Bestattungen

Rheinberg: Bestattungskultur im Wandel

Solch prunkvolle Grabsteine, wie hier in Rheinberg, sieht man immer seltener auf Friedhöfen. 

Solch prunkvolle Grabsteine, wie hier in Rheinberg, sieht man immer seltener auf Friedhöfen. 

Foto: Peter Bußmann

Rheinberg.  Ob Feuerbestattung, ein Grab im Friedwald oder die Asche als Diamant: Die Art, wie Menschen beerdigt werden, ändert sich – ebenso die Rituale.

Vor 20 Jahren war die Erdbestattung in einem Wahlgrab die dominante Bestattungsform. Zu einer Beerdigung sprach der Pfarrer tröstende Worte, das Grab erhielt von einem Steinmetz ein Grabmal. Anders heute: Bestattungskultur und Umgang mit der Trauer haben erhebliche Veränderungen erfahren. Im Spannungsfeld von Individualismus und Anonymität sucht eine mobile, säkularisierte Gesellschaft nach neuem Kontext für den Tod mit und jenseits der Religion. Seit einigen Jahren befindet sich die Bestattungskultur im Umbruch.

Erdbestattung sei nur noch eine der Möglichkeiten, sagt Rheinbergs Bestatter Guido Röttges. Neben klassischen Reihengräbern mit Blumenbeet, den prachtvollen alten Grabmalen und Urnenfeldern findet man mehr ungenutzte Flächen. Fußballfans zieht es beispielsweise auf den blau-weiß-schwarzen Friedhof des Hamburger SV, Naturverbundene suchen letzte Ruhe abseits der Großstadthektik im Friedwald. Solche gibt’s in Goch oder in der Eifel, weiß Röttges. Oder bei Venlo.

Getrauert wird heute nicht mehr nur mit emotionaler Ergriffenheit, sondern auch im Internet. QR-Codes auf Grabsteinen zeigen Lebensgeschichten im virtuellen Raum und erhalten zugleich einen konkreten Ort der Trauer an einem Grab. „Ein Trend geht in Rheinberg zur Feuerbestattung, 60 Prozent sind es“, sagt Röttges.

Die Urne bietet Formen, die das Erdgrab nicht ermöglicht: Grabeskirchen, Kolumbarien – Orsoys St. Nikolaus-Kirche oder St. Anna kommen in die Diskussion – gefragte Stelen wie auf dem Friedhof Annaberg bis zum Verstreuen, in Rheinberg nicht erlaubt. Bestattungen in Naturräumen sind möglich. Unter dem Baum wie in Ossenberg oder Orsoy, jedoch nur für Urnen. Neun Friedhöfe hat Rheinberg übrigens in unterschiedlichsten Formen. Weitere Stelen für Urnen werden kommen, sagt die städtische Friedhofsverwaltung. Ruhefristen auf Friedhöfen, 25 Jahre in Rheinberg, werden nur einmal in Anspruch genommen, nicht verlängert, Identitätsorte für Familien und Menschen gehen verloren. „Die Ex- und Hopp-Mentalität wirkt sich auch hier aus“, heißt es.

Weniger Geld für Bestattungen

Menschen geben, teils notgedrungen, teils bewusst, weniger Geld für die Bestattung aus. Oft nicht mehr im würdigen Rahmen, wie Theologen oder Bestatter klagen. Tod und Sterben sind in offener Gesellschaft ein Tabuthema. Kaum einer weiß, welche Möglichkeiten es gibt, wieviel eine Bestattung kostet. Sterben ist nicht preiswert: In Rheinberg kostet eine Erdbestattung 2.600, das Urnengrab 1.311 Euro, die Einäscherung noch mal 300. Rasengräber gibt’s günstiger. Menschen lassen sich nicht mehr vorschreiben, wie sie trauern. Kirchliche Beteiligung ist in Rheinberg noch immer wichtig, aber nicht mehr selbstverständlich.

Oft wird ein traditionelles Familiengrab aufgegeben. „Vielen ist nicht bewusst, dass die Urne auch da beigesetzt werden kann“, erklärt Röttges. Exotische Wünsche gibt es auch: Die Asche als Diamant oder Asche vom Ballon aus zu verstreuen oder auch Asche ins Weltall zu schießen.

Einer wünscht eine Seebestattung, der andere liebt die Berge und möchte seine Asche in den Schweizer Alpen verstreut wissen. Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine anonyme Bestattung, weil Hinterbliebene weniger Arbeit haben. Oft fehlen nahe Verwandte oder leben weit weg. Wo kein Grab ist, muss auch keiner pflegen. An eine Sterbeversicherung denken nur wenige, wenn sie im Leben stehen. Daher raten Experten wie Röttges, Bestattungswünsche rechtzeitig und vor allem im Einvernehmen mit den Angehörigen festzulegen. Kirchen geht es vor allem um Erhalt einer Bestattungskultur in Würde. Dazu gehört auch ein Name auf einem Grabstein.

Friedhof als Naturschutzgebiet

Alte Traditionen wie Rituale, die früher selbstverständlich zum Tod gehörten, gehen unter: Die Wache am Totenbett, das Waschen des Verstorbenen, die Aufbahrung und das Abschiednehmen am offenen Grab. Friedhöfe gehören heute in den Mittelpunkt der Gesellschaft.

Großstädte weisen Friedhöfe als Naturschutzgebiete aus, die mit Artenvielfalt locken. Patenschaften für denkmalwürdige Grabanlagen helfen, das Gesicht alter Begräbnisstätten zu erhalten. So steht in Rheinberg der alte Friedhof Annaberg von 1833 heute unter Denkmalschutz. Doch auch hier verschwinden immer wieder alte Grabanlagen.

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