NRZ-Bürgerbarometer

Sören Link: „Duisburg ist eine offene und bunte Stadt“

Oberbürgermeister Sören Link überrascht es nicht, dass die Duisburger gerne in der Stadt leben.

Oberbürgermeister Sören Link überrascht es nicht, dass die Duisburger gerne in der Stadt leben.

Foto: DANIEL ELKE

Duisburg.   OB Sören Link über das Zusammenleben in Duisburg, die Entwicklung der City und die Kommunikation zwischen Politik, Verwaltung und den Bürgern.

Wir fassen zusammen: Die Duisburger leben gerne in ihrer Stadt, gehen zumeist in der Innenstadt oder ihren Stadtteilen einkaufen, sind nicht so glücklich mit der Verkehrssituation und auch das Zusammenleben der verschiedenen Nationen in der Stadt könnte besser sein, wird aber nicht ungeteilt nur schlecht gesehen. Kurz: Im großen und ganzen sind die Duisburger laut unseres Bürgerbarometers mit ihrer Stadt zufrieden – von einzelnen Kritikpunkten natürlich abgesehen. So haben viele der 400 repräsentativ befragten Bürger auch abseits unserer gestellten Fragen gesagt, was nicht so gut in der Stadt läuft.

„Die Duisburger Schulen sind in einem katastrophalen Zustand. Ich denke, dass in den Schulen und Kindergärten mehr Reparaturen durchgeführt werden müssten. In unserem Stadtteil gibt es nur einen städtischen Kindergarten und der hat für 50 Kinder nur 2 Toiletten. Ein unhaltbarer Zustand.“

„Die Stadt entwickelt sich“

(Foto: Zitat aus dem Bürgerbarometer) Und für viele wäre es wichtig, wenn die Ergebnisse nicht einfach in der Schublade versinken.

„Es wäre wichtig, Verantwortliche mit den Punkten aus der Studie zu erreichen.“ (Foto: Zitat aus dem Bürgerbarometer)

Nun, das haben wir. Wir haben mit Politikern, Mandatsträgern, Verbänden, engagierten Bürgern und dem Oberbürgermeister über das Bürgerbarometer gesprochen. Natürlich ist dies nur eine Momentaufnahme. Aber sie spiegelt die Gefühlslage der Duisburger wieder. Und da kann man durchaus sagen: Es ist nicht alles rosig, aber vieles auch gut.

Für Oberbürgermeister Sören Link ist das keine Überraschung, wie er im Gespräch mit der NRZ sagt. Die Bürger merkten: „Die Stadt entwickelt sich.“ Nicht nur durch große Bauprojekte wie „6-Seen-Wedau“ oder „Mercatorviertel“. Auch in der Innenstadt seien erste Maßnahmen des „Paktes für die Innenstadt“ sichtbar. Auf der Düsseldorfer Straße werden die Hühnegräber zurückgebaut, das Beleuchtungskonzept soll auf die Münzstraße in der Altstadt ausgeweitet werden und mehr Blumenampeln die City attraktiver machen. Denn zwar gehen die Duisburger zumeist noch in der Innenstadt einkaufen. Das mache Mut. „Ich finde es allerdings bedenklich, dass die Zahl trotz des hohen Werts sinkt und mehr Duisburger ins Centro fahren“, so Link. Derzeit arbeiten Einzelhändler, Citymanagement und Vertreter der Stadt an weiteren Konzepten.

Das Interview:

Herr Link, unser Bürgerbarometer hat gezeigt: Die Mehrheit der Bürger lebt gerne in Duisburg, trotz aller Kritik, die sie haben. Überrascht Sie das?

Sören Link: Nein. Duisburg ist eine tolle Stadt und wir entwickeln uns weiter. Die Stadt verändert ihr Gesicht. Wir stellen uns bei großen Bauprojekten wie dem Mercatorviertel oder Wedau zukunftsfähig auf.

Mercatorviertel und „6-Seen-Wedau“: Nicht allen Duisburgern sind dies Begriffe. Wir erklären Sie, was auf der Fläche des Mercatorviertels entsteht?

