Geiseldrama im TV

Essener war Richter im Gladbeck-Prozess: "Das lässt einen nicht los"

Als Vorsitzender Richter beim Schwurgericht sah er oft in menschliche Abgründe. Seit seiner Pensionierung arbeitet Rudolf Esders als Rechtsanwalt.

Foto: wk

Als Vorsitzender Richter beim Schwurgericht sah er oft in menschliche Abgründe. Seit seiner Pensionierung arbeitet Rudolf Esders als Rechtsanwalt.

Rudolf Esders hat vor 27 Jahren die Geiselgangster von Gladbeck verurteilt: Der Ex-Richter über die Zwangsbeglückung per TV und mehr.

Herr Esders, wie muss man sich Ihre Abendgestaltung am Mittwoch und Donnerstag dieser Woche vorstellen: Glas Rotwein, ein paar Knabbereien, und dann „Gladbeck“ gucken?

Ohne den Wein. Aber natürlich schaue ich mir die Filme an. Ich fühle mich etwas dazu gedrängt, man muss ja damit rechnen, danach gefragt zu werden. Und da will ich mir halt ein eigenes Urteil bilden.

Und ansonsten hätten Sie das „Bachelor“-Finale geschaut, „Der Kommissar und das Meer“ im ZDF oder ein gutes Buch gelesen?

Wahrscheinlich hätte ich gelesen. Jedenfalls nicht „Gladbeck“ geguckt.

Verraten Sie uns den Grund?

Es geht mir immer noch nahe, was da mit den Leuten passiert ist. Das lässt einen nicht los. Ich erinnere mich sofort an viele Details, etwa an eine ziemlich vergessene Geisel in dem Bus in Bremen, die kam aus Sri Lanka und war bereits einmal von Terroristen entführt worden. Die war die einzige in dem Bus, die das von Anfang an sehr ernst genommen hat.

Es steht für Sie also nicht bunte Abendunterhaltung an, sondern eine Art Aufarbeitung?

Ich weiß nicht, ob der Film eine Aufarbeitung leisten kann. Für mich ist Aufarbeitung immer, wenn ich mich an die Dinge erinnere: die Sprüche von Herrn Degowski, die Aussagen Rösners, die Wut vom Vater des toten Jungen...

Klingt, als würden Sie mitleiden, wenn Sie sich das an diesen beiden Abenden ansehen.

Ich glaube schon.

Sie hätten es sich lieber erspart?

Ja, sicher.

„Man schaut ein bisschen in den Abgrund“

Hm. Ich hätte Sie, besser: Richter allgemein für distanzierter gehalten.

Man kann ja distanziert sein, aber wer so intensiv wie ein Richter mit der Sache beschäftigt ist, der muss sich zunächst mal darauf einlassen. Wer sich nicht darauf einlässt, kriegt später schlechte Träume. Ich habe mich in anderen Verfahren schon mal dabei erwischt, dass ich überlegt habe: Wie würde i c h denn als Täter handeln? Man schaut also ein bisschen in den Abgrund.

Waren Sie in die Produktion dieses TV-Zweiteilers in irgendeiner Weise eingebunden?

Nein.

Wären Sie’s gern gewesen?

Auch das nicht. Ich hätte die Leute darauf verwiesen, sich das Urteil zu beschaffen, da steht alles drin.

Vor ein paar Tagen ist einer der Täter von damals, Herr Degowski, freigelassen worden...

...ja, ich habe davon gehört...

Haben sie eine Meinung dazu?

Ja, aber ich bin befangen. Wissen Sie, wenn Sie jemanden zu „Lebenslang“ verurteilen und selbst dahinterstehen, dann riskieren Sie auch bewusst ein „Lebenslang“, und das hat er auch verdient. Aber seither sind 30 Jahre vergangen. Ich kann nicht mitreden, was aus ihm geworden ist.

„Herausragend“ in Sachen Dummheit und Brutalität

Es stellt sich nicht so eine Art Gnaden-Haltung ein: Immerhin, er hat 30 Jahre gesessen?

Er hat eben auch ungewöhnlich große Schuld auf sich geladen.

