Soldaten, die schwer verletzt und verstümmelt aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrten, wurden auch in Duisburg nicht als Helden angesehen. „Sie waren Opfer in einem Krieg, den Deutschland verloren hat“, sagt Dr. Andreas Pilger. Bei den Akzenten hielt der Duisburger Stadtarchivar einen Vortrag über den Umgang mit Kriegsversehrten des Ersten Weltkriegs in Duisburg und machte deutlich, dass die verkrüppelten Soldaten von Seiten der Bevölkerung zwar weit weniger Anerkennung genossen als ihre gefallenen Kameraden, aber durch eine professionelle Herangehensweise der Stadt und eine gut funktionierende Bürokratie viel Unterstützung zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft erhielten.
Wiedereingliederung
Denn das war das erklärte Ziel: die möglichst vollständige Integration der Versehrten in den normalen Arbeitsprozess. Im Idealfall sollten sie an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren. Doch gerade das war vielen durch die Folgen ihrer schweren Verwundungen nicht möglich, denn gerade in Duisburg und im Ruhrgebiet verhielt sich die Schwerindustrie ablehnend gegenüber ihren ehemaligen Betriebsangehörigen.
Weit besser erging es da den kriegsbeschädigten Beamten. Schon 1915 hatte Oberbürgermeister Karl Jarres verfügt, dass verletzte Beamte soweit irgendmöglich wieder einzugliedern seien. Zudem bemühte sich die Stadt, Konzessionen für Trinkhallen und Kioske nur an Versehrte zu vergeben.
Der bettelnde und orgeldrehende Kriegskrüppel sollte im öffentlichen Straßenbild nicht mehr erscheinen. Was in Duisburg wohl auch weitgehend gelang. So berichtete die Duisburger Fürsorgestelle für Kriegsversehrte 1917, dass verstümmelte Kriegsheimkehrer, die sich als Hausierer, Bettler und Zündholzverkäufer durchschlugen, in Duisburg nicht vorhanden seien.
Verdrängungswettbewerb
„Das mag aus politischen Gründen geschönt sein“, erklärte Pilger. „Aber es war sicher auch die Folge einer aktiven Fürsorgepolitik, die durch Fortbildung und Umschulung versuchte, den Kriegsinvaliden wieder ein Erwerbsleben zu ermöglichen.“ So richtete die Stadt Duisburg nach dem Krieg eigens ein Fürsorgeamt und einen Fürsorgebeirat ein, die sich um Finanzhilfen und Unterstützung bei der Wiedereingliederung kümmerten. Dazu dienten den beiden Einrichtungen auch regelmäßige Zusammenkünfte.
Die Rückkehr ins Erwerbsleben ging oft auch zu Lasten der Bevölkerung. Die war in der Heimat weitgehend vom Krieg abgeschnitten, allenfalls die verletzten und verstümmelten Heimkehrer vermittelten eine Ahnung von der Grausamkeit des Kriegs. Mittelbar präsent war der Krieg ab 1916 aber doch. Die ins Feld gezogenen Facharbeiter wurden oft durch Frauen ersetzt, die in die Produktion gingen, oder durch Kriegsgefangene und versehrte Beschäftigte.
Not gegen Not
Die verkrüppelten Kriegsheimkehrer wurden zur Konkurrenz vor allem für langgediente, ältere Arbeitnehmer, die leichtere Aufgaben übernehmen oder in eine Verwaltungstätigkeit wechseln wollten. „Oft stand da Not gegen Not“, sagt Pilger. „Die Verlierer dieses Verdrängungswettbewerbs waren die Frauen.“
Die Versehrten mussten aber eine Arbeit suchen, denn allein mit der Kriegsrente war der Alltag nicht zu bewältigen. Das verschlimmerte sich vor allem mit der Inflation in der Weimarer Zeit, die viele Kriegsinvaliden in prekäre Verhältnisse brachte. Und das, obwohl das Reichsversorgungsgesetz von 1920 demokratisch geregelt hatte, dass ihre Rente nicht mehr vom erreichten militärischen Dienstgrad abhängig war.
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Pilger: „Die Versehrten standen bei der Bevölkerung immer im Verdacht, bevorzugt zu werden. Ihnen wurde nie die Ehre und die Anerkennung zuteil, die ihre gefallenen Kameraden erhielten. Sie wurden erst dann zu Helden, wenn es ihnen trotz ihrer Einschränkung durch die Verstümmelung gelang, sich wieder in die Arbeitswelt zu integrieren.“
Aderlass des Ersten Weltkriegs
Zwei Millionen deutsche Soldaten ließen ihr Leben im Ersten Weltkrieg.
An der Ost- und der Westfront kämpften auch 42 000 Soldaten aus Duisburg. Etwa 3300 von ihnen fielen. 3460 Duisburger Soldaten waren 1918 bei der Fürsorgestelle als Kriegsversehrte registriert.