Reaktionen und Reflexionen

AUSGESTELLT. Fotografien von Bernd Trautvetter im Augustinum und Malereien von Peter Handel in der Galerie Klose.

B eklemmend, abstoßend und schockierend - so fanden viele Bewohner des Augustinums ein Werk des Essener Bildhauers Jörg W. Schirmer. Dieser hatte kürzlich die Senioren des Nobel-Wohnstifts mit einer nackten und orange bemalten Frauenfigur erschreckt, die tanzend den Bewohnern im Foyer einen Totenschädel entgegenstreckte. Flugs wurden Unterschriften gegen diese Ungeheuerlichkeit gesammelt. Im dritten Lebensabschnitt, so der Tenor, wisse man schon, was auf einen zukommt. Doch müsse man dies nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.Die verantwortliche Kulturreferentin des Hauses, Gisela Figgen, äußert im Nachhinein Verständnis. "In Kunstgalerien braucht man nicht gehen, wenn's einem nicht gefällt. Doch das Wohnstift gehört zum persönlichen Lebensumfeld." Die Hausleitung knickte allerdings nicht ein - und lud stattdessen den Künstler zu einer Diskussionsveranstaltung. Schirmer stellte sich rund 150 aufgebrachten Senioren. In der Hauszeitschrift des Augustinums heißt es dazu: "Das Gespräch entwickelte eine eigene kreative Dynamik." Schließlich durfte die Skulptur bis zum Ende der Ausstellung stehen bleiben.Inzwischen ist wieder Ruhe im Wald eingekehrt. An den Fotos aus den vergangenen 15 Jahren, die Bernhard Trautvetter bei der aktuellen Ausstellung an die Wände des zentralen Flures hängte, dürfte nur anstößig sein, dass sie den Betrachter zu einem anderen Sehen anstoßen. Der Titel "Wo Menschen leben" wird in 32 Bildern vor Augen geführt. Die Architekturfotos zeigen Details von meist Essener Gebäuden und Plätzen. Dabei kommt es den 53-jährigen Fotografen und Radfahrer ("Auf dem Fahrrad sehe ich mehr") besonders auf die ungewöhnliche Perspektive an. Spiegelungen sind bei ihm ein Thema. So rotiert das Riesenrad auf dem Burgplatz in der Glasfassade der Volkshochschule. Der Handelshof wird reflektiert in den Scheiben des gegenüberliegenden Kaufhauses. Linien an Häusern kombiniert Trautvetter gern mit Schatten. Aus der Fassadenbeleuchtung eines Rüttenscheider Hotels entwickelte der Essener minimalistische Farbflächen.Alle zwei Monate stellt im "Augustinum" ein anderer, meist Essener Künstler aus - als "Beitrag zur Kulturhauptstadt 2010", wie es heißt. Bernhard Trautvetters Arbeiten sind bis zum 28. Oktober zu sehen.

W as ist die Steigerung von "Fotorealismus"? "Hyperrealismus". So jedenfalls nennt Peter Handel den Malstil, in dem er vorwiegend Akte auf die Leinwand bringt. Der Ausdruck ist nicht einmal übertrieben - wie jetzt zum dritten Mal in der Galerie Klose zu beobachten ist. Die Augen, die Fingernägel. Bis auf den Faltenwurf der spärlich vorhandenen Kleidung, bis aufs aufgestellte Härchen am Oberarm hat sich Handel bei der Darstellung der jungen Frauen um, Realismus (Hyperrealismus?) bemüht. So intensiv bemüht, dass die abgebildeten Damen schon wieder etwas Unwirkliches umgibt, da keine Hautunreinheit, kaum ein Fältchen auf lebende, trotz aller Schönheit doch immer unvollkommene Menschen verweist. Womit wir wieder bei den digitalen Möglichkeiten der modernen Fotografie wären und Werbebildern, die uns ebensolchen Perfektionismus präsentieren.

V ernissage. Freitag, 19.30 Uhr: "Du liebes Tier", Malerei, Skulptur, Installation und Fotografie im Kunst-Raum, Rüttenscheider Straße 56. (tls / wo)

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