Punkrock

Jonny Bauer und die Suche nach der Unvollkommenheit

Carsten Johannisbauer, der auch Jonny Bauer ist: „Das Bikinimodel, wie es da so liegt: langweilig.

Foto: Wappner

Carsten Johannisbauer, der auch Jonny Bauer ist: „Das Bikinimodel, wie es da so liegt: langweilig. Foto: Wappner

Düsseldorf.   Der Düsseldorfer Carsten Johannisbauer ist Grafiker, Punksänger, Dozent, neuerdings Buchautor: „Scheiternhaufen“ bietet astreine Unterhaltung.

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Hauptberuflich Grafiker, nochmal hauptberuflich: Texter und Sänger von Deutschlands bester Punkband Oiro. Dazu: Dozent an der Hochschule Düsseldorf für Gestaltung und Stadtsoziologie, Projekteverwirklicher (Freiraum für Bewegung), Theaterregisseur, Mitgründer des Vereins Metzgerei Schnitzel, Kinderbuchschreiber, Artikelverfasser in etlichen Fanzines, Eingetragener im Guinnessbuch der Rekorde mit dem szenografischen Kunstwerk „Die längste vegetarische Wurst“. Dann noch: Kneipenkind, Hausbesetzer, Familienvater, Edelmann – Carsten Johannisbauer, der sich Jonny Bauer nennt, hat seit Ende der 80er Jahre schon so viel auf die Beine gestellt, dass er selbst vom Holz auf den Stock kommt, wenn er so von sich erzählt. Und jetzt hat der 46-Jährige, der nie aus Düsseldorf weggegangen ist und den gute Bekannte liebevoll „Cacke“ rufen, auch noch einen Roman am Start. „Scheiternhaufen“ (Besprechung siehe unten) handelt von einer rheinischen Filmcrew, die eine Ramones-Imitationsband nach Buenos Aires begleitet und damit große Kasse machen will. Der geübte Leser weiß nach wenigen Seiten: Das wird nix. Doch die Truppe bewahrt bis zum Ende das wichtigste: nämlich Würde und Haltung. Der Stoff bietet astreine Unterhaltung. Die NRZ traf Autor Jonny Bauer, den Flaneur unter den Straßenkötern, zum Sommerinterview in einem Hinterhof in Flingern.

Was ist am Scheitern sexy?

Scheitern ist immens wichtig. Und wenn Du nichts versuchst, kannst du auch nicht scheitern. Scheitern ist interessant, denn alles andere ist doch zu glatt. Nimm als Beispiel eine H&M-Werbung. Das Bikinimodel, wie es da so liegt: langweilig. Wenn aber der Plakatierer Kopf und Beine des Models vertauscht, wird es durch den Fehler interessant. Gute Kunst kann nur durch Unvollkommenheit entstehen. Gegen den Mainstream Dinge auszuprobieren, hat immer mit Scheitern zu tun, weil man sie nicht so macht, wie es die Leute erwarten. Es gibt nichts Öderes, als nach Perfektionen zu streben und sich immer alles noch größer zu denken.

Im Roman passieren ja viele solcher Dinge. So genannten Szeneleuten kommt das alles bekannt vor. Beruht der Stoff auf wahren Begebenheiten?

Es gibt einige Dinge, die so passiert sind, mehr sag’ ich dazu nicht. Das Buch ist eine Mischung aus wahren Begebenheiten und meiner Fantasie. Es gibt Buenos Aires und es gab die Ramones und natürlich gibt es Coverbands. Sorry, ich meine natürlich Imitationsbands.

Aber es wird schon klar: Der Autor Jonny Bauer hält nicht viel von Coverbands…

Das stimmt, ich finde Coverbands echt schrecklich. Ich verstehe auch nicht, was es einem bringt, Songs von anderen nachzuspielen, die Kleider von anderen zu tragen.

Und die echten Ramones?

