Gedenken

Sieben Tote bei der Pogromnacht in Hilden 1938

Der Gedenkstein im Stadtpark Hilden, Hier legt Bürgermeister Horst Thiele am 9. November um 17.15 Uhr einen Kranz nieder. Fotos: NRZ-Autor Manfred Demmer

Der Gedenkstein im Stadtpark Hilden, Hier legt Bürgermeister Horst Thiele am 9. November um 17.15 Uhr einen Kranz nieder. Fotos: NRZ-Autor Manfred Demmer

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Hilden. Die Pogromnacht am 9. November 1938 war in Hilden schlimmer als anderswo. Der Versuch einer Annäherung.

in Junge, achteinhalb Jahre alt, wird Mitten in der Nacht wach. Es ist die Nacht zum 10. November 1938 in Hilden. Er hört, wie nebenan Schaufensterscheiben auf der Straße zersplittern. Er hört Rufe, Schreie. Das Bersten von Holzmöbeln und Stiefeltritte und Motorengeräusche. Der Junge ruft seine Eltern, die ihn beruhigen. Durch das, was der Junge tags darauf sieht und erzählt bekommt, ist er nicht zu beruhigen. 35 Jahre später wird Manfred Franke ein Buch schreiben. Über diese Nacht. Und über Hilden. Der Titel: Mordverläufe.

„Weit über den Rahmen“

1938 zählt Hilden 21 658 Einwohner. In der Pogromnacht – vom 9. auf den 10. November 1938 – kommen in Hilden sechs Menschen ums Leben. Vier von ihnen werden ermordet. Zwei sterben durch Selbstmord. Eine weitere Frau stürzte in der Nacht aus dem Fenster, als ein Schlägertrupp ihre Wohnung verwüstete. Sie starb an den Folgen am 23.12. 1938. Sieben Opfer bezogen auf rund 21 000 Einwohner. „In unserer Stadt ist weit über den Rahmen des im übrigen Reich Geschehenen hinaus gegangen worden“, urteilt ein Kriminalist später.

Begonnen hat diese Novembernacht im Alten Helmholtz-Gymnasium. Dort veranstaltete die NSDAP am 9. November 1938 eine Gedenkfeier für jene 16 Nationalsozialisten, die 15 Jahre zuvor bei Hitlers Putschversuch gestorben waren. Scheinwerfer strahlen die Schulfassade an. Auf zwei Pylonen knistern Fackeln. Links und rechts neben dem Eingang steht jeweils ein SA-Mann in Uniform mit Stahlhelm. In der überfüllten Schulaula wird ab 21 Uhr „der Gefallenen“ gedacht.

Danach gehen viele mit zum NS-Treff, dem „Deutschen Haus“ (heute: Benrather 20). Ein großer Saal gehört zu den Räumlichkeiten. Heute ist es das Kino. In der Wirtschaft verbreitet sich die Nachricht vom Pariser Attentat auf den deutschen Botschafter Ernst Eduard vom Rath. Herschel Grynszpan hat auf ihn geschossen. Erzählt wird im Deutschen Haus zu Hilden: „Aus Rache, weil er das Deutsche Reich verlassen musste.“

In den folgenden Stunden tobt eine Menschenjagd durch Hilden. Das Recht ist abwesend. Viele laufen auf die Straße und schauen zu. Wenige helfen. Später werden sie sagen: „Wir hatten Angst.“ (Eugenie Willner, geb. Albert, geb. 9. 12. 1871 in Ottweiler; Ernst Willner, Vertreter, geb. 19.8. 1901 in Düsseldorf)

Etwa 150 Meter vom „Deutschen Haus“ entfernt leben Eugenie Willner und ihr Sohn Ernst im Haus Benrather Straße 32. Sie waren eine angesehene Familie in Hilden – bis die Nazis an die Macht kamen. Ehemann Isidor hatte seine Kornbrennerei abgeben müssen. Sohn Ernst gehörte dem Reichsbanner an, einer Kampfgruppe der SPD. Die Willners waren der braunen Obrigkeit als Widerständler bekannt. Möglicherweise der Grund für die Schlägertrupps, hier zu beginnen.

