Anna-Kapelle

Wenn Steine sprechen könnten...

Die Anna-Kapelle wurde vor 240 Jahren eingeweiht. Damals konnte man das Gotteshaus noch von Weitem erkennen. Heute sind

Die Anna-Kapelle wurde vor 240 Jahren eingeweiht. Damals konnte man das Gotteshaus noch von Weitem erkennen. Heute sind

Foto: WAZ FotoPool

Rheinberg.   ...dann hätte die Anna-Kapelle auf dem Friedhof in Rheinberg eine Menge zu erzählen. Vor 240 Jahren wurde der Neubau eingeweiht. Heute wird der Namenstag der Heiligen Anna mit einem besonderen Programm gefeiert.

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Manche Frau hat heute Namenstag. Jede, die Anna heißt. Denn der 26. Juli ist der Gedenktag der Heiligen Anna, der Großmutter Jesu. Ein Name, den in Rheinberg einen ganzer Ortsteil trägt: Der Annaberg. Ein kleiner Hügel, wohl künstlich von Menschen aufgeschichtet mit einer langen Geschichte, die bis in die Römerzeit reicht, heißt auch so. Über dem ein verstecktes Kleinod thront: Die Anna-Kapelle, die eine wechselvolle Geschichte hat, voller Tragik. Heute, Samstag, gibt’s ein Fest, denn das weiße Gebäude, das übrigens vor genau 240 Jahren neu geweiht wurde, steht im Mittelpunkt des Pfarrbezirks von St. Peter, der samt der neuen Kirche an der Römerstraße der St. Anna gewidmet ist. Auch die Schützenbruderschaft trägt ihren Namen.

Gottesdienst um 8 Uhr

Die Schützen sind es, die als Erste heute morgen um acht Uhr den Namenstag der Heiligen Anna mit einem feierlichen Gottesdienst beginnen, den sie traditionell in der kleinen Kapelle hoch auf dem Hügel feiern. Jahr für Jahr ziehen sie mit Fahnen und Königspaar zur Patronatsmesse über den Friedhof zur Kapelle. Es folgen gestaltete Gebetszeiten um 12, 15 und 17 Uhr. Das Gedenken an St. Anna schließt um 18 Uhr mit einem Festgottesdienst, bei dem beide Gotteshäuser im Mittelpunkt stehen: In einer Lichterprozession zieht die Gemeinde von der Kapelle auf dem Annaberg über den Friedhof herüber zur neuen Kirche, die auch den Namen der Heiligen trägt. Mit einem „Abend der Begegnung“ bei Speis’ und Trank, Gesprächen und Spielen endet der Namenstag.

Hinter hohen Bäumen versteckt ist die Kapelle inzwischen. Das war früher nicht so. Schon von der Stadt konnte man die Kapelle mit dem winzigen Türmchen sehen. Um die sich seit 1833 der Friedhof schmiegt, seit es um die St. Peter Kirche in der Stadt zu eng für Beisetzungen wurde. Noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die Trauerzüge hinter dem schwarzen Rappen und dem Wagen mit dem Sarg zum Annaberg. Entlang des Betweges, der daher seinen Namen hat, zur Römerstraße. Da standen die sieben steinernen Kreuzwegstationen, die es heute in der Form in Nordrhein-Westfalen nur noch einmal bei Telgte gibt. Ein Stadtbaumeister, der es modern liebte, ließ sie nach dem Krieg zertrümmern und in einem Baggerloch an der Graft versenken. Kulturgeschichtlich eine Schande.

Der Hügel, auf dem die Kapelle steht, stammt aus der Römerzeit. Er liegt an der Heerstraße, heute Römerstraße, zwischen Asciburgium, dem Lager bei Moers, und Xanten. Eine Beobachtungswarte der Römer soll dort gewesen sein. 1555 ist erstmals eine Kapelle erwähnt. Im August 1633 tobte unter Führung ihres Hauptmannes eine marodierende Soldateska dorthin. In die Kapelle hatten sich Frauen und Kinder von spanischen und brabantischen Gefangenen vor dem holländischen Gouverneur geflüchtet. Überliefert ist, dass am Altar die Frau des Hauptmanns Zamora mit ihren beiden Kindern betet. Die Mörder schlugen sie nieder, warfen die Leiche den Berg herab, sperrten die Tore ab, brannten die Kapelle mit den betenden Frauen und Kindern nieder. Der Hauptschuldige bereute dies später und legt in seinem Testament fest, dass seine Erben die Kapelle neu aufbauen sollten.

Ein kleines Schmuckstück

Einer der Nachfahren setzte dies 1774 um. Genau heute, vor 240 Jahren, weihte der Kamper Abt Dionysium Genger die Kapelle erneut der Heiligen Anna. Auf ihren Altar stand über zwei Jahrhunderte die Figur der Heiligen Anna Selbdritt, heute als Kostbarkeit in der neuen Kirche. Auch der Altar in der Kapelle, neu restauriert, ist von 1774. Ein besonderes Jubiläum also wird neben dem Namenstag gefeiert. Gleichzeitig mit der Kirchweihe wurde der Weg dahin mit den sieben beidseitig in Stein gehauenen Kreuzwegstationen geziert und eine Stiftung gemacht, dass der Lehrer der Schule mit den Kindern jährlich einmal dorthin wallfahren solle. Damals war allerdings dort noch kein Friedhof, der erst 1833 rund um die Kapelle angelegt wurde.

Die Kapelle war lange Zeit ein kleiner Pilgerort für Menschen aus Rheinberg und Umgebung. Heute ist sie im Eigentum der Stadt, wird von einem Verein, der sich 2008 gründete, liebevoll wieder restauriert und ist längst ein kleines, aber vergessenes Schmuckstück. Laut Schenkungsvertrag von St. Peter an die Stadt Rheinberg ist sie beiden Konfessionen zur Verfügung zu stellen.

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