Sie haben in so vielen Verfahren über brutale Gewalttäter Recht gesprochen, auch spektakuläre Fälle darunter, wie der Angriff von Fußball-Hooligans auf den französischen Gendarmen Daniel Nivel. In diesem Kanon von Prozessen, welche Rolle spielt da Gladbeck?

Eine ganz herausragende. Nicht, was die Bösartigkeit betrifft, sondern was die Dummheit und Brutalität angeht. Aber die lag wiederum daran, dass die beiden sich durch Pillen Mut verschafften. „Vesparax“, an sich ein Schlafmittel, das in Verbindung mit Alkohol und bei Gewöhnung aber paradox wirken kann – das führt dann zum ständigen Wachsein und zum Verlust jedweder selbstschützender Furcht.

Sie haben so viele Details noch präsent. Alles noch mal nachgelesen?

Nein, die Erinnerung kommt einfach wieder, wenn Sie hören, da zeigen die diesen Film.

Was könnte Sie überraschen bei dieser Fernsehproduktion?

Hm. Nichts eigentlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Film all diese Einzelheiten, die mir einfallen, auflisten kann – in all ihrer haarsträubenden Grausamkeit.

Widerlich auch für einen Richter?

Das ist so zu Beginn, ja. Man braucht vielleicht zwei Jahre, um sich an diese blutigen Dinge zu gewöhnen. Aber dann geht es.

„Die Journalisten sind da auch irgendwie reingerutscht“

Dann ist man auf eine Art abgehärtet? Oder mögen Sie das Wort nicht?

Sagen wir: Man geht „gelassener“ damit um.

Der Wochenzeitung „Die Zeit“ galten Sie damals als „Glücksfall“ in diesem Prozess. Wohl auch, weil Polizei und Medien sich zuvor nicht gerade mit Ruhm bekleckert hatten.

Ich mag dazu nicht viel sagen. Wir haben, soweit wir das überblicken konnten, festgestellt: Was die Polizei da machte, war nicht unvertretbar.

Und die Nähe der Medien zu den Geiselgangstern? Ein Sündenfall?

So weit will ich nicht gehen. Man darf ja nicht verkennen: Die Journalisten sind da auch irgendwie so reingerutscht. Polizei war zwar stets da, aber nicht erkennbar. Im Bus war einer als Reporter getarnt und hat sondiert, was kann man machen. Der Leiter des Kölner Spezialeinsatzkommandos war in der Fußgängerzone mit dem ganzen Oberkörper im Wagen drin. Den „Sündenfall“ sehe ich ganz woanders.

Nämlich wo?

Ein freies Kamerateam hat an der Autobahnraststätte Degowski und die Geisel Silke Bischoff interviewt. Da fragt der Reporter: „Würden Sie denn wirklich auf eine Geisel schießen?“ Was soll Degowski da sagen: Soll er sagen, „das würde ich nie machen“? Dann ist er seine Drohkapazität los. Also sagt er: Selbstverständlich würde er schießen. Damit hat er sich aber nach außen hin gebunden. Das war kurz bevor er Emanuele De Giorgi erschoss. Man kann darüber nachdenken, ob das nicht fahrlässige Tötung seitens der Journalisten war.

Auch Sie waren sehr im Fokus der Medien: Es gab viel Lob von der „Zeit“, Kritisches vom „Spiegel“...

...aber nur am Ende...

„Wir haben dieselbe Sprache gesprochen“

Liest man das als Richter?

Na klar. Ich bin ja nicht als Privatmann da. Ich mache das für den Staat und die Justiz. Es geht mir auch darum zu überlegen, dass die Justiz einigermaßen gut davonkommt. Deshalb muss ich das prüfen, um mögliche Fehler eventuell wieder geradezurücken.

Als Sie sich nach über 100 Verhandlungstagen daran gemacht haben, das Urteil zu schreiben – wie muss man sich diesen Prozess vorstellen? Sie setzen sich auf den Balkon, schauen ins Grüne und grübeln?

Kurz bevor der Prozess zu Ende ging, hatte ich mir eine Grippe zugezogen. Ich wollte nicht im Bett liegen, sondern habe mich an den Schreibtisch gesetzt und mal angefangen. Daraus sind 120 Schreibmaschinenseiten für die mündliche Urteilsbegründung geworden und damit ein Gerüst für das spätere schriftliche Urteil.

