Sport

Wo Max Schmeling in den Seilen hing

Max Schmeling (1905-2005), deutscher Schwergewichtsboxer, zwischen 1930 und 1932 Boxweltmeister im Schwergewicht (Foto von 1938) / Boxer, in Pose, posieren, in Positur, Boxhandschuhe, Sport, Sportler, Personen, Portrait, Porträt

Max Schmeling (1905-2005), deutscher Schwergewichtsboxer, zwischen 1930 und 1932 Boxweltmeister im Schwergewicht (Foto von 1938) / Boxer, in Pose, posieren, in Positur, Boxhandschuhe, Sport, Sportler, Personen, Portrait, Porträt

Foto: Cinetext/Richter

Düsseldorf.   Er stammte zwar ursprünglich aus Hamburg. Doch Max Schmeling begann seine Boxkarriere in Düsseldorf. In den 1920er Jahren kam er völlig mittellos in die Landeshauptstadt, hatte dort so einige skurrile Erlebnisse und stieg zu seinem ersten Profikampf in der Tonhalle in den Ring.

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Als sich der Schrank von einem Mann an diesem Abend durch die Eingangstür der verrauchten Spelunke an der Ratinger Straße zwängt, geraten selbst die raubeinigen Gäste ins Staunen. Wenig später verblüfft er die Tagelöhner und Obdachlosen, die sich hier tummeln. Denn das junge Muskelpaket rammt mit der flachen Hand Rundkopfnägel durch eine Tischplatte. Trotzdem ahnt hier niemand, dass der 17-jährige Bursche einmal die Boxwelt erobern sollte. Eher schüchtern fragt Max Schmeling an diesem Abend im Jahr 1922 nach einem Nachtasyl.

Da hat der Wirt ein ganz besonderes Angebot parat in seinem Lokal, in dem die Anfänge der Gastronomie auf der Ratinger Straße wurzeln.

Hochprozentiger Fusel

Das Gasthaus „Hansens Erben“ wurde auf einem Teil der alten Stadtmauer von 1288 gebaut. Bereits 1632 ist es in schriftlichen Aufzeichnungen erwähnt, als „Hansens Penn“, einer „Schlafstätte für kleine Leute“. 1911 gab es an der Ratinger Straße 3 einen Neubau. Zu diesem Zeitpunkt traf sich hier ein gemischtes Publikum. Bürger, Soldaten und Damen des horizontalen Gewerbes verbrachten kurzweilige Abende in der Gaststube. Hauptanziehungspunkt war ein elektrisches Klavier. Dieses Piano erwies sich als äußerst robust. Denn auch wenn Trinker, die das Geklimper nicht mehr ertragen wollten, ein Bier rein gossen, spielte es weiter.

Im Laufe der Zeit wandelte sich die Klientel, immer mehr Tagelöhner und Obdachlose bevölkerten den Schankraum. Beliebtestes Getränk war ein hochprozentiger Fusel namens „Fuhrmannsschnaps“, der den Gästen schnell und kräftig in den Schädel stieg.

Für ein paar Pfennige durften sie hier sogar übernachten. Auf dem Boden zu schlafen war allerdings nicht erlaubt. Kolportiert wird dazu Folgendes: Damit die Gäste die Vorschrift nicht missachteten, mussten sich die „Penner“ nebeneinander an der Theke aufstellen. Dann wurde ihnen unterhalb der arme ein Strick umgebunden und derart fest gezogen, dass sie nicht umfallen konnten. So mit dem Kopf vornüber stehend, schliefen die Promillebeladenen ein. Für ein paar Pfennige mehr durfte man auf einem Stuhl sitzen und sein Haupt auf den Tisch betten. Auch hier soll von Wand zu Wand ein Seil gezogen worden sein. Das hat der Wirt am frühen Morgen gelöst und so manchen Träumer unsanft auf den Boden der Realität gebracht. Als Waschgelegenheit diente ein Bottich mit kaltem Wasser.

So soll’s auch Max Schmeling erlebt haben. Der kam Anfang der 1920er Jahre völlig mittellos aus Hamburg nach Düsseldorf. Denn das Rheinland galt damals als Zentrum des Boxsports in Deutschland und Max hatte große Faustkampfpläne. Schmeling arbeitete zunächst als Tagelöhner und jobbte für eine Brunnenbaufirma. „Das war damals eine harte und wilde Zeit. Doch die hat mir später geholfen bodenständig zu bleiben“, sagte der Champion Jahrzehnte danach.

Schnell erkannten die Trainer in Düsseldorf sein Talent. Am 2. August 1924 trat Max zu seinem ersten Profikampf an. In der Tonhalle schickte er Lokalmatador Hans Czapp mit harten Schwingern auf die Bretter. Technischer K.O. in der sechsten Runde. Bekanntlich ging’s anschließend steil bergauf. Von 1930 bis 1932 trug Schmeling den Weltmeistergürtel im Schwergewicht und lieferte sich unvergessliche Duelle mit Joe Loius. Noch heute zählt das Box-Idol, das 2005 im Alter von 99 Jahren starb, zu den populärsten Stars der deutschen Sporthistorie.

Die Geschichte vom einstigen „Hansens Penn“ verlief wesentlich unspektakulärer. 1950 ereilte das Haus an der Ratinger Straße der endgültige K.O. Das Gebäude wurde abgerissen und wich einem Erweiterungsbau des Landgerichts. Doch auch dort soll man einige der raubeinigen Gäste wieder angetroffen haben...

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