Zweiter Weltkrieg

Die Geschichte des Rettungsschiffes MS Homberg

Die MS Homberg diente rund um das Ende des 2. Weltkriegs zum Transport von Flüchtlingen in Richtung Westen und Norden.

Foto: Dirk Lachmann

Die MS Homberg diente rund um das Ende des 2. Weltkriegs zum Transport von Flüchtlingen in Richtung Westen und Norden. Foto: Dirk Lachmann

Duisburg-Homberg.   Die Historiker Dirk Lachmann und Uwe Berger erzählen von einem Schiff der Firma Haniel, auf dem mehr als 11.000 Flüchtlinge evakuiert wurden.

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Das Schiff war voll. Am 10. Mai 1945 startete die MS Homberg von Flensburg mit rund 1360 ausgezehrten KZ-Häftlingen an Bord. Zwei Tage zuvor, am 8. Mai, hatte das Deutsche Reich kapituliert. Am 11. Mai erreichte das Schiff des Ruhrorter Unternehmens Haniel, das die Wehrmacht für Flüchtlingstransporte Monate zuvor zwangsrekrutiert hatte, die Hafenstadt Malmö im Süden Schwedens.

Damit ging für Häftlinge der Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg und Stutthoff bei Danzig traumatische Irrfahrten durch Norddeutschland zu Ende. Akribisch haben die beiden Lokalhistoriker Dirk Lachmann und Uwe Berger die Geschichte des Duisburger Schiffs erforscht und aufgearbeitet, bis zu einem Jahr lang studierten sie zahlreiche Quellen. Im Kultur- und Freizeitzentrum in Homberg präsentierten sie jetzt in ihrem Vortrag neue Erkenntnisse über die MS Homberg.

Mit dem Vormarsch der Roten Armee ab 1943 mussten 2,5 Millionen Menschen - Zivilisten, Wehrmachtsoldaten, Verwundete und Zwangsarbeiter aus Ostpreußen, dem Baltikum Schlesien und Pommern nach Westen fliehen. Da die Rote Armee die Landwege im Herbst 1944 und Winter 1944/45 zunehmend abgeschnitten hatte, rekrutierte die Wehrmacht zwangsweise 1098 Schiffe deutscher Unternehmen für den Transport der Flüchtlinge. In einer Rettungsaktion wurden etwa zwei Millionen Zivilisten und 500.000 Angehörige der Wehrmacht aus Ostpreußen, Pommern und Kurland über den Seeweg nach Dänemark und Schleswig-Holstein transportiert.“

Wehrmacht hatte Schiffe eingezogen

Auch mehrere Schiffe der Duisburger Handelsfirma Haniel zog die Wehrmacht heran, darunter die 1938 erbaute MS Homberg. Mehrere Rettungsfahrten im Frühjahr 1945 sind belegt unter anderem in der Haniel-Chronik aus dem Jahr 2006. Die Schiffe der Firma Haniel mit einem Fassungsvermögen von 1200 bis 1600 Personen retteten von September 1944 bis Mai 1945 insgesamt 15.284 Menschen. Das Gros der Flüchtlinge rettete die MS Homberg, „das Schiff mit der größten Leistung“. Laut Chronik evakuierte allein dieses Seeschiff insgesamt 11.362 Flüchtlinge über die Ostsee nach Westdeutschland und Dänemark.

Die erste dokumentiere Rettungsfahrt der MS Homberg ging Mitte April 1945 von Pillau bei Königsberg nach Kopenhagen. Die zweite Evakuierung vom 19. bis zum 21. April 1945 von Pillau nach Sassnitz auf Rügen. Weitere Evakuierungen führt die Chronik nicht auf.

Lachmann und Berger stellten aber noch weitere Rettungsfahrten bis zum 11. Mai fest, sie fanden im Ruhrorter Haniel-Archiv eine Abrechnung von Haniel für weitere Evakuierungen der MS Homberg bis zum 6. Mai 1945. „Vom 22. April 1945 bis einschließlich zum 1. Mai 1945 fuhr die MS Homberg von Sassnitz auf Rügen über Stralsund nach Nyborg in Dänemark. Vom 2. Mai bis zum 6. Mai 1945 reiste die MS Homberg nach Flensburg. Damit hatten wir ein Bewegungsprofil über die gesamten Stationen des Schiffes bis kurz vor Kriegsende.“

Ausmusterung im Jahr 1948

Uwe Berger: „Für die letzte Fahrt der MS Homberg vom 10. bis zum 11. Mai 1945 spielen KZ-Häftlinge die Hauptrolle.“ Sie wurden von den Lagern Neuengamme und Stutthoff Ende April 1945 nach Flensburg transportiert, mit Bahn und zu Fuß oder mit Lastkähnen über die Ostsee, nur die Hälfte von ihnen, rund 1650 Menschen, überlebte. Danach wurden sie mit der MS Homberg von Flensburg nach Malmö evakuiert. Das letzte Kapitel in der Geschichte des Schiffes: Es wurde 1946 nach Hamburg gebracht, dann „an die Sowjetunion ausgeliefert“. 1948 ausgemustert.

>>>Fehler in früherer Dokumentation entdeckt>>>

Die letzte Rettungsfahrt der MS Homberg schilderte der WDR-Dokumentarfilm „Hafen der Hoffnung: Malmö“ des schwedischen Produzenten Magnus Gertten, erstmals ausgestrahlt 2012. Lachmann und Berger stellten bei ihren Recherchen mehrere Fehler in dem Film fest. Die Lokalhistoriker recherchierten anders als Gertten auch im Stadtarchiv Malmö. So wurden die MS Homberg nach dem Kriegsende keinesfalls von englischen Schiffen gejagt, sondern möglicherweise begleitet.

Es befanden sich nicht wie Gertten behauptet rund 2000, sondern 1484 Gefangene auf dem Schiff, die meisten von Ihnen Russen und Polen. Die Häftlinge waren auch nicht „eine Woche unterwegs“, als das Schiff am 11. Mai im Hafen von Malmö landete, es waren teilweise bis zu 33 Tage.

„Der Film erweckt den Eindruck, dass die Firma Haniel an den Verbrechen der Nazis indirekt beteiligt war. Der Vermittlung dieses Eindrucks muss entschieden widersprochen werden“, betonte Dirk Lachmann. Die Lokalhistoriker informierten den Filmautor über ihre neuen Erkenntnisse, der reagierte nach wenigen Stunden: „Ich werde die Fernsehanstalten über den historische Tatbestand informieren und die Fehler aus meinem Dokumentarfilm streichen lassen.“

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