Sie sind Sohn eines Bäckermeisters, „ein Mann aus dem Volke“, würden manche sagen. Fiel Ihnen der Umgang mit diesen beiden Schwerstkriminellen eigentlich schwer?

Im Gegenteil, er fiel mir sogar ziemlich leicht. Wir haben dieselbe Sprache gesprochen. Ich kam bestens mit denen zurecht.

Sie kommen aus Dellwig, einem Essener Stadtteil, „wo Arbeiter wohnen und solche Menschen, die durch Sonderschule, Erziehungsheim und Knast sozialisiert wurden und kein anderes Handwerk gelernt haben als das des Kriminellen“. So stand es damals in der angesehenen Wochenzeitung „Die Zeit“. Und jetzt sagen Sie bitte, dass diese Erkenntnis nicht aus Ihrem Mund stammt.

Das ist natürlich Unsinn. Das habe ich doch niemals formuliert.

Nicht nur als Dellwiger gäbe es sonst Grund, ziemlich beleidigt zu sein.

Mit Recht. Ich habe mich in Dellwig immer wohl gefühlt.

Der Kollege sagte „Jetzt müssen Sie den Mist machen“

Heute leben Sie im tiefen Essener Süden, stehen nicht im Telefonbuch, und beim Einwohnermeldeamt haben Sie einen Sperrvermerk.

Aber nicht wegen „Gladbeck“, sondern durch viele andere Prozesse. Anscheinend hat es viele Drohungen gegeben, und Polizei wie Staatsanwaltschaft haben mir nahegelegt, mich ein bisschen zu schützen.

Und wenn dann so eine Nachricht auftaucht wie: Degowski ist auf freiem Fuß, und Rösner demnächst womöglich auch – lässt Sie das um Ihre eigene Sicherheit fürchten?

Nein, überhaupt nicht. Ich gehe davon aus, dass die beiden das Urteil als fair angesehen haben.

Führt man so einen Prozess gerne?

Nein, überhaupt nicht. Ich erinnere mich noch an einen Richter-Kollegen, der für den Fall formell eigentlich zuständig gewesen wäre, hätte es keine Toten gegeben. Der kam zu mir und sagte: „Jetzt müssen Sie den Mist machen.“

Und Sie haben überlegt, ob Sie eine gute Ausrede für den Mist haben?

Nein, nein. Da muss man durch.

Obwohl man auch ein bisschen Angst davor hat?

Weil man weiß, was auf einen zukommt. Das habe ich auch meinen Nachfolgern bei Gericht gesagt: Sie werden Zeiten erleben, wo Sie ganz alleine sind. Wo Sie niemanden haben, den Sie fragen können. Wo Sie auch im Stich gelassen werden. Es gibt sogar Obstruktion, interne Obstruktion.

Hat ein Richter in so einem spektakulären Fall nicht auch Sorge, dass eine nächste Instanz das Urteil wieder einkassieren könnte?

Ja, natürlich. Da geht man auf Nummer sicher. Es ist aber nicht so gewesen, dass wir aus diesem Grund jedem Beweisantrag im Gladbeck-Fall gefolgt wären. Ich habe mal nachgezählt: Wir haben über die Hälfte der Beweisanträge zurückgewiesen. Ich sag’s mal ganz platt: Wenn ich damit kassiert worden wäre, hätte ich mich in der Gerichts-Kantine nie wieder blicken lassen dürfen.

>>> ZUR PERSON: RUDOLF ESDERS

Als Richter hat Rudolf Esders, Jahrgang 1939, beim Landgericht Essen drei Jahre eine Wirtschaftsstrafkammer und 17 Jahre die Schwurgerichtskammer geleitet.

Seit seiner Pensionierung ist er als Rechtsanwalt tätig, zunächst fünf Jahre in einer Dortmunder Kanzlei, seit 2010 in Essen.

Er praktiziert in Bürogemeinschaft mit der Societät Bahn, Lösche und Marcus an der Zweigertstraße und hat seinen Schwerpunkte im Strafrecht.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik