Menschenrechte

Düsseldorfer geben Gefangenen seit 50 Jahren ein Gesicht

Mitglieder bei Amnesty:  Andrea Hanninger und Michael Mummel.   

Mitglieder bei Amnesty:  Andrea Hanninger und Michael Mummel.   

Foto: Anne Grotjohann

Düsseldorf.   Mit Briefen und Eil-Aktionen für die Freilassung von Gefangenen: Die Düsseldorfer Amnesty-International-Gruppe besteht seit 50 Jahren.

Die Iranerin Atena Daemi demonstrierte gegen die Todesstrafe – und ist seit 2014 im Gefängnis. Nawal Benaissa mahnte in ihrer Heimat Marokko friedlich soziale Verbesserungen an. Sie wird seit anderthalb Jahren schikaniert und überwacht.

Amnesty International gibt Menschen, die für ihre Grundrechte kämpfen, ein Gesicht: In der Geschäftsstelle an der Grafenberger Allee liegen Protestschreiben aus mit den Porträts der Inhaftierten und Bedrohten, unter die jeder seine Adresse und Unterschrift setzen kann und so seine Solidarität zeigt.

Briefe an die Machthaber

„Ja, der Einsatz für einzelne inhaftierte oder bedrohte Personen ist ein Grundpfeiler unserer Arbeit“, sagt Michael Mummel, 61. Seit 1996 arbeitet er ehrenamtlich in einer der zwölf Amnesty-International-Teams im Bezirk Düsseldorf. „Wir adressieren die Briefe zum Beispiel an Politiker der jeweiligen Region, zuständige Staatsanwälte und leitende Polizeibeamte, weisen auf die juristisch haltlosen Beschuldigungen hin und fordern die Freilassung.“ Diese Vordrucke sollen zugleich Anregung sein für jeden, einen individuellen Brief an die Verantwortlichen zu schreiben.

Jedes Düsseldorfer Amnesty-Team hat einen anderen Schwerpunkt, zum Beispiel den Einsatz für Geflüchtete oder gegen Menschenrechts-Verletzungen in Westafrika. Michael Mummel gehört zur Gruppe 1004: Dieser Kreis hat im Oktober sein 50-jähriges Bestehen gefeiert – und ist damit eine der ältesten Ableger der Menschenrechts-Organisation in Deutschland. Gruppensprecherin Andrea Hanninger: „Wir engagieren uns vor allem für Rechte von Frauen und LGBTI.“ Die Abkürzung steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle; viele werden in ihren Heimatländern eingeschüchtert und drangsaliert.

Protest gegen Verletzung von Menschenrechten

Die 39-Jährige skizziert die Geschichte der Mexikanerin Verónica Razo, die ihr Team betreut: „Sie ist seit mehr als sechs Jahren ohne Gerichtsprozess in Haft, weil sie eine Entführung und andere Straftaten begangen haben soll.“ Doch Amnesty habe den Fall recherchiert und keine Hinweise darauf gefunden, dass Razo diese Straftaten begangen hat. „Im Gefängnis wurde sie vergewaltigt und gefoltert.“

Amnesty steht zum Beispiel über Anwälte in Verbindung mit den Gefangenen – und unterstützt die Inhaftierten mit ihren Schreiben auch moralisch: Der äthiopische Journalist Eskinder Nega kam im April nach sieben Jahren Haft frei und schrieb an seine Helfer: „Nichts ist mächtiger als das geschriebene Wort.“ Und auch: „Selbst in der dunkelsten Zelle wusste ich, dass Organisationen wie Amnesty International für mich eintraten. Das zu wissen, war sehr wichtig.“

Wenn Amnesty erfährt, dass Menschen akut bedroht sind, etwa von Folter oder Todesstrafe, starten die Mitglieder sogenannte Eilaktionen. Binnen kürzester Zeit senden Menschen weltweit und massenhaft Briefe, Faxe, E-Mails und Twitter-Nachrichten an die zuständigen Regierungen und Behörden. Diese Aufmerksamkeit rettet oft Menschenleben: Rund 35 Prozent aller Eilaktionen haben Erfolg. „In Düsseldorf haben wir etwa 150 Eilaktion-Unterstützer“, sagt Michael Mummel. Ungefähr 10.000 sind es deutschlandweit.

Mitglieder von jung bis alt

Über ihre Arbeit informiert Amnesty Düsseldorf auch mit Vorträgen in Schulen und an Ständen auf Konzerten, Festivals oder in Fußgängerzonen. Die Organisation finanziert ihre Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit allein durch Beiträge und Spenden. „Wir arbeiten alle ehrenamtlich“, so Michael Mummel. Die Jüngste in seiner Gruppe ist 17, der älteste Mitte 80.

„Auch wenn es manchmal Jahre dauert – wir sehen, dass wir mit unserer Arbeit Freilassungen bewirken können“, ergänzt Andrea Hanninger. „Diese Erfolge treiben uns an, weiterzumachen.“ Wie kam sie zu Amnesty? „Ich hatte schon lange gespendet, doch wollte mich dann auch ganz persönlich einsetzen. Und mich interessierten auch die Menschen hier bei Amnesty, denen Menschenrechte genauso wichtig sind wie mir.“ Und Michael Mummel erinnert sich: „Ich hatte eine Sendung über die Befreiung eines Konzentrationslagers gesehen, die mich sehr beeindruckt hat. Mir kam der Gedanke, dass ich so etwas nie wieder erleben möchte.“

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