Ausstellung

Künstler stellen in Ausstellung Fragen zur Stadtplanung

Häuser, die vom Abriss bedroht sind, hat die Künstlerin Anne Berlit auf eine Glasscheibe gezeichnet. Die Besucher der Ausstellung  können per Fließband über das Schicksal der Häuser entscheiden.

Häuser, die vom Abriss bedroht sind, hat die Künstlerin Anne Berlit auf eine Glasscheibe gezeichnet. Die Besucher der Ausstellung können per Fließband über das Schicksal der Häuser entscheiden.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen.   Im ehemaligen Haus der Begegnungen fragen neun Künstler in der Austellung „Verdichtung durch Abriss“, wie wir künftig miteinander leben sollen.

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Unsere Stadtviertel verändern immer mehr ihr Gesicht. Häuser mit Geschichte und Charakter, werden allerorts abgerissen und durch Wohngebäude ersetzt, die sich wie ein Ei dem anderen gleichen. „Besonders in den besseren Wohngegenden, zum Beispiel im Essener Süden, ist dieser Prozess zu beobachten“, erläutert Anne Berlit. Die Künstlerin begleitet seit zehn Jahren diese Entwicklung und dokumentiert sie fotografisch. „Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen“, sagt sie und formuliert damit den Leitgedanken der Ausstellung „Verdichtung durch Abriss“, mit der sie zusammen mit acht Künstler-Kollegen ab dem 3. Oktober zwei Etagen des ehemaligen Hauses der Begegnung am Weberplatz bespielt.

Dass sie sich dieses Gebäude für die Ausstellung ausgesucht hat, ist kein Zufall. Vom Abriss ist es zwar dank Denkmalschutzes nicht bedroht, aber: „Seine Zukunft ist ungewiss“, so Berlit.

Gebäude sind vom Abriss bedroht

1912 vom Architekten Oscar Kunhenn als Kaiser-Wilhelm-Ledigenheim gebaut, ein Kost- und Logie-Haus für junge, ledige Arbeiter, wurde es von 1982 von der Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfe behinderter Menschen in Essen als „Haus der Begegnung“ geführt und von unterschiedlichen Vereinen und Organisationen genutzt. Anfang dieses Jahres zogen diese in die neuen Kastanienhöfe. Seitdem steht das Gebäude weitestgehend leer, nur das Grüne Hauptstadt-Büro nutzt temporär das Erdgeschoss.

In Etage zwei und drei setzen nun neun Künstler ihre Vorstellungen zum Leben in der Zukunft um. Ubbo Kügler etwa verwandelt ein ehemaliges kleines Bürozimmer in eine Gefängniszelle um, in der er für jeden Tag innerhalb eines 40-jährigen Arbeitslebens in Fünfer-Blöcken einen Strich auf die Wand gezeichnet hat. „40 Jahre denselben Job in so einer kleinen Zelle – zumindest aus meiner Perspektive als Künstler ist das wohl kein erstrebenswertes Leben“, so Kügler.

Wie er hat sich jeder beteiligte Künstler auf seine Art mit mindestens einem der Räume auseinandergesetzt. Wandmalereien, Installationen und auch Performatives können Besucher vom 3. bis 15. Oktober in den ehemaligen Wohn- und Arbeitsräumen entdecken.

Besucher entscheiden per Fließband

Eine besonders anschauliche Idee hat Anne Berlit umgesetzt: Vom Abriss bedrohte oder bereits abgerissene Häuser in Essen hat sie auf große Glasscheiben gezeichnet, diese auf Fließbänder gestellt. „Die Besucher können über die Zukunft der Häuser entscheiden: „Wenn sie das Fließband anstellen, fallen sie irgendwann herunter und werden zerstört.“ Ihnen blüht also das gleiche Schicksal wie den „echten“ Vorbildern.

Ursprünglich wollte sie in einem dieser Gebäude ihre Ausstellung realisieren, zum Beispiel die Alte Schule am Äbtissinsteig in Steele. Die Stadt hatte das Gebäude der Künstlerin Doris Schöttler-Böll als Atelierhaus überlassen. Nach ihrem Tode will die Stadt das Gebäude verkaufen – Abriss zu Gunsten neuer Wohnbebauung ist wahrscheinlich. „Die Stadt sagte mir, so eine Ausstellung würde die Verkaufsverhandlungen stören, weil sie Öffentlichkeit herstellt“, berichtet Berlit.

Dabei sei sie grundsätzlich keine Gegnerin von Abriss und Neubau, sie kritisiert jedoch, dass Neubauten selten auf Nachhaltigkeit ausgelegt seien und zu wenig Wert auf Ästhetik in der Architektur gelegt werde. „Man schaut leider nur noch aufs Geld beim Bauen.“

>>> TERMINE UND BETEILIGTE

Die Ausstellung „Verdichtung durch Abriss“ eröffnet am 3. Oktober am Weberplatz 1. Beteiligte Künstler: Anne Berlit, Marita Bullmann, Brigitte Dümling, Benjamin Gages, Dirk Hupe, Ubbo Kügler, Thomas Reul, Dirk Schlichting und Peter Stohrer. Einführung: Dr. Gregor Jansen, Direktor der Kunsthalle Düsseldorf.


Die Ausstellung ist bis zum 15. Oktober do., sa.und so., 17-19 Uhr zu sehen.

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