machte ihn zu einer Art Seelsorger. Ein Schüler von damals: „Der einzige Religions-unterricht war Ihr Kunstunter-richt.”

Zu den schönsten Inseln sei-ner Erinnerung gehört eine Fahrt nach Paris, die der 15-Jährige mit seinem Vater unternahm. „Damals habe ich Auguste Rodins „Hölle” das erste Mal gesehen und war fasziniert.” Er hatte sein zweites Vorbild gefunden. In Düsseldorf kam es zu legendären Begegnungen mit der schon sehr betagten Johanna Ey und ihrem rebellischen Künstlerkreis. Gerresheim geriet in die Nähe zum Surrealismus, lernte Otto Dix und Max Ernst kennen. Stipendien führten ihn nach Rom und Florenz.

Über die deutschen Mystiker fand er zur eigenen tiefen Religiosität. Seitdem setzt er sich intensiv mit christlichen Themen auseinander, fertigt bronzene Körperteile im Stil mittelalterlicher Reliquiare. Allein Kevelaer besitzt 50 seiner Werke.

Henricus, der

Glockengießer

Mit einer neuen Skulptur sorgt er nun dafür, dass Heinrich Heine in die Walhalla bei Regensburg einzieht. Und für Berlin lässt Gerresheim soeben eine Edith-Stein-Büste in Bronze gießen. Bronze überdauert. So wie die Glocken von St. Margareta, an denen ein Henricus von Gerresheim, sein Vorfahr aus dem Mittelalter, beteiligt gewesen sein soll.

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