Es geht um modernes Wohnen auf historischem Grund. Wir wollen ein möglichst autofreies Wohnquartier, das genau zwischen Innenstadt und Innenhafen liegt. Es soll Duisburger ansprechen und Menschen, die nach Duisburg ziehen wollen. Viele Leute, die in den 80er Jahren raus aufs Land gezogen sind, wollen wieder zurück in die Stadt.

Versäumt die Stadt es, die Bürger bei so großen Projekten rechtzeitig mitzunehmen?

Nein. Im Gegenteil. Wir haben gerade bei den Bauprojekten extrem viel über Pressemitteilungen und auf Bürgerversammlungen informiert. Am Ende, wenn der Bagger rollt, dann kommen einige Bürger und sagen: Moment mal, so habe ich mir das nicht vorgestellt. Die Pläne werden aber nicht im stillen Kämmerlein beschlossen. Die Stadt nimmt auch Anregungen aus der Bürgerschaft auf. Das ist auch in Wedau passiert. Dass die zweite Brücke gebaut wird, ist Folge einer Anregung von Anwohnern. Die Distanz zwischen den Bürgern und denen ,da oben’, die war noch nie so klein wie heute. Es ist völlig problemlos möglich, dem Ratsherrn oder mir über eine E-Mail oder Facebook mal eben eine Nachricht zu schicken. Und das passiert auch.

Dennoch scheint es ein Kommunikationsproblem zwischen der Stadt und den Bürgern zu geben. Oder?

Wir haben ein generelles Problem: Die klassischen Informationswege werden weniger nachgefragt. Es gibt offensichtlich einen Kommunikationsbruch. Die Menschen informieren sich nicht weniger als früher, aber anders. Wahrscheinlich weiß jeder, wie die neue britische Prinzessin heißt. Aber über so zentrale Projekte wie ,6-Seen-Wedau’ wissen nur wenige etwas. Es gibt eine Entfremdung zwischen staatlichen Strukturen und „dem“ Bürger. Das Bestreben, sachlich miteinander zu kommunizieren sollte aber beiderseitig vorhanden sein.

Sollte? Ist es das nicht?

Ein Beispiel: Wir hatten das Thekengespräch in Rheinhausen. Ich weiß gar nicht wie viele Leute vorher bei Facebook gelästert haben, was man ,dem Link’ endlich mal sagen müsse. Von denen war keiner da. Ein weiteres Phänomen unserer Zeit: Man hat ganz schnell das Gefühl, das eine kleine Gruppe meint, für die gesamte Stadtgesellschaft zu sprechen.

Wie meinen Sie das?

Bleiben wir bei 6-Seen-Wedau: Ein kleiner Teil der Bürger sieht Teile des Projektes kritisch. Das respektiere ich natürlich. Aber es ist eben nur ein Teil der Bürger. Ich bin überzeugt davon, dass die große Mehrheit der Duisburger das Projekt positiv sieht. Und es ist wichtig, die Uferbebauung so zu machen, dass eine Promenade entsteht, die öffentlich ist. Sicher haben die Menschen Fragen. Das war bei der Regattabahn genauso. Es gab große Vorbehalte gegen den Parallelkanal. Als alles fertig war, gab es viel Lob. Ich bin sicher, dass uns dies bei den Baumaßnahmen jetzt genauso gelingen wird. Der Kantpark wird freundlicher gestaltet. Und wenn auch die Friedrich-Wilhelm Straße zum Boulevard umgebaut ist, wird die Ecke noch attraktiver. Das gleiche sehen wir im Bürgerbarometer schon im Bereich des Bahnhofsvorplatzes. Auch das war ein relativ langer Prozess.

Die meisten Bürger gehen laut Bürgerbarometer in Duisburg einkaufen, fahren nicht ins Centro und auch in keine andere Nachbarstadt. Was sagt das für die Innenstadtentwicklung aus?