Gezielte Schüsse

Nach dem gewaltsamen Eindringen wurde Frau Willner misshandelt und erschossen. Später kam der Trupp zurück und tötete mit einem gezielten Schuss auch den stark verletzten Sohn Ernst, der sich zunächst auf dem Dachboden hatte verstecken können, mit einem gezielten Schuss. (Nathan Mayer, Viehhändler mit NS-Berufsverbot, geb. 3. 11. 1861 in Erkrath)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 drang ein Schlägertrupp in das Haus Gerresheimer Straße 189/191 der Eheleute Nathan und Maria Meyer ein, zerstörte die Einrichtung, fiel über den im Bett liegenden Nathan Meyer her und misshandelte ihn in erheblichem Maße. Nachdem der Trupp abgezogen war, brachte Leo Meyer seinen schwer verletzten Vater zu Nachbarn und am Mittag ins Marienhospital nach Düsseldorf. Dort erlag Nathan Meyer seinen Verletzungen am 12. November 1938. (Dr. Siegmund Sommer, Arzt, geb. 16.6. 1870 in Crainfeld; Hendrika Grüter, Haushälterin, geb. 13. 7. 1893 in Duisburg)

Ein Schlägertrupp von SS und SA polterte in das Haus Gerresheimer Straße 340 und verwüstete es. Das Ehepaar Sommer und Hendrika Grüter wurden ins Schlafzimmer gesperrt, körperliche Misshandlungen erfolgten nicht. Man riet ihnen aber dringend, das Haus sofort zu verlassen, weil es am nächsten Tag in Brand gesetzt würde, falls man sie noch anträfe. Nach dem Abzug des Schlägertrupps stellte sich heraus, dass in Wohnung, Praxis und Kellerräumen beinahe alles völlig zerschlagen und damit die Existenzgrundlage zerstört worden war.

Das Ehepaar Sommer beschloss, Selbstmord zu begehen und Hendrika Grüter sein Vermögen zu hinterlassen. Doch die antwortete: „Unter solchen Menschen kann ich nicht leben.“ Alle drei nahmen die gleiche Menge Schlaftabletten. Gertrud Sommer erbrach die Schlaftabletten und überlebte. (Carl Herz, Textilhändler und Kapellmeister, geb. am 30.11.1879 in Berghausen)

SA-Trupp Verwüstete die Wohnung

Ein SA-Trupp brach in die Wohnung der Familie, Mittelstraße 37/39, ein, verwüstete sie und sperrte Lieselotte Herz und ihren Sohn Manfred in ein Zimmer ein. Sie wurden nicht körperlich misshandelt. Als der Trupp abgezogen war, fand Frau Herz ihren Schwiegervater tot am Boden liegend. Carl Herz war mit einem SA-Dolch erstochen worden. (Bertha Herz, geb. Meyer, Metzgersgattin, geb. am 29. 10. 1870 in Richrath(

In der Pogromnacht ver-schaffte sich ein Schlägertrupp gewaltsam Zutritt zur Wohnung und verwüstete sie. Bertha Herz stürzte dabei aus dem Fenster und erlag am 23. Dezember 1938 ihren Verletzungen.

Am nächsten Morgen meldete die Hildener Polizei: „Keine besonderen Vorkommnisse.“ In den Kirchenarchiven findet sich kein Hinweis auf die Pogromnacht. SA und SS-Männer zwangen die Ärzte, die Totenscheine zu fälschen, vor allem das Wort „Mord“ soll aus den Dokumenten getilgt werden. Ein Arzt weigerte sich, ein Kollege gab nach.

Die Pogromnacht war nur ein Teil der Judenverfolgung. Dies hat der Arbeitskreis Stolpersteine in Hilden dokumentiert. 36 Stolpersteine erinnern im Stadtgebiet an die Opfer der Pogromnacht, an die Vertriebenen und im KZ ermordeten Menschen. Es handelt sich um 10 mal 10 mal 10 Zentimeter große Steinplatten mit Messingplatten, eingelassen im Hildener Pflaster. Der dahinter stehenden Dokumentationsarbeit entstammen auch die kurzen Schilderungen oben.

Am 8. Januar 1942 verkündet der Hildener Bürgermeister in einer Ratssitzung: „Die Stadt ist seit dem 31. Dezember 1941 judenfrei.“

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