Na ja, die sind ja schon deshalb interessant gewesen, weil sie jahrelang nicht miteinander gesprochen haben. Aber ich hatte genau eine Platte von den Ramones, in der Schule, „It’s alive“, die habe ich sehr geliebt. Aber das war’s dann auch. Bubblegumpop und Garagepunk war nie so mein Fall, ich bin dann sehr schnell zu den Dead Kennedys und anderem härteren Zeug gewechselt.

Du bist ja auch selbst noch Musiker. Seit mehr als zehn Jahren ist Deine Band Oiro in der Punkszene unterwegs und besitzt eine große Fangemeinde. Ist es schwerer, ein Buch zu schreiben oder Songs zu texten?

Ganz klar: Songtexte sind schwieriger, weil man in der Regel mit wenigen Worten und Sätzen viel ausdrücken möchte, außerdem muss es auf die Musik passen, jedenfalls manchmal. Bei dem Buch habe ich drauflos geschrieben, und dann füllte sich eine Seite nach der anderen. Ich wusste nicht, ob ich das kann. Aber ich wollte es versuchen, weil ich Bücher schreiben möchte. Und als das Buch dann fertig war, haben mir viele gratuliert. Mir hat noch nie jemand gratuliert, nachdem wir eine Platte heraus gebracht haben – als wenn so ein Buch alles wäre. Ich habe mich ausprobiert mit dem Roman. Hab getestet, ob ich das kann.

Ein literarischer Soundcheck.

Ja, genau, literarischer Soundcheck, kann man so sagen.

Und wie man hört, verkauft sich „Scheiternhaufen“ gut. Das heißt die Generalprobe hat hingehauen. Und jetzt? Machst Du weiter mit Büchern?

Ja, tatsächlich, ich arbeite aktuell an meinem zweiten Buch. Wieder ein Roman, es geht um Gentrifizierung, ein Thema, das mir am Herzen liegt. In unserem Projekt Freiraum für Bewegung ging es vor Jahren genau darum, also kreative Kulturkritik an der Stadt zu üben. Das wäre eine Chance gewesen auch für junge Leute, was zu machen. Aber wenn man ehrlich ist, haben da nur diejenigen Kunstschaffenden mitgewirkt, die eh schon seit Ewigkeiten was machen in der Stadt. Wir haben geglaubt: Da das Thema alle angeht, kann das eine große Bewegung werden, wir wollten nur Initialzünder sein, aber es hat sich dann im Sande verlaufen. Ich war dann raus, auch weil ich nicht mehr so viel organisieren wollte, sondern auch wieder etwas Künstlerisches. Daher auch das Buchschreiben jetzt.

Spielt die Handlung Deines zweiten Romans auch zum Teil in Düsseldorf? Du hast ja in „Scheiternhaufen“ Kneipenwirtin Moni vom Fortuna-Eck in Flingern ein ganzes Kapitel gewidmet.

Nein, im neuen Roman wird Düsseldorf keine Rolle spielen. Diesmal pendeln die Protagonisten zwischen Hamburg und Istanbul. Mehr verrate ich noch nicht. Aber was Moni betrifft, das war mir schon wichtig, dass ich mich irgendwie bei ihr bedanke. Ich habe bei ihr in der Kneipe viele gute Stunden verbracht. Letztens hat mich Monis Tochter per Whats App kontaktiert. Sie seien gerade im Urlaub in Italien und sie würde ihrer Mama gerade aus meinen Buch vorlesen. Das fand ich wunderbar.

Willst du eigentlich mal ganz Mainstream mäßig als Buchautor berühmt werden? Oder gar reich?

Also die Leute sollen mein Buch schon kaufen, da habe ich nichts dagegen. Und wenn ich dafür Geld bekomme, ist das auch gut. Aber reich und berühmt? Lass mal.

Lesereise und Singleaufnahme

Jonny Bauer wird im Herbst auf eine Lesereise gehen, in der er aus „Scheiternhaufen“ zitiert. Seine Band Oiro wird im Oktober eine neue Single aufnehmen. Die letzte Platte „Meteoriten der großen Idee“ erschien 2016 auf Flight 13 Records. Internet: www.mofapunks.de www.mofapunks.de

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