Es macht Mut – und darauf lässt sich aufbauen. Wir haben nach der Entscheidung gegen das DOC im letzten Jahr bewusst den „Pakt für die Innenstadt“ ins Leben gerufen und gesagt: Wir wollen die Innenstadt selbst gestalten, damit die Menschen gerne hier bleiben. Und auch damit möglichst viele Menschen aus dem Umland nach Duisburg kommen.

Was passiert konkret?

All die Veranstaltungen wie das Weinfest oder den Weihnachtsmarkt, kleinere und größere Märkte machen wir, um die Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen. Das gleiche gibt es auch in etwas kleinerem Format in den Stadtteilzentren. Aber der Einzelhandel muss sich auch selbst hinterfragen. Sind einheitlichere Öffnungszeiten möglich? Wie kann das Ambiente verbessert werden? Eine Außengastronomie ist wichtig. Am Sonnenwall funktioniert es schon gut. Es wirkt ganz anders, wenn draußen zwei, drei Gastronomien nebeneinander sind. Der Sonnenwall, die Wallstraße und der Salvatorweg können Wohlfühlzonen werden.

Wo gehen Sie selbst einkaufen?

In Duisburg Mitte und Walsum. Ich versuche möglichst, alles in Duisburg zu kaufen. Ich muss aber auch zugeben: Ich stoße an Grenzen. In Sachen Bekleidung und Schuhe ist es nicht immer einfach. Ich habe letztes Jahr im Karneval Trachten gebraucht. Die habe ich in einem kleinen Laden in Walsum gefunden. Da wäre man ja eigentlich unterwegs und würde was bei Amazon kaufen. Das habe ich nicht gemacht. Es gibt in Duisburg schon viele, kleinere Läden. Man muss nur wissen, wo sie sind. Das wäre auch eine Idee für den Pakt für die Innenstadt, eine Art Geheimtippführer, wo man was Besonderes findet.

Beim Thema Sicherheit wünschen sich viele Bürger eine Ausweitung der Videoüberwachung? Können Sie dies nachvollziehen?

Ja. Zunächst glaube ich, dass die Videoüberwachung am Pollmanneck in Marxloh gut funktioniert und ein Gefühl von Sicherheit gibt. Aber es ist kein Allheilmittel. Man darf es nicht leichtfertig überall einsetzen. Man muss abwägen. Es gibt Unsicherheitspunkte im gesamten Stadtgebiet, nicht nur in Marxloh. Die Szenerie um den Hauptbahnhof ist wie in allen Städten ein begehrtes Feld für Videoüberwachung. Da sehe ich das Interesse an einem sicheren Aufenthaltsort und der Verfolgung von Straftaten höher, als datenschutzrechtliche Aspekt.

Wo können Sie sich mehr Videoüberwachung vorstellen?

Bei Umweltsündern sollte man verstärkt auf Videoüberwachung setzen. Aber das ist leider derzeit gesetzlich nicht möglich. Es gibt Schmutzecken, die werden immer wieder von Leuten angefahren, um dort Müll illegal zu entsorgen. Das ist widersinnig, weil wir ein gutes Netz an Betriebshöfen haben, wo man seinen Müll günstig entsorgen kann. Und es ist teuer, wenn man erwischt wird.

Bei der Frage, wie das Zusammenleben mit den Zuwanderern und Flüchtlingen in der Stadt funktioniert, sagten 35 Prozent: schlecht, 25 Prozent gut. Wie sehen Sie es?

Duisburg ist eine offene, vielfältige und bunte Stadt. Ich möchte, dass man sich hier wohlfühlt, egal welche Religion man hat und wo man her kommt. Das haben wir, finde ich in den letzten Jahrzehnten gut hinbekommen in Duisburg. Die Hilfsbereitschaft war und ist riesig, was die Flüchtlinge und Asylbewerber angeht. Darauf können wir stolz sein. Aber auf der anderen Seite gibt es Probleme beim Zusammenleben. Und die müssen auch benannt werden. Nichts wäre schlimmer, wenn die Leute das Gefühl haben, die Politik und Stadt negiert Probleme. Es darf nichts unter den Teppich gekehrt werden.

Was läuft konkret gut?

Wir machen viel in Duisburg, angefangen bei Integrationskursen, bis hin zu Arbeit für Asylbewerber. Das läuft gut. Die Betreuung ist engmaschig mit den Sozialverbänden an unserer Seite. Wir haben eine Menge Flüchtlinge, die gerade mal ein halbes Jahr in Duisburg sind, gut Deutsch sprechen und einen Ausbildungsplatz haben. Das gleiche gilt auch für die dritte Gruppe im Bunde, Menschen mit Migrationshintergrund, die teilweise schon Jahrzehnte hier leben. Viele haben Fuß gefasst, studiert, arbeiten und sind Teil dieser Gesellschaft, also echte Erfolgsgeschichten. Es gibt aber Defizite, wenn manche Menschen 20 Jahre hier leben und noch immer kein Deutsch sprechen. Wenn sich diese Menschen nicht als Teil der Gesellschaft fühlen, ist das ein Problem.

Was läuft nicht gut?

Wir haben ein Problem beim Zusammenleben mit Roma, Sinti. Nicht mit allen. Auch das will ich klarstellen, denn auch hier gibt es Familien, die arbeiten und bei denen die Kinder zur Schule gehen. Aber: Oft gibt es eben auch massive Probleme. Bürger berichten mir von Übergriffen, Lärmbelästigung, Vermüllung. Und bevor es jetzt einen Aufschrei gibt: Natürlich gibt es das auch alles bei Deutschen oder anderen Nationalitäten. Aber man kann nicht die Augen davor verschließen, dass es in den Vierteln, in denen viele Roma leben, zu besonderen Problemen kommt. Das grundsätzliche Problem können wir nicht in Duisburg lösen, denn wir reden über europäische Staatsbürger. Diese Fragen der Freizügigkeit sind nationale und internationale Fragen.

Beim Thema Verkehr ragte ein Wert hinaus: Fast die Hälfte der Befragten gab an, als Fußgänger mit der Situation unzufrieden zu sein. Können Sie sich dies erklären?

Wir sind als Stadt beim Thema Verkehr extrem belastet. Ich ziehe meinen Hut vor den Duisburgern, dass sie die Verkehrsbelastung seit Jahren mit viel Geduld ertragen. Natürlich meckere auch ich, wenn ich im Stau stehe, und statt einer halben Stunde ins Büro zwei Stunden brauche. Das passiert aber in einer Stadt, die von Logistik geprägt ist und so viele Baustellen hat, wie wir derzeit. Und Baustellen können auch für Fußgänger belastend sein.

Abschließend die Sonntagsfrage: Wenn Sonntag Kommunalwahl wäre, würden die beiden großen Parteien Stimmen verlieren, die kleineren dazugewinnen. Wie nehmen Sie die politische Stimmung wahr?

Ich nehme wahr, dass die großen Volksparteien im Bund unter Druck geraten. In Duisburg übernehmen sie Verantwortung und das tut der Stadt gut. Wir haben einen ausgeglichenen Haushalt und eine sinkende Arbeitslosigkeit. Die großen Wohnbauprojekte werden der Stadt gut tun, Gewerbeflächen dazukommen. Ich glaube, dass die Bürger, wenn sie 2020 zur Wahl aufgerufen sind, unterscheiden können, wer die Verantwortung getragen hat. Wenn gerade die Volksparteien ihren Job richtig machen, in der Flüchtlingsfrage, in der Frage des Zusammenlebens, dann ist die AfD überflüssig. Das erwarte ich von meiner eigenen Partei (SPD), aber auch von der CDU. Wir dürfen nicht einfach Ängste und Sorgen wegwischen. Aber wir müssen auch mal sagen: „Nein. Das stimmt nicht“. Zum Beispiel, wenn gesagt wird, hunderttausende Menschen nach Deutschland kommen, um hier Straftaten zu verüben, dann muss man so einen Unsinn deutlich entgegentreten. Denn die Zahlen sagen etwas anderes. Ich habe den Eindruck, dass die Bereitschaft bei vielen Wählern groß ist, wieder in ein normales Parteienspektrum zurückzukehren.

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